Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon

Geschichte der Psychoanalyse in den USA

Biografien

Nachdem die APsA mit dem Ende der 1960er Jahre ihren Widerstand gegen die Laienanalyse immer mehr aufgegeben hatte, bildet sie seit 1989 neben Psychiatern auch Psychologen und Sozialarbeiter uneingeschränkt zu Psychoanalytikern aus. Ende 1990 zählten die APsaA und die anderen nordamerikanischen Mitgliedergesellschaften der IPA 3500 Mitglieder (mehr als ein Drittel der IPA), die in 44 Gesellschaften, fünf Forschungsgruppen und 29 Instituten verteilt waren, hinzu kamen 8000 in anderen Gesellschaften organisierte Freudianer.


Ich-Psychologie

Die wichtigste psychoanalytische Theorie der Nachkriegszeit bildete die Ich-Psychologie, deren theoretische Grundlagen Ende der 1930er Jahren von dem Wiener Psychoanalytiker Heinz Hartmann entworfen und nach seiner Emigration im Rahmen der NYPS weiter ausgearbeitet wurden. Weitere wichtige Vertreter der Ich-Psychologie waren Ernst Kris, Rudolph Loewenstein, David Rapaport und Erik Erikson. Nachdem bereits Anna Freud die Bedeutung des Ichs und seiner Abwehrmechanismen hervorgehoben hatte, konzentrierte sich Hartmann - anders als Sigmund Freud, dessen Hauptaugenmerk dem Unbewussten galt - auf die bewussten Anteile und die Anpassungsleistungen des Ichs. Er räumte dem Ich und der Realität mehr Bedeutung für die psychische Entwicklung ein, führte das Selbst als zusätzliche Instanz ein sowie eine konfliktfreie Ich-Sphäre als Voraussetzung für die Entwicklung gesunder Ich-Funktionen. Hartmann gründete 1945 gemeinsam mit Anna Freud und Ernst Kris die von der Ich-Psychologie inspirierte Zeitschrift The Psychoanalytic Study of the Child.
Die Ich-Psychologie fand so großen Wiederhall in den USA, dass sie bis in die 1970er Jahre als die amerikanische Psychoanalyse angesehen wurde.


Theoretische Weiterentwicklungen

Erweiterungen der Ich-Psychologie bildeten Edith Jacobsons Integration von Ich-Psychologie und Objektbeziehungstheorie sowie Margaret Mahlers Konzept der Separation-Individuation in der kindlichen Entwicklung. Der prominenteste amerikanische Vertreter einer Integration von Ich-Psycholgie und Objektbeziehungstheorie war Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre Otto F. Kernberg. Anders als in den lateinamerikanischen Ländern sorgte der ich-psychologische Mainstream in den USA dafür, dass kleinianische und postkleinianische Ansätze der Objektbeziehungstheorie erst spät rezipiert wurden, wofür sich besonders Elizabeth Zetzel einsetzte.
In den 1970er Jahren wurde die Ich-Psychologie von der Selbstpsychologie des aus Wien stammenden Heinz Kohut abgelöst, der wie Sullivan mit der Triebtheorie gebrochen hatte und die narzisstischen Störungen in den Mittelpunkt seiner Theorie stellte. Der Ausdruck "Selbst" dient dabei zur Differenzierung eines Persönlichkeitsanteils im narzisstischen Sinne. Kohut unterschied zwischen einem gesunden Narzissmus als Ausdruck eines starken, lebensfähigen Selbst und einem pathologischen Narzissmus zur Stabilisierung eines schwachen Selbst.
Im Gefolge der Bindungstheorie von John Bowlby, der interpersonellen Theorie Harry Stack Sullivans und der Objektbeziehungstheorie William R. D. Fairbairns entwickelte sich im amerikanischen psychoanalytischen Denken der 1980er Jahre eine beziehungsorientierte Perspektive, die sich statt auf intrapsychisches auf interpsychisches Erleben konzentrierte. Mit diesem "relational turn" der Psychoanalyse in Richtung Intersubjektivität bzw. Relationalität ist die Ansicht verbunden, dass das Seelenleben des Menschen bis ins Unbewusste hinein mit der sozialen Umwelt verbunden und auf andere Menschen bezogen ist. 2001 wurde die International Association for Relational Psychoanalysis and Psychotherapy (IARPP) gegründet.


Aufstieg und Fall

Die Jahre zwischen 1945 und 1965 werden als das Goldene Zeitalter der Psychoanalyse in den Vereinigten Staaten bezeichnet. Sie übte nicht nur auf intellektuelle Kreise großen Einfluss aus, auch in der Erziehung und im Alltag waren psychoanalytische Vorstellungen und Begriffe Allgemeingut. Ihr Stern begann jedoch ab Mitte der 1960er Jahre in der akademischen wie in der öffentlichen Meinung der USA zu sinken. Als Gründe werden u. a. das Fehlen eines weiterentwickelten Denksystems, vergleichbar dem (Post-)Kleinianismus oder dem Lacanianismus, sowie die mangelnde Wissenschaftlichkeit von Freuds Lehre aufgeführt. Die lange Dauer und die hohen Kosten einer psychoanalytischen Behandlung gerieten immer stärker in die Kritik. Mehr gegenwarts- und umweltbezogene Therapieformen wie die Gruppentherapie, die Familientherapie und die Verhaltenstherapie wurden zu einer ernsthaften Konkurrenz der klassischen Psychoanalyse.


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