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Lou Andreas-Salomé (Deutschland) Esther Aptekmann (Schweiz) Rosa Awerbuch Fanny Chalewsky (Schweiz) Sophie Erismann (Schweiz) |
Lia Geschelina Fanya Lowtzky (Israel) Anna Mänchen-Helfen (Österreich) Sara Neiditsch Mira Oberholzer (Schweiz) |
Tatjana Rosenthal Anna Smeliansky (Israel) Vera Schmidt Sabina Spielrein |
Rosa Abramowna Awerbuch [auch Averbuch] wurde in Kasan im russischen Tatarstan geboren und besuchte dort bis 1899 das Mädchengymnasium. Von 1901 an studierte sie in Bern und Zürich Medizin und promovierte 1909 zum Thema Über die Häufigkeit der Harnsteine in der Schweiz. 1912 kehrte sie nach Kasan zurück, wo sie sich bis 1917 in der gewählten regionalen Verwaltung engagierte, die u. a. für den Aufbau des Gesundheitswesens zuständig war. Danach war sie an der Kasaner Universitätsklinik tätig und lehrte dort von 1921 bis 1923 am klinischen Institut.
1921 erschien ihre russische Übersetzung von Sigmund Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse. 1922 wurde sie Mitglied der von Alexander Lurija im gleichen Jahr gegründeten Kasaner Psychoanalytischen Gesellschaft. Dort hielt sie im September 1922 einen Vortrag, in dem sie die psychosexuellen Gründe eines Intellektuellen analysierte, der gegen die von der Räteregierung zur Bekämpfung einer Hungersnot unternommene Konfiskation der Kirchenschätze Widerstand geleistet hatte.
1923 übersiedelte Rosa Awerbuch nach Moskau und trat der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung bei. Bis zu deren Auflösung 1930 war sie Assistentin am Staatlichen Institut für Psychoanalyse, wo sie u. a. in dem von Mosche Wulff geleiteten psychoanalytischen Ambulatorium arbeitete. Von 1925 an war sie außerdem am Institut für experimentelle Psychologie tätig.
Zu den Interessensgebieten Rosa Awerbuchs gehörte die psychoanalytische Deutung des philosophischen Werks von Wassili Rosanow. Über ihr Schicksal nach 1930 ist nichts bekannt.
Die Ärztin Lia [Liya] Solomonowna Geschelina zählte in der ersten Hälfte der 1920er Jahre zu den MitarbeiterInnen des Staatlichen Instituts für Psychoanalyse und des von Vera Schmidt geleiteten psychoanalytischen Kinderheim-Laboratoriums in Moskau. Sie war ab 1924 Mitglied der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung, bis diese 1930 während der stalinistischen Kulturrevolution aufgelöst wurde.
In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre arbeitete Lia Geschelina als Pädologin in Moskau. Aus dieser Zeit datiert ihr 1928 veröffentlichter Aufsatz über das moderne Vorschulkind, worin sie anhand einer 1925/26 von ihr durchgeführten Untersuchung von Moskauer Kindergartenkindern den Einfluss der sozialen und ökonomischen Bedingungen auf die körperliche Entwicklung der Kinder beschrieb.
In den 1930er Jahren gehörte Lia Geschelina zum Forschungsteam des sowjetischen Sprach- und Entwicklungspsychologen Lew S. Wygotski, der 1934 starb. Im Rahmen einer Studie zur Struktur und Entwicklung der Wahrnehmungsfunktion konnte sie bei einem Vergleich normaler Kinder mit taubstummen oder geistig zurückgebliebenen Kindern aufzeigen, dass bereits in einem frühen Alter die Sprache das visuelle Denken und die Wahrnehmung beeinflusst und verändert.
Später war sie als Psychiaterin tätig und plädierte für die psychotherapeutische Behandlung von Schizophrenen.
Sara (Jeanne) Neiditsch wurde in Petersburg geboren. Nach dem Besuch des Mädchengymnasiums studierte sie Medizin, u. a. in Zürich von 1905 bis 1907, und promovierte 1910 in Berlin über das Thema Zur Frage der Kontagiosität des Krebses. Im gleichen Jahr verfasste sie den ersten Bericht über die Situation der Psychoanalyse in Russland. Vermutlich war sie bis 1920 in Petersburg als Ärztin tätig. Danach arbeitete sie an der Poliklinik des Psychoanalytischen Instituts in Berlin. Im Herbst 1923 kehrte sie nach Russland zurück, tauchte jedoch nicht als Mitglied in den Listen der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung auf. Sara Neiditsch war mit der Petersburger Psychoanalytikerin Tatjana Rosenthal befreundet, über die sie 1921 einen Nachruf schrieb.
