Psychoanalytikerinnen in den USA

Geschichte *)

Leben und Werk

Frances Arkin
Jessica Benjamin
Anni Bergman
Viola Bernard
Hilde Bruch
Dorothy Burlingham (Österreich)
Nancy Chodorow
Leolia Dalrymple
Muriel Dimen
Lucile Dooley
Helen Flanders Dunbar
Ruth Easser (Kanada)
Marianne Eckardt
Paula Elkisch
Joan Fleming
Izette de Forest
Käte Frankenthal
Frieda Fromm-Reichmann (Deutschland)
Muriel Gardiner (Österreich)
Margaret W. Gerard
Frances H. Gitelson
Phyllis Greenacre
Mary O'Neil Hawkins
Beatrice Hinkle
Karen Horney (Deutschland)
Mary K. Isham
Edith Jacobson (Deutschland)
Edith Jackson
Josephine Jackson
Lucie Jessner
Sarah Kelman
Marion E. Kenworthy
Paulina F. Kernberg
Marjorie R. Leonard
Estelle Levy (Österreich)
Ruth Mack Brunswick (Österreich)
Margaret S. Mahler
Helen V. McLean
Esther Menaker
Jean Baker Miller
Caroline Newton
Mary O'Malley
Anna Ornstein
Eleanor Pavenstedt
Ethel S. Person
Irmarita Putnam
Marian C. Putnam
Bertha C. Reynolds
Janet Rioch
Helen Ross
Lore Reich Rubin
Rose Spiegel
Malvina Stock
Helen Tartakoff
Clara Thompson
Jenny Wälder (Österreich)
Edith Weigert (Deutschland)
Annemarie Weil
Ruth Wilmanns Lidz
Martha Wolfenstein
Elizabeth Zetzel

Frances Arkin (1904-1991)

Frances S. Arkin stammte aus Boston. Sie studierte Medizin, promovierte an der Tufts Medical School und spezialisierte sich in der Psychiatrie. Nach ihrer psychoanalytischen Ausbildung eröffnete sie in New York eine Privatpraxis. Sie war Mitglied der von Karen Horney gegründeten Association for the Advancement of Psychoanalysis, bis sie 1947 mit fünf anderen AAP-Mitgliedern die Society of Medical Psychoanalysts ins Leben rief. Diese Vereinigung war als erste psychoanalytische Organisation der USA mit einer psychiatrischen Universitätsklinik assoziiert, dem von Stephen Jewett geleiteten New York Medical College, dessen Lehrkörper Francis Arkin vierundzwanzig Jahre lang angehörte.
Sie schloss sich der 1956 alternativ zur APsaA gegründeten American Academy of Psychoanalysis an, deren Präsidentin sie von 1960 bis 1961 war. 1978 zog sie nach Miami, wo sie als Konsiliarärztin für die psychiatrische Facharzt-Ausbildung am Miami Veterans Hospital zuständig war, bis sie 1986 in den Ruhestand ging. Francis Arkin, die in Miami mit ihrer Lebensgefährtin Janine Rolland zusammenlebte, starb im Alter von 87 Jahren an einem Schlaganfall.

LITERATUR UND LINKS
-New York Times vom 14.7.1991 (18.7.2008)
-Peters, Uwe H.: Psychiatrie im Exil. Die Emigration der dynamischen Psychiatrie aus Deutschland 1933-1939. Düsseldorf 1992

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Jessica Benjamin (*1946)

Jessica BenjaminDie Feministin und Psychoanalytikerin Jessica Benjamin wuchs in Amerika als Kind jüdischer Einwanderer auf. 1967 begann sie in Frankfurt am Main ein Studium der Sozialwissenschaften bei Theodor W. Adorno, das sie in New York fortsetzte, wo sie 1978 promovierte. Anschließend absolvierte sie eine psychoanalytische Ausbildung und eröffnete eine Privatpraxis in New York. Jessica Benjamin, die zwei Söhne hat, ist Associate Professor of Clinical Psychology im Rahmen des Postdoctoral Program in Psychotherapy and Psychoanalysis an der New York University und lehrt an der New School for Social Research. Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschriften Studies in Gender and Sexuality sowie Psychoanalytic Dialogues und Mitinitiatorin der 2001 gegründeten International Association for Relational Psychoanalysis and Psychotherapy.
Jessica Benjamin gehört zu den wichtigsten TheoretikerInnen der Relationalen Psychoanalyse, einer Strömung des amerikanischen Intersubjektivismus. Eine intersubjektive Position vertritt sie bereits in ihrem bekannten Buch The Bonds of Love, in dem sie das Zusammenwirken von Liebe und Herrschaft als zweiseitigen Prozess traditionell geschlechtsspezifisch verteilter Machtausübung und Machterduldung beschreibt. Eine Brücke zwischen feministischen und psychoanalytischen Theorien schlagend, betrachtet Benjamin das Konzept der Intersubjektivität als eine Alternative zu Machtstrukturen und Gender-Hierarchien in der klassischen Psychoanalyse. Intersubjektivität heißt bei ihr eine durch wechselseitige Anerkennung bestimmte Beziehung. So entwickelt sie in kritischer Revision der Ödipus-Theorie ein intersubjektives Verständnis des Dritten in der Triangulierung: Nicht erst der ödipale Vater repräsentiert das Dritte, sondern bereits in der Mutter-Kind-Symbiose konstituiert sich durch deren harmonische Aufeinander-Einstimmung eine sog. Gemeinschaft im Dritten als intersubjektives Produkt.

Jessica Benjamin, die ihren Ansatz auch als Gegenentwurf zu den vom französischen Poststrukturalismus inspirierten feministischen Positionen in den USA versteht, wurde 2001 mit dem Distinguished Scientist Award der Sektion Psychoanalyse der American Psychological Association ausgezeichnet.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-The end of internalizytion. Adorno's social psychology. Telos 32, 1977, 442-462
-Internalization and Instrumental Culture. A Reinterpretation of Psychoanalysis and Social Theory. Diss. New York 1978
-The Bonds of Love. New York 1988 [Die Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht. Basel; Frankfurt/M. 1993]
-Phantasie und Geschlecht. Psychoanalytische Studien über Idealisierung, Anerkennung und Differenz. Frankfurt/Main, Basel 1993
-(Hg.) Unbestimmte Grenzen. Beiträge zur Psychoanalyse der Geschlechter. Frankfurt/M. 1994
-Like Subjects and Love Objects. Essays on Recognition and Sexual Difference. New Haven, CT 1995
-Shadow of the Other. Intersubjectivity and Gender in Psychoanalysis. New York 1998 [Der Schatten des Anderen. Intersubjektivität - Gender - Psychoanalyse. Frankfurt/M.; Basel 2002]
-The rhythm of recognition. Comments on the work of Louis Sander. Psychoanal Dialogues 12, 2002, 43-54
-Beyond doer and done to. An intersubjective view of thirdness. Psa Quart 73 (1), 2004, 5-46
-Tue ich oder wird mir angetan? Ein intersubjektives Triangulierungskonzept. In M. Altmeyer und H. Thomä (Hg.): Die vernetzte Seele. Die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse. Stuttgart 2006, 65-107

