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Alice Balint Charlotte Balkányi Therese Benedek (Deutschland) Margit Dubovitz Judith Dupont (Frankreich) Izette de Forest (USA) Edit Gyömröi Lilly Hajdu Fanny Hann-Kende Alice Hermann Margit Herz (Österreich) |
Erzsébet Kardos Melanie Klein (England) Vilma Kovács Barbara Lantos (England) Klara Lázár-Gerö (Australien) Kata Lévy Lucy Liebermann Magda Ligeti Vera Ligeti (Österreich) Margaret Mahler (USA) Julia Mannheim (England) |
Livia Nemes Erzsébet Révész Radó Vera Roboz (Australien) Lillian Rotter Clara Thompson (USA) Maria Torok (Frankreich) Katarina Vértes (Skandinavien) Lilla Wagner Rosa Walk (Österreich) |

Alice Székely-Kovács wurde in Budapest geboren, sie war die älteste Tochter der ungarischen Psychoanalytikerin Vilma Kovács und deren erstem Mann Zsigmond Székely. Alices Schwester, die Künstlerin Olga Székely-Kovács, wurde u. a. durch ihre Karikaturen von Psychoanalytikern bekannt. Als ihre Mutter sich von Székely scheiden ließ und den Architekten Frédéric Kovács heiratete, blieben Alice und ihre Geschwister zunächst beim Vater, der sie von einer halbverrückten Gouvernante aufziehen ließ. Nach sechs- bis siebenjähriger Trennung flohen die drei Kinder um 1910 zu ihr Mutter und wurden von Frédéric Kovács adoptiert.
Nach dem Abitur studierte Alice Székely-Kovács Mathematik und Ethnologie in Budapest und wurde eine Schülerin des Ethnopsychoanalytikers Géza Róheim. An der Universität vertiefte sie ihre Bekanntschaft mit Michael Balint (1896-1970), dem Bruder ihrer Schulfreundin Emmi, der dort sein Medizinstudium absolvierte. Beide gingen nach dem Ersten Weltkrieg nach Berlin, um sich dort am Psychoanalytischen Institut ausbilden zu lassen. 1921 heirateten sie und begannen im gleichen Jahr eine Analyse bei Hanns Sachs. Alice Balint wurde 1923 außerordentliches Mitglied der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung. 1924 kehrte sie mit ihrem Mann nach Budapest zurück und schloss zwei Jahre später ihre psychoanalytische Ausbildung bei Sándor Ferenczi ab. 1926 wurde sie Mitglied, später Lehranalytikerin der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung, deren führende Kinderanalytikerin sie in den 1920er und 1930er Jahren war.
1939, nach dem Inkrafttreten antijüdischer Gesetze, verließen die Balints Ungarn und emigrierten mit ihrem Sohn John nach England. Beide wurden noch im gleichen Jahr in die British Psycho-Analytical Society aufgenommen. Alice Balint beteiligte sich am Aufbau einer psychoanalytischen Gesellschaft in Manchester, sie starb jedoch drei Monate nach ihrer Ankunft in England an einer Gehirnblutung.
Das besondere Interesse Alice Balints galt der psychoanalytischen Ethnologie. Sie griff in ihren Fallstudien oft auf ethnologisches Material für kulturvergleichende Überlegungen zurück und zog Parallelen zwischen der Entwicklung des Kindes und der Psychologie der sog. primitiven Völker. Ihr Hauptwerk, die Psychoanalyse der frühen Lebensjahre, das 1931 in Ungarn erschien, ist eine mit vielen Beispielen versehene Pionierarbeit über den Einfluss der Triebobjekte auf die psychische Entwicklung des Kindes. Sie relativierte darin die gesellschaftlichen Erziehungsziele, bejahte aber die Notwendigkeit eines zwingenden erzieherischen Einflusses auf Kinder, wobei diesen jedoch so wenig Opfer wie möglich abverlangt werden sollen. Außerdem hob sie den Einfluss der Außenwelt auf die Entwicklung des Gefühlslebens und des Charakters hervor. (Artikelanfang)
Die Kinderanalytikerin Charlotte (Sári) Balkányi begann 1933, während ihrer Ausbildung an der Budapester Heilpädagogischen Hochschule, eine Lehranalyse bei Endre Almásy, dem späteren Präsidenten der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung. 1941 beendete sie ihre Analyse und wurde 1948 Mitglied der Ungarischen Vereinigung, kurz bevor diese aufgelöst wurde. Ihr Einführungsreferat hielt sie über eine Patientin, die das KZ Bergen-Belsen überlebt hatte.
Im Unterschied zu zahlreichen ungarischen Psychoanalytiker_innen trat Charlotte Balkányi in der Nachkriegszeit nicht der Kommunistischen Partei bei. Sie gehörte zeitweilig dem Kreis der Schicksalsanalytiker um Leopold Szondi an. Die Anhänger dieser ungarischen tiefenpsychologischen Schule vertraten die Ansicht, dass wichtige Entscheidungen im Leben des Einzelnen durch Vererbung beeinflusst werden.