Tatjana Rosenthal war die erste praktizierende Psychoanalytikerin in Russland. Die aus St. Petersburg stammende Tochter jüdischer Eltern schrieb sich 1902 für Medizin in Zürich ein. Ihr Studium unterbrach sie mehrmals, um an der Revolution in Russland teilzunehmen. Sie schloss sich der sozialdemokratischen Partei und der jüdischen Arbeiterbewegung an und war 1905 Vorsitzende der Studentinnenverbände aller Frauenhochschulen in Petersburg. Ein Jahr später kehrte sie nach Zürich zurück und setzte dort ihr Medizinstudium fort. Im WS 1908/1909 reichte sie ihre Dissertation Über Mastitis puerperalis ein.
Nach der Lektüre der Traumdeutung Sigmund Freuds spezialisierte sich Tatjana Rosenthal auf die Psychiatrie und machte bei C. G. Jung eine psychoanalytische Ausbildung. Sie reiste nach Wien, wo sie Freud traf und an den Sitzungen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung teilnahm. 1911 wurde sie in die WPV und die Berliner Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Im gleichen Jahr trug sie in Berlin ihre psychoanalytische Interpretation von Karin Michaelis' Roman Das gefährliche Alter vor. Am Beispiel der 42jährigen Heldin dieses Romans, die aus ihrer Ehe ausbricht, um ihr Emanzipationsideal zu verwirklichen, zeigte Rosenthal den Zusammenhang zwischen Eheproblemen und zugrundeliegenden Kindheitskonflikten auf.
Zu Beginn der 1910er Jahre kehrte Tatjana Rosenthal nach Petersburg zurück, wo sie sich für die Verbreitung der Freudschen Lehre und deren klinische Anwendung einsetzte. 1919 wurde sie Leiterin der Poliklinik an dem von Wladimir Bechterew neu gegründeten Forschungsinstitut für Gehirnpathologie in Petersburg. Sie führte dort Analysen mit neurotischen Patienten durch und hielt Vorlesungen über Psychoanalyse. Dem Forschungsinstitut wurde 1920 eine Fürsorgeanstalt für psychisch gestörte Kinder angegliedert, deren ärztliche Betreuung sie übernahm. Im gleichen Jahr hielt sie in Moskau einen Vortrag über Die Bedeutung der Freudschen Lehre für die Kindererziehung. Rosenthal strebte eine Integration von Marx und Freud an, von ihr stammte die Idee zu Vera Schmidts Kinderheim-Laboratorium.
Nachdem sie 1917 einen Band mit eigenen Gedichten veröffentlicht hatte, erschien zwei Jahre später der erste Teil ihres Essays über das Leiden und Schaffen Dostojewskis. Darin nahm Tatjana Rosenthal Thesen aus Sigmund Freuds späterer Abhandlung über Dostojewski und die Vatertötung vorweg, obwohl sie dessen "psychosexuellen Monismus" als treibende Kraft des künstlerischen Schaffens ablehnte. Der zweite Teil dieser Arbeit sowie zwei Aufsätze Über den Angsteffekt der Kriegsneurotiker und Über Adlers Individualpsychologie blieben unveröffentlicht. Gegen Ende ihres Lebens scheint sie sich der Individualpsychologie Alfred Adlers zugewandt zu haben. (Artikelanfang)
Tatjana Rosenthal nahm sich im Alter von 36 Jahren in Petersburg das Leben. Sie hinterließ ein kleines Kind. Ihre Freundin Sara Neiditsch schilderte sie in ihrem Nachruf als eine äußerlich kühle, tatkräftige und rationale, aber innerlich unruhige, romantisch-mystische Persönlichkeit mit hohen Idealen. Vermutlich hing ihr Freitod auch mit der Enttäuschung über die zunehmend repressiven politischen Verhältnisse in Russland zusammen.