LITERATUR UND LINKS
-Altmeyer, Martin, und Helmut Thomä (Hg.): Die vernetzte Seele. Die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse. Stuttgart 2006
-Baruch, Hoffman Elaine, und Lucienne J. Serrano: Women Analyze Women, in France, England and the United States. New York, London 1988
-Wikipedia (26.3.2008)

ABB.: Centre for Cultural Inquiry - Faculty of Arts, The University of Auckland (2.4.2008)

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Anni Bergman (*1919)

Anni BergmanAnni Bergman[n] emigrierte 1939 von Wien in die USA, wo sie zunächst in Los Angeles als Au-pair-Mädchen bei der Wiener Analytikerin Christine Olden arbeitete. Sie heiratete den Schriftsteller Peter Bergmann und zog in den frühen 1940er Jahren mit ihrer Familie nach New York. Sie war viele Jahre als Musiklehrerin tätig, bevor sie sich zur Kinderanalytikerin ausbilden ließ. Ihre Lehranalytikerin war Margaret Mahler, durch die sie eine Stelle als Forschungsassistentin und Therapeutin von schwer gestörten Kindern und ihren Müttern erhielt.
Als Mitarbeiterin von Margaret Mahler beteiligte sie sich ab 1959 an Untersuchungen über normale Säuglinge und deren Mütter am New Yorker Masters Children's Center, um herauszufinden, auf welche Weise Kinder das Gefühl individueller Einheit entwickeln. Die Ergebnisse wurden 1975 in dem bekannten Buch The Psychological Birth of the Human Infant publiziert. Darin wird Mahlers Loslösungs- und Individuationstheorie vorgestellt und der Entwicklungsprozess von der Mutter-Kind-Symbiose zu Selbst- und Objektrepräsentanzen während der ersten drei Lebensjahre beschrieben.
1983 promovierte Anni Bergman an der City University of New York zum Dr. phil. Sie wurde Lehranalytikerin der New York Freudian Society (NYFS), eröffnete eine psychoanalytische Privatpraxis in New York und lehrte als Professorin für Psychoanalyse an der New York University. Seit 1997 leitet sie das Anni Bergman Parent-Infant Training Program der NYFS zur Weiterbildung von PsychoanalytikerInnen. Ihre Erfahrungen aus drei Jahrzehnten klinischer Forschung und Praxis hat sie 1999 in ihrem Buch Ours, Yours, Mine publiziert.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-I and you. The separation-individuation process in the treatment of a symbiotic child. In J. B. McDevitt und C. F. Settlage (Hg.): Separation-Individuation. Essays in Honor of Margaret S. Mahler. New York 1971, 325-355
-Crises of separation. A challenge for individuation. Continuities and discontinuities in the separation-individuation process for mother and child. Diss. New York 1983
-On the development of female identity. Issues of mother-daughter interaction during the separation-individuation process. Psychoanal Inq 7, 1987, 381-396
-To be or not to be separate. The meaning of hide-and-seek in forming internal representations. Psychoanal Rev 80, 1993, 361-375
-Ours, Yours, Mine. Mutuality and the Emergence of the Seperate Self. Northvale, NJ 1999 [Ich und Du. Die Individuations-und Separationstheorie in psychoanalytischer Forschung und Praxis. Frankfurt/M. 2001]
-(mit Margaret S. Mahler und Fred Pine) The Psychological Birth of the Human Infant. Symbiosis and Individuation. New York 1975 [Die psychische Geburt des Menschen. Symbiose und Individuation. Frankfurt/M. 1978]
-(und M. Fahey) Further inquiry into negotiations of separation-individuation conflicts. A boy and a girl respond to fluctuations in mother's emotional availability. Psychoanal Inq 14, 1994, 83-110
-(und M. Fahey) Two women and their mothers. On the internalization and development of mother-daughter relationships. JAPA 44S, 1996, 449-482
-(und Ilan Harpaz-Rotem) Revisiting Rapprochement in the Light of Contemporary Developmental Theories. JAPA 52, 2004, 555-570

LITERATUR
-Bergmann, Anni: Edith Jacobson zum Geleit. In U. May und E. Mühlleitner (Hg.): Edith Jacobson. Gießen 2005, 9-11
-Roser, K.: Interview with Anni Bergman. Psychoanal Psychol 11, 1994, 397-400
-The Power of the Relationship. A Film Portrait of Dr. Anni Bergman. Van Nuys, CA (Child Development Media) 2003

ABB.: Klett-Cotta Verlag Stuttgart

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Viola Bernard geb. Wertheim (1907-1998)

Viola Bernard 1950Viola W. Bernard, eine Pionierin der Sozial-und Gemeindepsychiatrie in den USA, wurde in New York als Tochter des wohlhabenden deutsch-jüdischen Geschäftsmanns Jacob Wertheim und seiner zweiten Frau Emma Stern geboren. Sie studierte Medizin und erwarb 1936 an der New Yorker Cornell University Medical School ihren Doktorgrad. Anschließend spezialisierte sie sich als Psychiaterin und absolvierte bis 1942 eine psychoanalytische Ausbildung am New York Psychoanalytic Institute. Ihr Lehranalytiker war Sándor Radó.
Ihren Mann Theos Casimir Bernard (1908-1947?), Anthropologe und Anhänger des tibetischen Buddhismus, hatte Viola Wertheim Bernard in einem Ashram namens Clarkstown Country Club kennengelernt, wo sie Ende der 1920er Jahre Yoga und östliche Philosophie studierte. Die 1934 geschlossene Ehe wurde nach vier Jahren wieder geschieden. Kinder hatte sie keine.
Viola Bernard gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Columbia University Center for Psychoanalytic Training and Research, der Group for the Advancement of Psychiatry und der American Academy of Child and Adolescent Psychiatry. Sie gründete die Columbia's Division of Community and Social Psychiatry, deren Direktorin sie von 1956 bis 1969 war. Von 1961 bis 1972 lehrte sie Psychiatrie am Columbia's College of Physicians and Surgeons. Darüber hinaus übte sie verschiedene Funktionen in der APsaA aus und war 1971/72 Vizepräsidentin der American Psychiatric Association. Zu ihren zahlreichen beruflichen Aktivitäten zählte u. a. die Leitung der Family Development Research Unit und der Vorsitz mehrerer Komitees, so des Committee on Community Psychiatry der APsaA (1968-1978).
Ihren Schwerpunkt bildete die Anwendung psychiatrischen und psychoanalytischen Wissens auf soziale Probleme. Bernard betonte den Zusammenhang psychischer Krankheit mit kulturellen und sozioökonomischen Bedingungen und setzte sich dafür ein, dass die Psychoanalyse möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht wird. In ihren über 100 wissenschaftlichen Publikationen behandelte sie sozial- und gemeindepsychiatrische Inhalte und Themen wie Armut, Rassismus und Minderheiten, die Psychodynamik in Familien, Kinderfürsorge, Adoption und die psychosozialen Zusammenhänge von Unfruchtbarkeit. (Artikelanfang)