1955 emigrierte Charlotte Balkányi nach England und wurde Mitglied der British Psycho-Analytical Society. Neben der Kinderanalyse befasste sie sich besonders mit Problemen der Sprachtheorie. In ihrer Arbeit Die Verbalisierung in der psychoanalytischen Deutungsarbeit zum Beispiel zeigte sie, ausgehend von Sigmund Freuds Unterscheidung der Sach- und Wortvorstellungen einerseits sowie den psycholinguistischen Thesen Noam Chomskys andererseits, dass Syntax und Affekte gleichermaßen der infantilen Beziehung zum Primärobjekt entstammen. Aus diesem Grund können abgespaltene Affekte durch Verbalisierung bewusst gemacht werden.
Die Kinderanalytikerin Margit Dubovitz [bzw. Dubowitz] gehörte zu den nicht-jüdischen Mitgliedern der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung. Sie war eine Schwester des ungarischen Sozialdemokraten Ernö Garami und verheiratet mit dem Kinderanalytiker Hugo Dubowitz. 1918 begann sie wie ihr Mann eine Analyse bei Sándor Ferenczi, von dem sie schon als Mädchen mit Hypnose behandelt worden war. Zur gleichen Zeit war sie mit Anton von Freund liiert, dem ungarischen Mäzen der psychoanalytischen Bewegung, der 1920 starb. Von 1919 bis 1920 setzte Margit Dubovitz ihre Analyse bei Sigmund Freud in Wien fort.
1929 wurde sie ordentliches Mitglied der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung (MPE). Im gleichen Jahr wurde in Budapest unter ihrer Leitung ein psychoanalytisches Ambulatorium für Kinder im Rahmen der Ungarischen Kinderschutzliga eingerichtet, dem auch eine Ordination und Beratungsstelle für Kinder angeschlossen war. 1931 veranstaltete Margit Dubovitz ihr erstes kinderanalytisches Seminar am Budapester Lehrinstitut der MPE, das sie später regelmäßig durchführte. 1936 besuchte sie zusammen mit Kata Levy in Wien das kinderanalytische Seminar Anna Freuds. Diese hielt in ihrem Buch Das Ich und die Abwehrmechanismen fest, sie verdanke Margit Dubovitz den Hinweis, dass das Nachgrübeln der Jugendlichen über den Sinn des Lebens und Sterbens eine Spiegelung der Arbeit der Destruktion im eigenen Innern bedeutet.

Edit Gyömröi wurde in Budapest geboren, als eine von drei Töchtern des reichen Möbelfabrikanten und Hofrats Márk Gelb und seiner Frau Ilona Pfeifer. Der Vater nahm 1899 im Zuge der Magyarisierung den Namen András Gyömröi an und konvertierte vom jüdischen Glauben zum Katholizismus. Durch ihren Onkel István Hollós, der zu den Gründern der Budapester Psychoanalytischen Vereinigung gehörte, kam Edit Gyömröi bereits früh mit der Psychoanalyse in Berührung.
Von 1911 bis 1914 besuchte sie eine Fachschule für Kunstgewerbe, um Innenarchitektin zu werden, heiratete dann aber den Chemie-Ingenieur Ervin Rényi und zog mit ihm nach Wien. Die Ehe wurde 1918, kurz nach der Geburt ihres Sohnes Gábor, wieder geschieden, und Edit Gyömröi kehrte in ihre Heimatstadt zurück. In Budapest schloss sie sich linken Intellektuellen- und Künstlerkreisen an und war Mitarbeiterin der avantgardistischen Zeitschrift Ma. Während der ungarischen Räterepublik war sie kurzfristig beim Volkskommissariat für Bildungswesen tätig.
Nach dem Scheitern der Revolution 1919 emigrierte sie zunächst nach Wien, dann über Rumänien 1923 nach Berlin, wo sie Lázlo Glück heiratete. Ihre zweite Ehe dauerte bis Ende der 1920er Jahre. Zwischen 1924 und 1929 war Edit Gyömröi-Glück in Berlin zeitweise als Leiterin des Kostümwesens für Filmgesellschaften tätig, daneben arbeitete sie für verschiedene kommunistische Zeitungen.
In dieser Zeit begann sie bei Otto Fenichel eine Analyse, die später in eine Lehranalyse umgewandelt wurde. Obwohl die führenden deutschen Psychoanalytiker Max Eitingon und Felix Boehm ihre Kandidatur wegen ihrer politischen Orientierung ablehnten, wurde sie schließlich zur Ausbildung am Berliner Psychoanalytischen Institut zugelassen. Wie Annie Reich, Edith Jacobssohn, Barbara Lantos, Käthe Misch und Siegfried Bernfeld gehörte Edit Gyömröi der Gruppe marxistischer PsychoanalytikerInnen um Otto Fenichel an. 1932 schloss sie ihre Ausbildung ab und wurde ein Jahr später außerordentliches Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft.