Die in Odessa geborene Vera Fedorowna Schmidt stammte aus einer Ärztefamilie. Als Kind hing sie besonders an ihrer Mutter Elisaveta Yanitskaja, die nervenkranke Kinder pflegte. Bis 1912 lebte Vera in Petersburg, wo sie Kurse der höheren Frauenbildung besuchte. Von 1913 bis 1916 studierte sie in Kiew Pädagogik und arbeitete nach der Oktoberrevolution von 1918 bis 1920 in der Abteilung für Schulwesen des Volkskommissariats für Aufklärung in Moskau. Seit 1913 war sie mit dem Mathematiker Otto Juljewitsch Schmidt (1891-1956) verheiratet, der zum Gründungskomitee der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung gehörte und u. a. Leiter des sowjetischen Staatsverlags sowie Herausgeber der Psychologischen und Psychoanalytischen Bibliothek war.
1921 eröffnete Vera Schmidt in Moskau das psychoanalytische Kinderheim-Laboratorium, das sie bis 1925 leitete. In dieser Institution wurden zwei- bis vierjährige Kinder nach marxistischen und psychoanalytischen Prinzipien erzogen. Die Eltern waren überwiegend Parteifunktionäre, ein Sohn Stalins soll dabei gewesen sein, ebenso Vera Schmidts 1920 geborener Sohn Vladimir. Das chronisch unterfinanzierte Projekt erhielt seit 1922 Zuwendungen einer deutschen Bergarbeitervereinigung und wurde "Internationale Solidarität" getauft.
Ziel der Erziehung im Kinderheim-Laboratorium war eine Sublimierung ohne Zwang. Die Kinder durften ihre sexuelle Neugierde befriedigen, Bestrafung und Verbote waren verpönt. Kulturell und sozial höherstehende Bedürfnisse sollten sich durch die positive Bindung des Kindes an eine einfühlsame Bezugsperson und den korrigierenden Einfluss des Kinderkollektivs entwickeln. Dieses Erziehungskonzept Vera Schmidts wurde weit über die Sowjetunion hinaus bekannt, es inspirierte noch die antiautoritäre Kinderladenbewegung nach 1968 in Deutschland. Von psychoanalytischer Seite wurde ihre Arbeit damals teils mit Interesse - von Wilhelm Reich und Anna Freud -, teils skeptisch bis feindselig - von der IPA-Leitung und Ernest Jones - aufgenommen. Nach internen Konflikten und Gerüchten über angebliche sexuelle Experimente mit den Kindern ordnete der Große Rat der Volkskommissare 1925 die Liquidierung des Kinderheim-Laboratoriums an. (Artikelanfang)
Vera Schmidt, die 1922 Gründungsmitglied der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung (RPV) war und zwischen 1927 und 1930 als deren Sekretärin fungierte, absolvierte in den 1920er Jahren offenbar ein Medizinstudium, denn ab 1927 führte sie den Doktortitel. Von 1925 bis 1929 arbeitete sie am Institut für höhere Nervenfunktionen der Kommunistischen Akademie in Moskau. Nach der Auflösung der RPV 1930 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für experimentelle Defektologie der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der UdSSR. Sie starb im Alter von 48 Jahren an einem Schilddrüsentumor.

Sabina Spielrein wurde als ältestes von vier Kindern in Rostow am Don geboren. Ihr Vater Naftuli Moschkowitsch Spielrein – russifiziert: Nikolai Arkadjewitsch Spielrein - war ein wohlhabender russisch-jüdischer Kaufmann, ihre Mutter Eva Markowna Ljublinskaja hatte Zahnmedizin studiert, übte diesen Beruf aber nicht aus. Sabina Spielrein besuchte bis 1904 das Mädchengymnasium in Rostow. Bereits während ihrer Schulzeit zeigten sich Symptome einer "psychotischen Hysterie", so dass ihre Eltern sie 1904 nach Zürich in die psychiatrische Klinik Burghölzli schickten. Sie wurde dort von Carl Gustav Jung behandelt und 1905 als geheilt aus der Klinik entlassen.
Noch im selben Jahr nahm sie ein Medizinstudium an der Universität Zürich auf, ihre Analyse setzte sie privat bei Jung fort. Zwischen ihnen entwickelte sich eine Liebesbeziehung, die der verheiratete Jung 1909 beendete. Analyse und Beziehung waren Gegenstand eines berühmten Briefwechsels zwischen C. G. Jung und Sigmund Freud. 1911 promovierte Sabina Spielrein Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie, es war die erste psychoanalytisch orientierte Dissertation einer Frau. Anschließend reiste sie über München nach Wien, wo sie mit Freud zusammentraf und im Oktober 1911 Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung wurde.