Ein besonderes Anliegen war ihr die psychische Gesundheit von adoptierten Kindern. Um deren Situation zu verbessern, war sie vierzig Jahre lang als Chief Psychiatric Consultant für die Louise Wise Services, eine New Yorker Adoptionseinrichtung, tätig.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-Psychoanalysis and members of minority groups. JAPA 1, 1953, 256-267
-Application of psychoanalytic concepts in adoption agency practice. In M. Heimann (Hg.): Psychoanalysis and Social Work. New York 1953
-School desegregation. Some psychiatric implications. Psychiatry 21, 1958, 149-158
-Adoption. In Encyclopedia of Mental Health, Bd. 1. New York 1963
-Roles and functions of child psychiatrists in social and community psychiatry. Implications for training. J Amer Acad Child Psych 3, 1964, 165-176
-Some principals of dynamic psychiatry in relation to poverty. Am J Psychiatry 122 (3), 1965, 254-267
-Some aspects of training for community psychiatry in a university medical center. In S. E. Goldstein (Hg.): Concepts of Community Psychiatry. A Framework for Training. Bethesda 1965
-Composite remedies for psychosocial problems. In G. Belasso (Hg.): Psychiatric Care of the Underprivileged. Boston 1971
-Interracial practice in the midst of change. Am J Psychiatry 128, 1972, 978-984
-Some interrelationships of training for community psychiatry, community mental health programmes, and research in social psychiatry. In Proceedings of the World Congress of Psychiatry, Bd. III. Toronto 1973
-Die Adoptionsbewerber sehen das Kind zum ersten Mal: ein kritischer Augenblick. In E. Harms und B. Strehlow (Hg.): Adoptivkind. Traumkind in der Realität. Psychoanalytische Einblicke in die Probleme von adoptierten Kindern und ihren Familien. Idstein 1997 (2. erw. Aufl.)
-Some applications of psychiatry and psychoanalysis to social issues (1983). Psychoanal Rev 85, 1998, 139-170
-(und Eleanor Pavenstedt) Crises of Family Disorganization. Programs to Soften their Impact on Children. New York 1971

LITERATUR UND LINKS
-Herman, Ellen: Viola Wertheim Bernard (1907-1998). The Adoption History Project. Department of History, University of Oregon (21.7.2008)
-Kelly, Kathleen L.: Einführung zu Bernard 1998, 139-141
-Thompson, Nellie L.: American women psychoanalysts 1911-1941. Ann Psychoanal 29, 2001, 161-177
-Viola Bernard Foundation (22.7.2008)
-Viola W. Bernard Papers. Archives and Special Collections, Columbia University Health Sciences Library (29.7.2008)

ABB. von Blackstone. Viola W. Bernard Papers. Archives and Special Collections, Columbia University Health Sciences Library

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Hilde Bruch (1904-1984)

Hilde BruchHilde Bruch kam in Dülken am Niederrhein zur Welt. Sie war das dritte von sieben Kindern des wohlhabenden Viehhändlers Hirsch Bruch und seiner Frau Adele geb. Rath. Ursprünglich wollte sie Mathematikerin oder Modedesignerin werden, wählte dann aber den Arztberuf, der ihr als Mädchen und Jüdin mehr Möglichkeiten bot. Nach einem Studium in Würzburg, Freiburg, München und Köln promovierte sie 1929 zum Dr. med. und spezialisierte sich in Kiel und Leipzig in der Kinderheilkunde. Ab 1932 war sie als niedergelassene Kinderärztin in Ratingen tätig, bis Hitlers Machtübernahme sie ein Jahr später zur Flucht nach England zwang. Von dort emigrierte sie 1934 in die USA, wo die Columbia-Universität in New York ihre Hauptwirkungsstätte wurde.
Von 1941 bis 1943 spezialisierte sich Hilde Bruch am Johns Hopkins Hospital in Baltimore in der Kinderpsychiatrie, zunächst bei Leo Kanner an der Harriet Lane Child Guidance Clinic und ab 1942 an der Henry Phipps Psychiatric Clinic. Gleichzeitig absolvierte sie eine psychoanalytische Ausbildung am Washington Baltimore Psychoanalytic Institute, wo sie Harry Stack Sullivan und Frieda Fromm-Reichmann kennenlernte, bei der sie ihre Lehranalyse machte. Als Fromm-Reichmann, mit der sie auch eng befreundet war, 1957 starb, setzte sie ihre Analyse bei Lawrence S. Kubie fort.
1943 kehrte Hilde Bruch nach New York zurück und eröffnete eine psychiatrische Privatpraxis. Im gleichen Jahr wurde sie Associate Professor und 1959 Clinical Professor of Psychiatry an der Columbia University. Von 1954 bis 1956 leitete sie den Children's Service am New York State Psychiatric Institute, wo sie anschließend bis 1964 als Psychotherapeutic Supervisor tätig war. 1964 erhielt sie eine Professur für Psychiatrie am Baylor College of Medicine in Houston, Texas, und lehrte dort bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 1978.
Hilde Bruchs Interesse galt besonders den schweren Essstörungen. Mitte der 1930er Jahre begann sie über die Ursachen der Fettleibigkeit bei Kindern zu forschen und zeigte, dass deren Übergewicht mit komplexen psychologischen Problemen in der Familie zusammenhängt. Ihr therapeutischer Ansatz beruhte auf der von Harry Stack Sullivan begründeten interpersonalen Psychiatrie, die die Aufmerksamkeit auf das zwischenmenschliche, vor allem familiäre Spannungsfeld richtet.
Seit den 1970er Jahren galt Hilde Bruch als eine Fachautorität auf dem Gebiet der Magersucht (Anorexia nervosa). In ihrem bekanntesten Buch The Golden Cage beschrieb sie das Krankheitsbild der Anorexie und die familiären Hintergründe von 70 magersüchtigen Patienten. Hauptmerkmale der Magersucht sind Störungen im Körperbild, Fehldeutungen innerer und äußerer Reize und ein lähmendes Gefühl des Unvermögens, aus dem der Wunsch nach Kontrolle über den Körper resultiert. Neben dem Schlankheitswahn tragen ehrgeizige, erfolgsorientierte Eltern zu der Essstörung bei. Die Therapie muss nach Bruch am gestörten Selbstbild ansetzen und die eigenen Wünsche der Patientin herausfinden. (Artikelanfang)