Die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 zwang sie erneut zur Flucht, zunächst nach Prag, wo sie sich am Aufbau der Prager Psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft beteiligte, und noch im gleichen Jahr weiter nach Budapest. Hier wurde sie 1934 als außerordentliches Mitglied in die Ungarische Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Sie hielt u. a. Vorträge vor sozialdemokratischen Frauen über sexuelle Probleme in Kindheit und Ehe und veranstaltete Seminare für Mütter und Pädagogen. 1936 übernahm sie die Behandlung des ungarischen Nationaldichters Attila József. Als sich dessen Zustand während der Analyse verschlechterte - er zeigte plötzlich psychotische Symptome und beging schließlich Selbstmord -, machte man seine Analytikerin dafür verantwortlich. (Artikelanfang)
Nach dem Anschluss Österreichs 1938 an das Deutsche Reich emigrierte Edit Gyömröi mit ihrem leukämiekranken Ehemann, dem Journalisten László Újvári (1900-1940), über Triest nach Ceylon. Nach Újváris Tod heiratete sie 1941 Evelyn Frederick Charles (Lyn) Ludowyk (1906-1985), einen Anglistikprofessor an der Universität Colombo. Sie praktizierte als einzige Psychoanalytikerin in Ceylon, bis sie 1956 mit ihrem Mann nach London übersiedelte. Hier wurde sie Mitglied der British Psycho-Analytical Society und Mitarbeiterin Anna Freuds an der Hampstead Clinic. In den 1970er Jahren unterstützte Edit Ludowyk-Gyömröi den Wiederaufbau der ungarischen Psychoanalyse und deren Integration in die Internationale Psychoanalytische Vereinigung. Sie war bis zu ihrem achtzigsten Lebensjahr in London als Lehranalytikerin tätig.
Theoretisch hat sich Edit Gyömröi, die einen Gedichtband und mehrere unveröffentlichte Romane verfasste, nur wenig geäußert. In ihrem bekanntesten Aufsatz über Die Psychoanalyse eines jungen Konzentrationslageropfers berichtete sie über den Fall einer Jüdin, die in einer Kindergruppe Auschwitz überlebt hatte und als Jugendliche unter Identitätsproblemen litt.

Lilly Hajdu wurde als eines von fünf Kindern des Kaufmanns Mihály Hajdu im ungarischen Miskolc geboren und wuchs in einem assimilierten jüdischen Elternhaus auf. Als sie 1909 ihr Studium begann, gehörte sie wie ihre ältere Schwester Margit zu den ersten Frauen, die in Ungarn Medizin studierten. Als Studentin verkehrte sie im linksintellektuellen Galilei-Kreis, den ihr Schwager, der Arzt Zsigmond Kende, gegründet hatte und zu dessen Mitgliedern auch ihr späterer Ehemann, der jüdische Arzt und Psychiater Miklós Gimes, zählte. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs beendete sie ihr Medizinstudium und trat eine Stelle als Assistenzärztin an der Universitäts-Nervenklinik von Dr. Moravcsik an. 1915 heirateten Lilly und Miklós Gimes, zwei Jahrer später wurde ihr Sohn Miklós geboren, 1920 ihre Tochter Juca.
1919, während der ungarischen Räterepublik, übte Lilly Hajdu eine Funktion im Gesundheitsministerium aus und setzte sich zusammen mit ihrem Mann für die Bekämpfung von Volkskrankheiten ein. Nach der Niederschlagung der Räterepublik und der Verabschiedung antijüdischer Gesetze durch die Regierung Horthy schlossen sich Lilly und Miklós Gimes-Hajdu den Unitariern an. 1921 übernahm sie die ärztliche Leitung des Budapester Frimm-Instituts, einer Einrichtung für geistig behinderte Kinder. 1927 eröffnete sie gemeinsam mit ihrem Mann das Heilpädagogische Institut und Kindererholungsheim Dr. G. Hajdu, in dem sie bis 1933 die Arbeit mit geistig behinderten Kindern fortsetzte.
Während der 1920er Jahre ließ Lilly Hajdu sich zur Psychoanalytikerin ausbilden und machte eine Lehranalyse bei Vilma Kovács. Ihr theoretisch-technischer Lehrer war Sándor Ferenczi. 1933 wurde sie Mitglied des Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung. Sie führte in Budapest eine psychoanalytische Privatpraxis und lehrte am Psychoanalytischen Institut. Von 1938 an konnten die Analytiker im faschistischen Ungarn ihre Seminare nur noch in Privatwohnungen abhalten. Miklós Gimes wurde 1944 von faschistischen Pfeilkreuzlern deportiert und starb in Leitmeritz an Typhus. Lilly Hajdu überlebte diese Zeit dank eines schwedischen Schutzpasses.
Nach dem Krieg trat sie wie viele ihrer KollegInnen in die kommunistische Partei ein und wurde 1947 vom Justizministerium zur Beraterin der Landeskrankenkasse ernannt. Sie beteiligte sich am Wiederaufbau der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung, deren Präsidentin sie von 1947 bis zu ihrer Auflösung 1949 war, als die kommunistische Regierung die Lehre Freuds zur staatsgefährdenden Ideologie erklärte. Lilly Hajdu verteidigte öffentlich die Psychoanalyse und erklärte sie für vereinbar mit der von den Kommunisten favorisierten Pawlowschen Reflextheorie.