1912 erschien Sabina Spielreins wichtigste theoretische Schrift Die Destruktion als Ursache des Werdens. Darin nahm sie Überlegungen Freuds zum Todestrieb vorweg, der sich später in Jenseits des Lustprinzips auf sie bezog. Sie formulierte die These, dass sich der Sexualtrieb aus einer positiven und einer negativen Komponente zusammensetzt und zugleich Werde- wie Zerstörungstrieb ist, analog zur biologischen Zeugung, bei der in der Vereinigung der männlichen mit der weiblichen Zelle jede für sich vernichtet wird, damit Neues entsteht. Lust- und Angstgefühle seien die Reaktion des Ichs auf die der Sexualität innewohnende Tendenz zur Auflösung von Individualität, wobei beim Neurotiker die destruktive Komponente, der "Todesinstinkt", gegenüber der Liebeserregung überwiege.
Sabina Spielrein heiratete 1912 den russisch-jüdischen Arzt Pawel Naumowitsch Scheftel, ein Jahr später wurde ihre Tochter Renata geboren. Von 1912 bis 1914 lebte sie mit ihrer Familie in Berlin und veröffentlichte mehrere psychoanalytische Aufsätze zur Kinder- und Traumanalyse. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs zog sie in die Schweiz, während ihr Mann nach Russland zurückkehrte.
Sie ließ sich in Lausanne nieder und gründete dort 1919 die psychoanalytische Studiengruppe Cercle Interne. 1921 übersiedelte sie mit ihrer Tochter nach Genf und wurde Mitglied der von Edouard Claparède geführten Genfer psychoanalytischen Gesellschaft. Sie hielt Vorlesungen über Psychoanalyse und Pädagogik am Institut Jean-Jacques Rousseau und publizierte zahlreiche Arbeiten, darunter mehrere kinderanalytische Mitteilungen auf der Grundlage von Protokollen aus der Kinderzeit ihrer Tochter. 1922 trat sie von der WPV in die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse über. Ihr berühmtester Analysand in dieser Zeit war Jean Piaget.
1923 kehrte Sabina Spielrein nach Russland zurück, ließ sich in Moskau nieder und wurde Mitglied und Lehranalytikerin der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung. Sie hielt am Staatlichen Institut für Psychoanalyse Vorlesungen und Seminare über Kinderanalyse und arbeitete als Ärztin am Ambulatorium. Außerdem war sie Leiterin der Abteilung Kinderpsychologie an der Moskauer Universität und Mitarbeiterin an dem von Vera Schmidt geführten Kinderheim-Laboratorium.
Sabina Spielrein war eine Pionierin der Kinderanalyse und einer kognitions- und sprachwissenschaftlich untermauerten Psychoanalyse. Einer ihrer Schwerpunkte war die Erforschung kindlichen Denkens und der Sprache. Sie stellte die These auf, dass es autistische und soziale Sprachen gibt, wobei sich letztere aus ersteren entwickelten. 1923 hielt sie mehrere Vorträge in Zürich, Genf und Moskau zum Thema Aphasie. Ihrer Ansicht nach weisen die in der Aphasie auftretenden Denkstörungen Analogien zum frühkindlichen Denken auf.
Anderthalb Jahre nach ihrer Rückkehr in die UdSSR zog Sabina Spielrein in ihre Heimatstadt Rostow, lebte wieder mit ihrem Mann zusammen und bekam 1926 ihre zweite Tochter Eva. Sie war als Pädologin am prophylaktischen Schulambulatorium tätig, wo sie Reihenuntersuchungen zur Früherkennung von Entwicklungsstörungen durchführte, sowie Ärztin an der Psychiatrischen Poliklinik. Nach dem Verbot der Pädologie 1936 arbeitete sie als Schulärztin. Obwohl die Psychoanalyse in der Sowjetunion verboten war, setzte sie ihre psychoanalytische Tätigkeit bis Anfang der 1940er Jahre fort.
1942, nach der Einnahme Rostows durch die Deutsche Wehrmacht, wurden Sabina Spielrein und ihre Töchter zusammen mit den übrigen Rostower Juden von einem SS-Sonderkommando umgebracht. (Artikelanfang)