Hilde Bruch, die seit 1972 an der Parkinsonschen Krankheit litt, blieb unverheiratet und hatte keine Kinder. Nach dem Krieg adoptierte sie ihren Neffen Herbert, dessen Familie dem Holocaust zum Opfer gefallen war. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen und veröffentlichte neben ihren Büchern über 250 Artikel in Fachzeitschriften.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-Gaswechseluntersuchungen über die Erholung nach Arbeit bei einigen gesunden und kranken Kindern. Jb Kinderhk 121, 1928, 7-28 [Diss.]
-Obesity in childhood. I: Physical growth and development of obese children. Am J Dis Child 58, 1939, 457-484; II: Basal metabolism and serum cholesterol of obese children. Am J Dis Child 58, 1939, 1001-1022; III: Physiologic and psychologic aspects of food intake of obese children. Am J Dis Child 59, 1940, 739-781; IV (mit G. Touraine): The family frame of obese children. Psychosomatic Medicine 2, 1940, 141-206; V: Energy expenditure of obese children. Am J Dis Child 60, 1941, 1082-1109
-Don't Be Afraid of Your Child. A Guide for Perplexed Parents. New York 1952
-The Importance of Overweight. New York 1957
-Studies in Schizophrenia. Kopenhagen 1959
-Eating Disorders. Obesity, Anorexia Nervosa, and the Person Within. New York 1973; London u. a. 1974 [Essstörungen. Zur Psychologie und Therapie von Übergewicht und Magersucht. Frankfurt/M. 1991]
-Learning Psychotherapy. Rationale and Ground Rules. Cambridge, Mass.; London 1974 [Grundzüge der Psychotherapie. Einführung in Theorie und Praxis. Frankfurt/M. 1977]
-The Golden Cage. The Enigma of Anorexia Nervosa. Cambridge, Mass. 1978 [Der goldene Käfig. Das Rätsel der Magersucht. Frankfurt/M. 1980]
-Conversations with Anorexics. Hg. von Danita Czyzewski und Melanie A Suhr. New York 1988 [Das verhungerte Selbst. Gespräche mit Magersüchtigen. Frankfurt/M. 1990]
-Psychotherapie der kindlichen Fettsucht. In G. Biermann (Hg.): Handbuch der Kinderpsychotherapie. Frankfurt/M. 1988, 459-468

LITERATUR UND LINKS
-Bruch, Joanne Hatch: Unlocking the Golden Cage. An Intimate Biography of Hilde Bruch, MD. Carlsbad, Calif. 1996
-Heitkamp, Reinhard: Hilde Bruch (1904-1984), Leben und Werk. Med. Diss. Köln 1987
-Peters, Uwe-Henrik: Hilde Bruch - Der goldene Käfig der Eßstörungen. In ders.: Psychiatrie im Exil. Düsseldorf 1992, 331-341
-Wikipedia (11.4.2008)
-Papers of Hilde Bruch. Manuscript Collection No.7 of the John P. McGovern Historical Collections and Research Center (18.7.2008)

ABB.: Joanne Hatch Bruch; weitere Bilder: Papers of Hilde Bruch (15.4.2008)

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Nancy Chodorow (*1944)

Nancy ChodorowNancy Julia Chodorow ist eine der führenden Theoretikerinnen der feministischen Psychoanalyse in den USA. Sie kam in New York als Tochter des Physikprofessors Marvin Chodorow und der Sozialarbeiterin Leah Ruth Turitz zur Welt. Bis 1966 besuchte sie das Radcliffe College, anschließend studierte sie Soziologie an der Brandeis University und promovierte dort 1975 über Family Structure and Feminine Personality. The Reproduction of Mothering. 1973/74 unterrichtete sie Women's Studies am Wellesley College für Frauen in Massachusetts, und von 1974 bis 1986 war sie Assistant Professor für Soziologie an der University of California in Santa Cruz. 1977 heiratete sie Michael Reich, Professor der Volkswirtschaft, mit dem sie zwei Kinder, Rachel und Gabriel, hat.
Nachdem Nancy Chodorow an einem Seminar für Sozialwissenschaftler am Boston Psychoanalytic Institute teilgenommen hatte, begann sie Mitte der 1980er Jahre eine psychoanalytische Ausbildung am San Francisco Psychoanalytic Institute. Seit 1986 ist sie als niedergelassene Psychoanalytikerin tätig. Bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 2005 war sie Professorin für Soziologie an der University of California in Berkely.
Nancy Chodorows Arbeiten zeichnen sich aus durch eine Verbindung soziologischer Erkenntnisse mit psychoanalytischer Theorie, insbesondere der Objektbeziehungstheorie, die sie aus feministischer Perspektive ergänzt. In ihrem bekanntesten Buch The Reproduction of Mothering zeigt sie, dass sich Mütterlichkeit in einer Gesellschaft, in der primär Frauen für die Kinderpflege verantwortlich sind, durch unterschiedliche Objektbeziehungs-Erfahrungen von Frauen und Männern reproduziert. So ist die Mutter-Tochter-Beziehung von geschlechtlicher Ähnlichkeit geprägt, es kommt nicht zum Bruch und zur Abgrenzung wie beim Sohn, sondern die Tochter bleibt ein Leben lang mit ihrer Mutter identifiziert. Sie erlebt sich als ein "Selbst in Beziehung" mit den entsprechenden Beziehungswünschen und -fähigkeiten, während Jungen nach dem Ödipuskomplex ein vom anderen geschiedenes Selbst entwickeln. Eine solche Reproduktion geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung ließe sich erst mit einer Gleichverteilung der Elternschaft durchbrechen.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-The Reproduction of Mothering. Psychoanalysis and the Sociology of Gender. Berkeley u.a. 1978 [Das Erbe der Mütter. Psychoanalyse und die Soziologie der Geschlechter. München 1985]
-Psychoanalyse und Psychoanalytikerinnen. Psyche 41, 1987, 800-831
-Feminism and Psychoanalytic Theory. New Haven, Conn. 1989
-What is the relation between the psychoanalytic psychology of women and psychoanalytic feminism? Ann Psychoanal 17, 1989, 215-242
-Feminism and Psychoanalytic Theory. New Haven, CT; Cambridge 1989
-Heterosexuality as a compromise formation. Reflections on the psychoanalytic theory of sexual development. Psychoanal Contemp Thought 15, 1992, 267-304
-Family structure and feminine personality. In M. Z. Rosaldo und L. Lamphere (Hg.): Woman, Culture, and Society. Stanford, Calif. 1993, 43-66
-Femininities, Masculinities, Sexualities. Freud and Beyond. Lexington, KY; London 1994
-Reflections on the authority of the past in psychoanalytic thinking. Psa Quart 65 (1), 1996, 32-51
-The Power of Feelings. Personal Meaning in Psychoanalysis, Gender, and Culture. New Haven, CT 1999 [Die Macht der Gefühle. Subjekt und Bedeutung in Psychoanalyse, Geschlecht und Kultur. Stuttgart u. a. 2001]
-Reflections on the reproduction of mothering - twenty years later. Studies in Gender and Sexuality 1, 2000, 337-348
-From behind the couch. Uncertainty and indeterminacy in psychoanalytic theory and practice. Common Knowledge 9 (3), 2003, 463-487
-"Too late". Ambivalence about motherhood, choice, and time. JAPA 51, 2003,1181-1198
-The psychoanalytic vision of Hans Loewald. IJP 84, 2003, 897-913
-The american independent tradition. Loewald, Erikson, and the (possible) rise of intersubjective ego psychology. Psychoanal Dial 14 (2), 2004, 207-232
-Psychoanalysis and women. A personal thirty-five-year retrospect. Ann Psychoanal 32, 2004, 101-129