Ab Anfang der 1950er Jahre war sie am Landesinstitut für Neurologie und Psychiatrie (Lipótmezö) in Budapest tätig und von 1953 bis 1957 dessen Direktorin. Gleichzeitig führte sie die Landesoberaufsicht für das Psychiatriewesen und setzte sich gegen Zwangsjacken und Schocktherapien und für die Behandlung mit Medikamenten und Arbeitstherapie ein - die psychoanalytische Therapie war in der Psychiatrie nicht zugelassen.
In der Folge des gescheiterten Ungarnaufstands 1956 wurde Lilly Hajdus Sohn, der Journalist Miklós Gimes jun., im politischen Prozess gegen Imre Nagy und seine Anhänger angeklagt und 1958 hingerichtet. Sie selbst wurde 1957 zwangspensioniert, eine Ausreise zu ihrer Tochter in die Schweiz verweigerte man ihr. 1960 setzte Lilly Hajdu mit einer Überdosis Medikamente ihrem Leben ein Ende.
(Artikelanfang)
Lilly Hajdu war eine der ersten AnalytikerInnen, die einen Ursachenzusammenhang zwischen der psychodynamischen Konstellation einer Familie und der Entstehung von Schizophrenie herstellte und für die Ergänzung der Einzelanalyse durch eine Familien- und Gruppentherapie plädierte. In ihrem 1940 erschienenen Aufsatz Contributions to the etiology of schizophrenia stellte sie die These auf, dass eine der Ursachen von Schizophrenie in traumatischen Hungererfahrungen im Säuglingsalter zu suchen sei. Sie hob die Rolle zweier wichtiger Entstehungsfaktoren für die Schizophrenie hervor: den kalten sadistischen Charakter der Mutter und die passive Indifferenz des Vaters.
Hajdus Ansicht nach ist die Schizophrenie mithilfe der Prinzipien der aktiven Technik Ferenczis heilbar, zu denen die Aufgabe der Distanziertheit des Analytikers und das Mitvollziehen regressiver Kommunikationsformen zählt. Die wichtigsten Komponenten der psychoanalytischen Behandlung von Schizophrenen beschrieb sie in ihrem 1933 publizierten Aufsatz zur Analyse der Schizophrenie.
Fanny von Hann-Kende wurde in Budapest geboren und gehörte wie Lilly Hajdu zu den ersten Frauen, die in Ungarn Medizin studierten. Sie promovierte 1914 an der Königlichen Ungarischen Universität in Budapest und lehrte hier von 1914 bis 1920 das Fach Pathologie. Gleichzeitig arbeitete sie als Pathologin an mehreren Budapester Kliniken. Eine 1918 von ihr aufgestellte Diagnose wurde in Fachkreisen als "Hann-Syndrom" bekannt. Nach dem Scheitern der ungarischen Räterepublik 1919 wurde sie als Linke vom Professorenkollegium der Universität ausgeschlossen und verlor ihre Stelle. 1920 heiratete sie den Budapester Arzt Bela Kende, mit dem sie eine Tochter hatte.
Ihre psychoanalytische und psychiatrische Ausbildung erhielt Fanny Hann-Kende zwischen 1927 und 1929 in Wien. Sie machte eine Analyse bei Helene Deutsch und arbeitete an der Wagner-Jauregg-Klinik für Psychiatrie. Zurück in Budapest wurde sie 1930 in die von Sándor Ferenczi geführte Ungarische Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Sie hielt Vorlesungen am Budapester Psychoanalytischen Institut und arbeitete dort bis 1938 als Lehranalytikerin. In dieser Zeit entwickelte sie eine Methode zur Verkürzung der psychoanalytischen Therapie, die sie 1936 in ihrem Vortrag "Ein Versuch der Zeitersparnis in der psychoanalytischen Therapie" auf dem Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Marienbad vorstellte.
1932 hielt Hann-Kende einen Vortrag zur Entwicklungslehre der weiblichen Sexualität, und ein Jahr später veröffentlichte sie ihren Artikel Über Klitorisonanie und Penisneid. Darin stellte sie die Thesen Sigmund Freuds über die normale Weiblichkeitsentwicklung in ähnlicher Weise in Frage wie Karen Horney in ihrem Aufsatz Die Verleugnung der Vagina (1933). Anhand von Beispielen aus außereuropäischen Kulturen zeigte sie, dass es Gesellschaften gibt, in denen der Penisneid unbekannt, die Klitorisonanie dagegen verbreitet ist. Diese könne nicht, wie Freud annahm, auf ein zu überwindendes Entwicklungsstadium beschränkt werden, da sie in den angeführten Beispielen gleichzeitig mit der vaginalen Masturbation ausgeübt werde.
1938 emigrierte Fanny Hann-Kende in die USA und wurde Mitglied und Lehranalytikerin der New York Psychoanalytic Society and Institute. Von 1948 an bis zu ihrem Tod war sie an der Columbia-Universität in der Psychiatrie und der Psychoanalytic Clinic for Training and Research tätig. Zu ihren Lehranalysandinnen zählte damals Ruth Easser.
Fanny Hann-Kende starb kurz vor ihrem 61. Geburtstag an Darmkrebs.