LITERATUR UND LINKS
-Rohde-Dachser, Christa: Expedition in den dunklen Kontinent. Weiblichkeit im Diskurs der Psychoanalyse. Berlin u. a. 1991
-Schneiderman, Stuart: Everybody's mother is a woman. New York Times, 21.1.1990 (18.7.2008)
-Studienprojekt zur Genderforschung, Graz 2004: Nancy Chodorow (18.7.2008)
-Webster University St. Louis, MO, Seminararbeit (18.7.2008)
-Wikipedia (2.6.2008)

ABB.: Webster University (18.7.2008)

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Leolia Dalrymple (1894-1990)

Die in Toronto geborene Psychiaterin Leolia A. Dalrymple studierte an der Toronto School of Medicine und promovierte dort 1925. Von 1924 bis 1925 praktizierte sie in der Psychiatrie unter Harry Stack Sullivan am Sheppard and Enoch Pratt Hospital in Baltimore. 1925 ging sie nach London und setzte dort ihre Facharztausbildung an der Tavistock Clinic fort. Anschließend leitete sie in Providence den Women's Service am Butler Hospital und lehrte Psychiatrie am Pembroke Frauen-College der Brown University.
Ihre psychoanalytische Ausbildung begann sie 1928 in Boston mit einer Analyse bei dem Rank-Schüler Martin Peck und setzte sie 1930 bis 1931 am Berliner Psychoanalytischen Institut bei Franz Alexander fort. Mitte der 1930er Jahre eröffnete sie dann eine psychoanalytische Praxis in Boston.
Leolia Dalrymple zählte zu den Gründungsmitgliedern der zweiten Boston Psychoanalytic Society, wo sie seit 1940 bis zu ihrer Pensionierung 1969 als Lehranalytikerin tätig war und verschiedene Ämter innehatte. Ihr Schwerpunkt war die Kinderanalyse. Von 1941 bis 1945 arbeitete sie außerdem als Fachärztin für Psychiatrie am Beth Israel Hospital in Boston.
Sie starb 95jährig in Rockport, wo auch ihre Schwester Martha D. Boland lebte.

LITERATUR
-Boston Globe, 4. Februar 1990
-Falzeder, Ernst: Family tree matters. Journal of Analytical Psychology 43 (1), 2002, 127-154

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Muriel Dimen

Muriel DimenDie amerikanische Feministin und Psychoanalytikerin Muriel Dimen promovierte 1970 in Anthropologie an der New Yorker Columbia Universität und lehrte anschließend dieses Fach am Lehman College, City University New York. 1968 begann sie eine persönliche Analyse und ließ sich dann am Postdoctoral Program in Psychoanalysis and Psychotherapy der New Yorker Universität zur Psychoanalytikerin ausbilden. Anschließend eröffnete sie eine psychoanalytische Privatpraxis in New York.
Wie Jessica Benjamin ist Muriel Dimen eine Vertreterin der Relationalen Psychoanalyse, einer Strömung des amerikanischen Intersubjektivismus, und Gründungsmitglied der International Association in Relational Psychoanalysis and Psychotherapy. Sie ist Fakultätsmitglied am New York University Postdoctoral Program in Psychoanalysis and Psychotherapy, Fellow des New York Institute for the Humanities und lehrt an zahlreichen psychoanalytischen und universitären Instituten im In- und Ausland. Außerdem ist sie Herausgeberin der interdisziplinären Zeitschrift Studies in Gender and Sexuality und Mitherausgeberin von Psychoanalytic Dialogues.
Muriel Dimens Interesse gilt besonders dem Problem der Geschlechtsidentität und Fragen von Sexualität und Begehren. Sie bevorzugt die postmoderne Methode der "heteroglossia" und ersetzt das dualistische durch ein paradoxes Sowohl-als-auch-Denken - ein Perspektivwechsel, der ihrer Meinung nach durch die relationale Psychoanalyse begünstigt wird. Zur Aufhebung der Spaltung des Geschlechterdualismus entwirft sie - in Anlehnung an Donald W. Winnicotts Übergangsobjekt - einen Übergangsraum zwischen Männlich und Weiblich, Aktiv und Passiv, Subjekt und Objekt usw. Neben einer Kerngeschlechtlichkeit entsteht so ein multigeschlechtliches Selbst, das die Beweglichkeit der Identifizierungen ermöglicht.