Alice Hermann wude in Abafalva in Ungarn geboren und studierte ab 1915 in Budapest Psychologie, Philosophie und Ästhetik. Von 1919 an arbeitete sie als Praktikantin im Labor des Psychologen Géza Révész und promovierte unter seiner Leitung zum Dr. phil. In ihrer Dissertation, die 1922 teilweise unter dem Titel Kísérleti vizsgálatok a megértés problémáihoz (Experimentelle Untersuchungen zum Problem des Verstehens) veröffentlicht wurde, untersuchte sie das Wortverständnis mithilfe der Inspektionsmethode der Würzburger Schule, einer phänomenologisch orientierten Richtung der Denkpsychologie. 1922 heiratete sie Révész' Assistenten Imre Hermann (1889-1984), der einer der führenden Köpfe der Budapester Schule wurde und einen psychoanalytisch-denkpsychologischen Ansatz vertrat. Aus ihrer Ehe gingen drei Töchter hervor.
Alice Hermann beteiligte sich an Experimenten zu formalen Besonderheiten der Objektwahl und war während der 1920er Jahre in Budapest Leiterin des Berufsberatungslabors für Lehrlinge. In dieser Zeit interessierte sie sich auch für Werbepsychologie und veröffentlichte 1927 mit A reklám lélektanaeines eines der ersten ungarischen Bücher über dieses Thema. Nachdem sie 1929 das Lehrerinnendiplom erworben hatte, ging sie nach Berlin, um dort eine psychoanalytische Ausbildung zu machen. Von Mitte der 1930er Jahre bis 1945 war sie als Psychoanalytikerin tätig, gab dann jedoch ihre therapeutische Praxis auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Alice Hermann wie ihr Mann in die Kommunistische Partei ein und wurde Beraterin des ungarischen Gewerkschaftsbundes bei Erziehungsfragen.
Die folgenden Jahre widmete sie sich schwerpunktmäßig der Kindergartenerziehung. So war sie nach 1949, als die Ungarische Psychoanalytische Vereinigung aufgelöst wurde, am Entwurf der kinderpsychologischen und pädagogischen Richtlinien der kommunistischen Rákosi-Regierung beteiligt. Sie hielt erziehungspsychologische Vorträge und wurde Oberinspektorin der Kindergärten des Demokratischen Verbandes der Ungarischen Frauen. Von 1949 bis 1952 war sie Hauptreferentin für Kindergärten beim Rat der Hauptstadt. Sie bildete zwischen 1952 und 1956 Kindergärtnerinnen aus und war bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1962 Hauptreferentin in der Abteilung für pädagogische Ausbildung im Ministerium für Bildung. (Artikelanfang)
In ihrem 1947 erschienenen Hauptwerk Emberré nevelés [Erziehung zum Menschen], das auf einer Reihe von Vorträgen basiert, richtete sich Alice Hermann gegen die Forderung der traditionellen Erziehung nach absolutem Gehorsam. Stattdessen plädierte sie dafür, Kinder ernst zu nehmen und als gleichrangige Wesen zu behandeln.
Die Kinderärztin Erzsébet Kardos zählte in den 1930er und 1940er Jahren zu den vielversprechendsten Talenten der ungarischen Psychoanalyse. Ihr Schwerpunkt war die Kinderanalyse. Sie schloss sich wie Charlotte Balkányi dem Kreis um Leopold Szondi an, der Mitte der 1930er Jahre in Ungarn die nicht-freudianische Schule der Schicksalsanalyse begründete. Erzsébet Kardos hatte bereits ein Affidavit für Australien, als sie 1945, wenige Tage vor der Befreiung Ungarns, von einem Todeskommando der faschistischen Pfeilkreuzler in Budapest ermordet wurde. Ihr Mann, der ungarische Psychoanalytiker Endre (Andrew) Petö, emigrierte nach der Auflösung der Ungarischen Vereinigung im Jahr 1949 nach Australien und anschließend in die USA.

Die in Szeged in Ungarn geborene Vilma Kovács war die Jüngste von drei Töchtern einer von spanischen Juden abstammenden Familie, die nach dem frühen Tod des Vaters in Armut lebte. Als sie fünfzehn Jahre alt war, wurde sie von ihrer Mutter mit ihrem sehr viel älteren Cousin Zsigmond Székely verheiratet und war mit neunzehn bereits Mutter von drei Kindern. Eine ihrer Töchter, Alice Székely-Kovács, wurde ebenfalls Psychoanalytikerin, die andere, Olga Székely-Kovács (Dormandi), wurde Künstlerin und u. a. durch ihre Karikaturen von Psychoanalytikern bekannt. Olga Dormandis Tochter Judith Dupont setzte die Psychoanalytikerinnen-Genealogie in Frankreich fort.
Als Vilma Prosznitz-Székely an Tuberkulose erkrankte, lernte sie während eines Sanatoriumaufenthalts den wohlhabenden Architekten Frigyes (Frédéric) Kovács. Sie heiratete ihn nach einer schwierigen Scheidung von ihrem ersten Mann. Es wurde ihr verboten, ihre Kinder zu sehen, die erst nach einer Trennung von ca. sieben Jahren zu ihr ziehen konnten und von Frédéric Kovács adoptiert wurden.