SCHRIFTEN
-Change and Continuity in a Greek Mountain Village. New York, Thesis (Ph.D.) 1970
-The Anthropological Imagination. New York u.a. 1977
-Surviving Sexual Contradictions. A Startling and Different Look at a Day in the Life of a Contemporary Professional Woman. New York 1986
-Adaptive sadomasochism and psychological growth. Commentary. Psychoanalytic Dialogues 3 (2), 1993, 301-308
-The third step. Freud, the feminists, and postmodernism. Am J Psychoanal 55 (4), 1995, 303ff
-The engagement between psychoanalysis and feminism. A report from the front. Contemp Psychoanal 33 (4), 1997, 527ff
-Dekonstruktion von Differenz: Geschlechtsidentität, Spaltung und Übergangsraum. In Jessica Benjamin (Hg.): Unbestimmte Grenzen. Beiträge zur Psychoanalyse der Geschlechter. Frankfurt/M. 1994, 244-268
-Sexuality, Intimacy, Power. Hillsdale, NJ 2003
-The return of the disocciated. Discussion. Psychoanalytic Dialogues 14 (6), 2004, 859ff
-Between mind and matter. In search of the Marx Freud synthesis. Psychoanalysis, Culture & Society 9 (1), 2004, 52-62
-(und Ernestine Friedl) (Hg.) Toward a perspective on the ethnography of Greece. New York 1976
-(und Adrienne Harris) Storms in her Head. Freud and the Construction of Hysteria. New York 2001
-(und Virgina Goldner) Gender in Psychoanalytic Space. Between Clinic and Culture. New York 2002

LITERATUR UND LINKS
-Baruch, Hoffman Elaine, und Lucienne J. Serrano: Women Analyze Women, in France, England and the United States. New York, London 1988
-Bilden, Helga: Geschlechtsidentitäten - angstvolles oder lustvolles Ende der Eindeutigkeit? Forum Berliner Wissenschaftlerinnen stellen sich vor, Nr. 37. Berlin 1999
-Muriel-Dimen-Website (17.7.2008)

ABB.: Muriel-Dimen-Website (17.7.2008)

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Lucile Dooley (1884-1964)

Lucile DooleyLucile Dooley wurde in Stanford, Kentucky, als jüngste Tochter von Tom und Dora Dooley geboren. Sie hatte zwei Schwestern und vier Brüder. Ihr Vater war Lokführer und gelangte durch Baumwollaktien zu Wohlstand. Als Lucile drei Jahre alt war, zog ihre Familie nach Knoxville, Tennessee.
Nach ihrem College-Abschluss im Jahr 1905 war Lucile Dooley drei Jahre lang als Lehrerin an Missionsschulen in den Südstaaten tätig. Dann machte sie eine Ausbildung an der Bible Teacher's Training School in New York. In diese Zeit fiel ihr Besuch der Vorlesungen, die Sigmund Freud 1909 an der Clark University hielt. Nach einer kurzen Tätigkeit als Missionarin der Presbyterian Church in Japan studierte sie ab 1913 Psychologie an der University of Tennessee und machte gleichzeitig von 1913 bis 1915 eine Analyse bei L. Pierce Clark. 1916 promovierte sie an der Clark University mit ihrer Arbeit A psychoanalytic study of Charlotte Brontė as a type of the women of genius.
Noch im gleichen Jahr erhielt sie eine Stelle als Psychotherapeutin an dem von William Alanson White geleiteten St. Elizabeth's Hospital in Washington und begann dort eine psychoanalytische Ausbildung. Während ihrer neunjährigen Tätigkeit am St. Elizabeth's behandelte Lucile Dooley manisch-depressive Patienten und veröffentlichte einige Aufsätze darüber. Sie wurde Mitglied der Washington Psychoanalytic Society, wo sie bald eine führende Rolle spielte, und war seit 1926 Mitglied der APsaA.
Um als Psychiaterin arbeiten zu können, studierte sie von 1917 bis 1922 Medizin an der Johns Hopkins Medical School. 1923/1924 absolvierte sie eine weitere Analyse bei Nolan D. C. Lewis und eröffnete anschließend eine Privatpraxis in Washington. 1930 gehörte sie zu den vierzehn Gründungsmitgliedern der Washington-Baltimore Psychoanalytic Society.
1931/1932 verbrachte Lucile Dooley ein Studienjahr in Wien. Sie besuchte Kurse der WPV und machte eine dritte Analyse bei der amerikanischen Freud-Analysandin Ruth Mack Brunswick. In Wien lernte sie Lotte Franzos kennen, mit der sie bis zu Franzos' Tod 1954 eine enge Freundschaft verband. Nach ihrer Rückkehr war Lucile Dooley von 1933 bis 1935 Präsidentin der Washington-Baltimore Psychoanalytic Society, 1938 wurde sie für eine weitere Amtszeit gewählt. 1933 gründete sie zusammen mit Harry Stack Sullivan und Ernest Hadley die William Alanson White Psychiatric Foundation. Mitte der 1930er Jahre kam es jedoch zu einem Bruch zwischen ihr und Sullivan, dem sie seine Abkehr von der Psychoanalyse und seine wenig abstinente therapeutische Technik vorwarf. (Artikelanfang)

Lucile Dooley vertrat einen Objektbeziehungs-Ansatz und legte wie Ruth Mack Brunswick die Betonung auf die präödipale Beziehung zur Mutter. In ihrem Aufsatz The genesis of psychological sex differences kritisierte sie Freuds Phallozentrismus und postulierte die Existenz einer primären Weiblichkeit. Ihrer Meinung nach versucht das Mädchen mit dem Peniswunsch die Liebe der Mutter zu gewinnen. Besondere Beachtung fanden Dooleys Arbeiten über den Humor, der ihr zufolge im Gegensatz zum Witz niemals sadistisch ist und mit einer wohlwollenden Eltern-Instanz im Über-Ich korrespondiert. Humor als Charakterzug deutete sie darüber hinaus als Abwehr gegen den Masochismus.
1958 ging sie in den Ruhestand und zog nach Knoxville. In ihren letzten Lebensjahren wurde sie von unkontrollierten Wutanfällen heimgesucht, so dass sie in einem Pflegeheim untergebracht werden musste, wo sie zwei Jahre später starb.

SCHRIFTEN
-A study in correlation of normal complexes by means of the association method. Am J Psychol 27 (1), 1916, 119-151
-Analysis of a case of manic-depressive psychosis showing well-marked regressive stages. Psychoanal Rev 5, 1918, 1-46
-Psychoanalytic study of Charlotte Brontė as a type of the woman with genius. Am J Psychol 31, 1920, 221-272
-A psychoanalytic study of manic depressive psychoses. Psychoanal Rev 8, 1921, 38-72, 144-167
-Analysis of a case of dissociation combined with phobias and compulsions. Am J Psychiatry 84, 1927, 245-267
-Psychoanalysis of the character and genius of Emily Brontė. Psychoanal Rev 17, 1930, 208-239
-A note on humor. Psychoanal Rev 21, 1934, 49-58; Whitefish, MT 2007
-The genesis of psychological sex differences. Psychiatry 1, 1938, 181-195
-The relation of humor to masochism. Psychoanal Rev 28, 1941, 37-46