Um 1921 konsultierte Vilma Kovács wegen einer Agoraphobie den Psychoanalytiker Sándor Ferenczi, der ihre Fähigkeiten erkannte und die Analyse mit ihr als Lehranalyse fortsetzte. Vilma Kovács wurde eine brillante Schülerin Ferenczis und 1924 Mitglied, später Lehranalytikerin der Budapester Psychoanalytischen Vereinigung. Sie übernahm das Ausbildungsseminar und war eine der ersten TheoretikerInnen des psychoanalytischen Ausbildungssystems. Die von Frédéric Kovács entworfene Villa der Familie in Budapest wurde zum Sitz der Budapester Psychoanalytischen Vereinigung und der psychoanalytischen Poliklinik.
1923 übersetzte Vilma Kovács Sigmund Freuds Aufsatz Jenseits des Lustprinzips ins Ungarische. Ihre erste selbständige psychoanalytische Arbeit war die Analyse eines Falles von "Tic convulsif". Als ihr wichtigster Beitrag zur psychoanalytischen Theorie gilt der Aufsatz Lehranalyse und Kontrollanalyse von 1935, in dem sie das von Max Eitingon eingeführte Baukastensystem der psychoanalytischen Ausbildung in Frage stellte. Ihr vieldiskutierter - Jacques Lacans Auffassung antizipierender - Vorschlag war, dass nicht ein zweiter Kontrollanalytiker die Supervision der ersten Behandlungsfälle eines Analytikers übernehmen sollte, sondern dessen Lehranalytiker, da dieser am besten die zentrale Problematik der Gegenübertragung des Anfängers beurteilen könne. (Artikelanfang)
Mit dem Erstarken des Faschismus in Ungarn begann der Exodus der ungarischen Analytiker. Nachdem ihre Tochter Alice Balint ihre Flucht nach England nur um drei Monate überlebt hatte, folgte Vilma Kovács 1940 einer Einladung von Marie Bonaparte nach Paris, kehrte jedoch noch im gleichen Jahr nach Budapest zurück. Körperlich und seelisch mitgenommen, erkrankte sie an einem Nierenleiden und starb ein Jahr nach ihrer Tochter.
Katharina Lévy wurde als eines von vier Kindern des geadelten reichen Brauereibesitzers Vilmos Freund von Toszeghy in Budapest geboren. Ihr älterer Bruder Anton von Freund war ein Patient und Freund Sigmund Freuds und einer der wichtigsten Mäzene der psychoanalytischen Bewegung. Sie war ausgebildete Sonderschullehrerin und seit 1908 mit dem Internisten Lajos Lévy (1875-1961) verheiratet, der 1913 die Ungarische Psychoanalytische Vereinigung mitgründete. Ihr Sohn Vilmos (i. e. der Bildhauer Peter Lambda) wurde 1911 geboren.
Kata Lévy begann 1918 während eines Budapester Ferienaufenthalts Sigmund Freuds eine Analyse bei ihm, die sie 1920 in Wien fortsetzte. Sie beendete ihre psychoanalytische Ausbildung bei Sándor Ferenczi in Budapest und wurde 1928 ordentliches Mitglied der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung.
Kata Lévy, die sich besonders für Pädagogik interessierte, wählte die Kinderanalyse als ihren Schwerpunkt. 1936 besuchte sie das Wiener kinderpsychologische Seminar Anna Freuds, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verband. Während der 1930er Jahre führte sie in Budapest Seminare für Lehrer_innen durch und war als Eriehungsberaterin an einer Mädchenschule tätig.
Kata Lévy und ihr Mann überlebten Krieg und Faschismus in Ungarn. Als dort nach dem Zweiten Weltkrieg die Kommunisten die Macht übernahmen, verlor sie jedoch ihr Vermögen. Sie praktizierte als Psychoanalytikerin im kommunistischen Ungarn, bis die Lévys 1954 nach London emigrierten, wo beide in die British Psycho-Analytical Society aufgenommen wurden. Hier arbeitete Kata Lévy an der Hampstead Child Therapy Clinic und beteiligte sich an dem von Dorothy Burlingham organisierten Projekt zur Simultananalyse von Müttern und Kindern.
Die aus Budapest stammende Lucy Pátzay-Liebermann beendete 1926 ein Studium an der Budapester Hochschule für Heilpädagogik und war anschließend im Laboratorium von Leopold Szondi, dem Begründer der Schicksalsanalyse, tätig. Von 1928 bis 1937 war sie Mitarbeiterin des Staatlichen Heims für Sprachbehinderungen. 1928 beteiligte sie sich an der Gründung der Ungarischen Psychologischen Gesellschaft, wo sie verschiedene leitende Funktionen ausübte.
Ende der 1920er Jahre absolvierte sie eine psychoanalytische Ausbildung bei Michael Balint und wurde 1932 Mitglied der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung. Sie spezialisierte sich als Kinderanalytikerin und publizierte über Sprach-, Bewegungs- und Persönlichkeitsstörungen von Kindern, über den Selbstmord im Kindesalter sowie über Gruppentechniken. 1937 richtete sie an der Universitäts-Kinderklinik in Budapest eine Erziehungsberatungsstelle ein, die sie zunächst als Angestellte der Klinik, dann von 1959 bis zu ihrem Tod als Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften leitete. Von 1945 bis 1948 lehrte sie außerdem an der Hochschule für Heilpädagogik.