LITERATUR
-Burton, Katherine B.: Lucile Dooley, M.D. Psychoanal Rev 85 (1), 1998, 51-73
-Kurzweil, Edith: USA. In Psychoanalysis International, Bd. 2: America, Asia, Australia. Further European countries. Stuttgart-Bad Cannstatt 1995, 186-234
-Windholz, Emanuel: The relation of humor to masochism: Lucile Dooley. Psychoanal Rev 28, 1941, pp. 37-47. Psa Quart 13, 1944, 390-391

ABB. aus Psychoanal Rev 85 (1), 1998, 5

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Helen Flanders Dunbar (1902-1959)

Bild von Helen Flanders Dunbar

Helen Flanders Dunbar war eine bedeutende Pionierin der Psychosomatik in den USA. Sie wurde in Chicago als ältestes von zwei Kindern geboren. Ihr Vater Francis William Dunbar war Physiker und Mathematiker, ihre Mutter Edith Vaughn Flanders Genealogin. Als Kind und Jugendliche litt die scheue und verletzliche Helen Flanders Dunbar unter Stoffwechselstörungen, so dass sie nicht größer als 1,50 Meter wurde.
Nach Abschluss des Bryn Mawr College im Jahr 1923 studierte Helen Flanders Dunbar Philosophie, Theologie und Medizin. 1927 machte sie am Union Theological Seminary ihren Bachelor-Abschluss in Theologie, und 1929 promovierte sie an der Columbia University in Philosophie mit einer Arbeit über Dante: Symbolism in Medieval. Thought and its Consummation in The Divine Comedy. Gleichzeitig studierte sie ab 1926 Medizin an der Medical School der Yale Universität in New Haven und promovierte hier 1930 über The Optic Mechanisms and Cerebellum of the Telescope Fish.
1929/30 bereiste sie Europa und assistierte bei Felix Deutsch in Wien und am Burghölzli bei C. G. Jung in Zürich. In Wien machte sie eine Analyse bei Helene Deutsch. 1932 heiratete sie den gebürtigen Schweizer Theodore P. Wolfe (1902-1954), der mit Wilhelm Reich zusammenarbeitete. Die Ehe wurde 1939 geschieden und Flanders Dunbar heiratete ein Jahr später den Wirtschaftswissenschaftler und Herausgeber von The New Republic, George Henry Soule (1888-1970). Zwei Jahre später kam ihre Tochter Marcia Dunbar-Soule zur Welt.
Flanders Dunbar war von 1930 bis 1942 medizinische Direktorin des Council for Clinical Training of Theological Students und leitete von 1931 bis 1936 das Joint Committee on Religion and Medicine an der New York Academy of Medicine. Seit Anfang der 1930er Jahre lehrte sie am Columbia Medical College und am Columbia University's College of Physicians and Surgeons sowie von 1941 bis 1949 am New York Psychoanalytic Institute.
Von 1931 bis 1949 war sie am Columbia Presbyterian Hospital und an der Vanderbilt Clinic in New York tätig. Als Leiterin des psychosomatischen Forschungsprogramms am Presbyterian Hospital untersuchte sie den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Krankheit. Dazu erhob sie in den 1930er Jahren die Charaktereigenschaften sowie die familiären und sozialen Hintergründe von 1.600 Patienten mit durchschnittlichen Krankheitsbildern. Wie Franz Alexander mit einer psychoanalytischen Charakterologie arbeitend, stellte sie eine Reihe von psychosomatischen Persönlichkeitsprofilen auf, u. a. den Herzinfarkt-Typus und die Unfall-Persönlichkeit. Ihre Veröffentlichungen zu dieser Untersuchung, Psychosomatic Diagnosis (1943) und Mind and Body (1947), gelten als Klassiker auf diesem Gebiet.
1939 gründete Flanders Dunbar die Zeitschrift Journal of Psychosomatic Medicine, deren Herausgeberin sie bis 1947 war, und 1942 rief sie die American Society for Research in Psychosomatic Problems (später American Psychosomatic Society) ins Leben. Außerdem war sie Mitherausgeberin der Reihe Psychosomatic Medicine Monographs und der Zeitschrift Psychoanalytic Quarterly (1939-1940), ab 1950 gehörte sie der Redaktion von Personality. Symposia on Topical Interests an. (Artikelanfang)

Flanders Dunbar vertrat ein ganzheitliches, organismisches Konzept. Mit dem psychosomatischen Ansatz hoffte sie, die Behandlung geistiger, seelischer und körperlicher Leiden integrieren zu können. Die Psychiatrie bildete für sie eine Disziplin zwischen Religion und medizinischer Wissenschaft, Psychiatrie wie Religion waren ihrer Ansicht nach zwei Aspekte einer symbolischen Sichtweise. Neben der Freudschen Psychoanalyse berief sie sich auch auf die Ideen Wilhelm Reichs und schrieb der psychoanalytischen Therapie die Fähigkeit zu, blockierte Energieströme freizusetzen. Dabei wandte sie eine von Felix Deutsch entwickelte Technik des freien Assoziierens an, die körperliche Sensationen miteinschließt.
Flanders Dunbars Werk geriet in den 1940er Jahren zunehmend in die Kritik, so dass sie sich am Ende des Jahrzehnts enttäuscht zurückzog. Am 21. August 1959 wurde sie in ihrem Swimmingpool tot aufgefunden.

SCHRIFTEN
-The Faith and the New Psychology. Milwaukee 1934 [?]
-Mental hygiene and religious teaching. Mental hygiene 19 (3), 1935
-Emotions and Bodily Changes. A Survey of Literature on Psychosomatic Interrelationships 1910-1933. New York 1935
-Psychoanalytic notes relating to syndromes of asthma and hay fever. Psa Quart 7, 1938, 25-68
-Character and symptom formation. Some preliminary notes with special reference to patients with hypertensive, rheumatic and coronary disease. Psa Quart 8, 1939, 18-47
-Psychoanalysis and somatic dysfunction. Psa Quart 8, 1939, 108-111
-Psychosomatic Diagnosis. New York 1943
-Mind and Body. Psychosomatic Medicine. New York 1947
-Synopsis of Psychosomatic Diagnosis and Treatment. St Louis 1948
-Your Child's Mind and Body. A Practical Guide for Parents. New York 1949
-Technical problems in analysis of psychosomatic disorders with special reference to precision in short-term psychotherapy. IJP 33, 1952, 385-396
-Psychiatry in the Medical Specialties. New York 1959
-Your Preteenager's Mind and Body. Hg. von Benjamin Linder. New York 1962
-Your Teenager's Mind and Body. Hg. von Benjamin Linder. New York 1962