Lucy Liebermann setzte sich für moderne Techniken der Bewegungstherapie ein und stand auch der Europäischen Schule nahe, einer Sammelbewegung ungarischer Avantgardekünstler. Sie war verheiratet mit dem bekannten ungarischen Bildhauer Pál Pátzay (1896-1979), dessen Lenin-Statue bis 1989 an der Dózsa György Avenue in Budapest stand.
Magda Ligeti, in Budapest geboren, studierte in Szeged Medizin und erhielt dort 1934 ihre Zulassung als Ärztin. Durch ihren Mann, den Schauspieler Sándor Peti (1898-1973), unterhielt sie enge Beziehungen zu literarischen und künstlerischen Kreisen. So zählte der 1944 von den Nazis ermordete ungarische Dichter Miklós Radnóti zu ihren Freunden.
Von 1935 bis 1943 arbeitete Magda Ligeti in leitender Position als Neurologin am Jüdischen Krankenhaus in Budapest und führte am Ambulatorium der Klinik Psychotherapien durch. Bei wem sie ihre psychoanalytische Ausbildung absolvierte, ist nicht bekannt, ebensowenig ihr weiteres Wirken nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihr besonderes Interesse galt der Kinderanalyse, und sie veröffentlichte einige psychoanalytische Arbeiten zur sexuellen Aufklärung.

Livia Nemes wurde in Budapest geboren, ihre Eltern waren jüdischer Herkunft und führten in Buda ein Handarbeitsgeschäft. Ihre Tante war die Nervenärztin Lilly Hajdu. Nach dem Besuch einer Gewerbezeichenschule absolvierte sie einen Montessori-Lehrgang, um als Kindergärtnerin zu arbeiten. 1941 begann sie eine Analyse bei Róbert Bak, die sie nach seiner Emigration in die USA bei István Schönberger fortsetzte. Von 1942 an nahm sie an Privatkursen des Psychologen Ferenc Mérei teil.
Den faschistischen Terror in Ungarn überlebte Livia Nemes mithilfe falscher Papiere. Nach dem Krieg studierte sie von 1945 bis 1948 an der Budapester Universität Philosophie und wurde anschließend Assistentin und Mitarbeiterin Méreis an der Pädagogischen Hochschule. Nachdem 1950 das pädagogische Institut Méreis geschlossen worden war - seine Lehre entsprach nicht den Grundsätzen der sozialistischen Erziehung -, schlug sich Livia Nemes die nächsten sechs Jahre als Fabrikarbeiterin durch. Psychologie unterrichten konnte sie erst wieder nach der Revolution von 1956, musste dann jedoch aus politischen Gründen mehr als zwei Jahre im Gefängnis verbringen.
Erst 1963 konnte sie ihre psychoanalytische Ausbildung fortsetzen und eine Lehranalyse bei Imre Hermann machen. Sie gründete 1970 am Budapester Institut für Kinderpsychologie ein Seminar für Entwicklungspsychologie, wo Psychologen und Psychiater sich weiterbilden und analytische Kindertherapie studieren konnten. 1975 wurde sie Mitglied der IPA. 1981 entstand innerhalb der Ungarischen Psychiatrischen Gesellschaft eine psychoanalytische Arbeitsgruppe, die zwei Jahre später als provisorische psychoanalytische Vereinigung von der IPA anerkannt wurde und deren Präsidentin Livia Nemes acht Jahre lang war.
Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Beiträge zur Geschichte der ungarischen Psychoanalyse. Sie befasste sich mit der Beziehung zwischen Sigmund Freud und Sándor Ferenczi und verglich die Arbeit Imre Hermanns mit der Michael Balints. Darüber hinaus veröffentlichte sie Aufsätze zu Themen der Entwicklungspsychologie und zur Rezeption der Psychoanalyse in der Belletristik, insbesondere im Zusammenhang mit dem ungarischen Nationaldichter Attila József. (Artikelanfang)
Erzsébet Révész wurde als Tochter einer katholischen Familie in Nagyvarad in Ungarn geboren. Ihr Bruder Ladislaus Révész war ebenfalls Psychoanalytiker. Sie gehörte zur ersten Generation ungarischer Ärztinnen und spezialisierte sich in Neurologie und Psychiatrie.
Erzsébet Révész praktizierte bereits als Nervenärztin in Ungarn, als sie Ende 1916 nach Wien ging, um eine Analyse bei Sigmund Freud zu beginnen, die sie nach mehrmonatiger Unterbrechung 1918 fortsetzte. Noch im gleichen Jahr wurde sie Mitglied der Wiener und der Budapester Psychoanalytischen Vereinigung. Hier hielt sie 1919 ein Referat über die Psychoanalyse eines Falles von Kleptomanie; zwei weitere Vorträge folgten im Februar 1922 mit den Themen Zur Phylogenese des Globus hystericus und Ein Fall von menstrueller Depression. Sie verwaltete ab 1921 die Bibliothek der Ungarischen Vereinigung und bildete als Lehranalytikerin in Budapest Kandidaten aus, darunter auch Imre Hermann.
1919 heiratete Erzsébet Révész ihren Analysanden Sándor Radó (1890-1972), den Mitbegründer der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung. Nach dem Tod ihres "geliebt-gehassten" Vaters erkrankte sie an progressiver Anämie. Während Radó sich in Berlin von Karl Abraham analysieren ließ, starb sie plötzlich, im sechsten oder siebten Monat schwanger, mitten in einer zweiten Analyse bei Sándor Ferenczi.

Lillian Rotter stammte aus einer gebildeten jüdischen Familie in Budapest. Ihr Vater war Journalist beim Pester Lloyd, ihre Mutter Gesangslehrerin. Die Kindheit Lillian Rotters wurde überschattet von einem Hüftleiden, das mehrere Operationen notwendig machte und sie zu lebenslangem Hinken zwang. Sie studierte in Budapest Medizin und legte 1920 ihr Examen ab. Als Studentin gehörte sie wie Edit Gyömröi und Lilly Hajdu dem linksintellektuellen Galilei-Zirkel an. 1923 heiratete sie ihren Kommilitonen Tivadar Kertész.
Ihre psychoanalytische Ausbildung begann Lillian Rotter im Jahr 1920. Sie machte eine Lehranalyse bei Imre Hermann und wurde 1930 Mitglied der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung. Ihr Interesse galt besonders der Mutter-Kind-Beziehung und der Sexualität der Frau. So beschrieb sie 1934 in ihrem Aufsatz Zur Psychologie der weiblichen Sexualität, wie das Mädchen aus der Entdeckung, am männlichen Körper Erektionen auslösen zu können, Selbstbewusstsein und Machtgefühl bezieht. Rotter folgerte daraus - entgegen der These vom weiblichen Penisneid -, dass eine Frau, die sich ihrer Wirkung auf Männer sicher ist und im sexuell-generativen Leben eine so wichtige Rolle spielt, sich schwerlich kastriert und minderwertig fühlen könne.
Von 1938 an verschärfte sich die Situation auch für die in Ungarn lebenden Juden. 1941 wurden Lillian Rotter-Kertész und ihr Mann verhaftet und vorübergehend im Budapester Ghetto interniert. Trotz der Bedrohung hielt sie gemeinsam mit Endre Petö ihre sog. Mutter-Seminare ab, die 1946 gesammelt unter dem Titel A gyermek lelki fejlodése [Die seelische Entwicklung des Kindes] publiziert wurden.
Nach dem Krieg trat Lillian Rotter wie zahlreiche ihrer Kollegen der regierenden Kommunistischen Partei bei. Sie übernahm es, die Stadt Budapest in Fragen der Psychohygiene zu beraten. Als 1949 die Ungarische Psychoanalytische Vereinigung aufgelöst wurde, bestritt Lillian Rotter die nächsten Jahre ihren Lebensunterhalt als Laborärztin. Mitte der 1960er Jahre beteiligte sie sich an der Neuorganisation der Ungarischen Vereinigung und gründete ein kinderanalytisches Seminar. (Artikelanfang)
Wegen einer schweren Erkankung ihres Mannes litt Lillian Rotter in ihren letzten Lebensjahren unter Depressionen. Sie überlebte ihn um zwei Jahre und starb mit 85 Jahren an Altersschwäche.
Die in Budapest geborene Lilla Vészi-Wagner studierte Philosophie, Psychologie und Ästhetik an der Universität in Szeged und promovierte 1926 zum Dr. phil. In den 1930er Jahren war sie Mitglied der Ungarischen Psychologischen Gesellschaft. 1951 emigrierte sie mit ihrem Mann, dem Politiker Mátyás Vészi, nach England, wo sie zunächst als Bibliothekarin, später als wissenschaftliche Assistentin tätig war. Sie wurde Mitglied der British Psycho-Analytical Society und praktizierte bis 1977 als Psychoanalytikerin in London. Von ihr stammt das 1968 als Band XVIII erschienene deutschsprachige Gesamtregister zu Sigmund Freuds Gesammelten Werken.
Lilla Wagner war eine Grenzgängerin zwischen Psychoanalyse und Literatur. Neben psychologischen und psychoanalytischen Arbeiten schrieb sie Romane, Gedichte und Märchen. Sie veröffentlichte ein Buch über psychologische Anthropologie und eine Biographie über Ernest Jones. Als ihr Hauptwerk gilt ihre Studie A negyedik Petöfi [Der vierte Petöfi] zu Werk und Persönlichkeit des 1849 im Unabhängigkeitskrieg gefallenen ungarischen Nationaldichters Sándor Petöfi.
Der "vierte Petöfi" war für Lilla Wagner der psychoanalytisch gedeutete Petöfi, neben dem Revolutionär, Nationalhelden und Dichter. Aus der Deutung der Bildersprache in den Gedichten Petöfis zog sie den Schluss, dass das ambivalente Verhältnis Petöfis zu seinem Vater die Grundlage für seinen Tyrannenhass bildete, während die Beziehung zur Mutter seinen Patriotismus, seine Naturschilderungen und seine Liebeslyrik prägte. Ihre Petöfi-Studie trug Lilla Wagner Kritik von literarischer wie von psychoanalytischer Seite ein, man warf ihr Willkür und Spekulativität vor.