LITERATUR UND LINKS
-Alexander, Franz: In Memoriam Helen Flanders Dunbar. Am J Psychiatry 117, 1960, 189-190
-Hale, Nathan G.: Freud in America, Bd.2: The Rise and Crisis of Psychoanalysis in the United States. Freud and the Americans, 1917-1985. New York, Oxford 1995
-Hart, C. W.: Helen Flanders Dunbar: Physician, Medievalist, Enigma. Journal of Religion and Health 35 (1) 1996, 47-58
-Kemp, Hendrika Vande: Helen Flanders Dunbar (1902-1959). The Feminist Psychologist. Newsletter of the Society for the Psychology of Women, Division 35 of the American Psychological Association, 28 (1), 2001
-May, Ulrike: Psychoanalyse in den USA. In Die Psychologie des 20. Jahrhunderts II: Freud und die Folgen (1). Zürich 1976, 1219-1264
-Powell, Robert C.: Helen Flanders Dunbar and a holistic approach to psychosomatic problems, Tl.1: Psychiatric Quarterly 49 (2), 1977, 133-152; Tl. 2: Psychiatric Quarterly 50 (2), 1978, 144-157
-Wikpedia (18.7.2008)

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Marianne Eckardt geb. Horney (*1913)

Marianne EckardtDie in Berlin geborene Marianne Horney (von) Eckardt war die mittlere von drei Töchtern der Psychoanalytikerin Karen Horney und des Industriellen Oscar Horney. Schon als Zehnjährige machte sie eine Analyse bei Melanie Klein. Sie begann in Berlin ein Medizinstudium, das sie, nachdem sie 1933 ihrer Mutter in die Vereinigten Staaten gefolgt war, an der Medical School der University of Chicago beendete. Danach spezialisierte sie sich an der Payne Whitney Clinic in New York als Psychiaterin.
Ihre psychoanalytische Ausbildung erhielt Marianne Eckardt am New York Psychoanalytic Institute, ihr Lehranalytiker war Erich Fromm. Sie schloss sich keiner der um oder gegen Karen Horney gebildeten Gruppen an und wurde eine freudianische, keine neofreudianische Psychoanalytikerin. Von 1941 an praktizierte sie als Analytikerin in Washington und New York. Anfang der 1950er Jahre arbeitete sie als Therapeutin in der von Alexander Mitscherlich gegründeten Abteilung für Psychosomatische Medizin in Heidelberg und gehörte 1952 der Redaktion der Psyche an.
Marianne Eckardt war Präsidentin der American Academy of Psychoanalysis und Mitglied der Washington School of Psychiatry. Neben ihrer Tätigkeit als Associate Clinical Professor für Psychoanalyse am Department of Psychiatry des New York Medical College publizierte sie vor allem zur Geschichte und über Persönlichkeiten der Psychoanalyse.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-The changing concept of the irrational and its effect on therapeutic technique. J Am Acad Psychoanal 1, 1973, 219-229
-Psychoanalysis today. Some philosophical issues. J Am Acad Psychoanal 2, 1974, 41-54
-A time for change. Our deterministic heritage. Contemp Psychoanal 10, 1974, 317-325
-Organizational schisms in American psychoanalysis. In J. M. Quen und E. T. Carlson (Hg.): American Psycho-Analysis. Origins and Development. New York 1978, 141-161
-Anxiety and our organizational imperatives. J Am Acad Psychoanal 8, 1980, 575-590
-The theme of hope in Erich Fromm's writing. Contemp Psychoanal 18, 1982, 141-152 (9.6.2008)
-The core theme of Erich Fromm's writings and its implication for therapy. J Am Acad Psychoanal 11, 1983, 391-399
-Karen Horney. Her life and contribution. Am J Psychoanal 44, 1984, 236-241
-Psychoanalytic language and moral values. J Am Acad Psychoanal 13, 1985, 285-293
-Psychoanalysis is alive and well. Meeting the challenges of diversity. J Am Acad Psychoanal 16, 1988, 417-430
-Feminine psychology revisited. A historical perspective. Am J Psychoanal 51 (3), 1991, 235-243
-Viewing my own aging. A personal journey of contemplation. In G. H. Pollock (Hg.): How Psychiatrists Look at Aging. Madison, Conn. 1992, 85-95
-Fromm's concept of biophilia. J Am Acad Psychoanal 20, 1992, 233-240
-The changing challenges in the lives of three generations of professional women. Am J Psychoanal 58, 1998, 351-359
-Infinite variety and complexity. An urgent challenge for psychoanalysis. J Am Acad Psychoanal 28, 2000, 577-585
-Franz Alexander. A unique outstanding pioneer. J Am Acad Psychoanal 29, 2001, 105-111
-The impossible ideal. A patient-oriented therapy. Int Forum Psychoanal 11, 2002, 45-48
-Walter Bonime's legacy. Principal contributions. J Am Acad Psychoanal 30 (4), 2002, 547-555
-Karen Horney. A portrait. Am J Psychoanal 66, 2006, 105-108

LITERATUR UND LINKS
-Baruch, Hoffman Elaine, und Lucienne J. Serrano: Women Analyze Women, in France, England and the United States. New York, London 1988
-Lockot, Regine: Die Reinigung der Psychoanalyse. Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft im Spiegel von Dokumenten und Zeitzeugen (1933-1951). Tübingen 1994
-Peters, Uwe H.: Psychiatrie im Exil. Düsseldorf 1992

ABB. aus Baruch/Serrano 1988, 279

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Paula Elkisch (1893-?)

Die Kinderanalytikerin Paula Elkisch stammte aus Berlin, wo sie von 1929 bis 1933 an der Friedrich-Wilhelms-Universität studierte. Ende der 1930er Jahre verließ sie das nationalsozialistische Deutschland und emigrierte in die USA. Sie absolvierte ein Psychologiestudium und promovierte 1944 an der University of Michigan in Ann Arbor mit einer Arbeit über Certain projective techniques as a means of investigating the psycho-dynamic status of children, die in erweiterter Form unter dem Titel Children's Drawings in a Projective Technique veröffentlicht wurde.
Besonders gefördert von Margret Mahler gelang es ihr, in die Psychoanalytische Gesellschaft von Philadelphia aufgenommen zu werden, was ihr als Psychologin sonst nicht möglich gewesen wäre. Paula Elkisch war Mitglied der IPA und gründete in New York eine Gruppe für Kinderanalytikerinnen.

SCHRIFTEN
-Rilke über Frauen. Die Frau 34, 1927, 427-429
-Pädagogische Gedanken zum Geschlechterproblem. Die Frau 35, 1927/28, 23-28
-Children's Drawings in a Projective Technique. Psychological Monographs 58 (1). Evanston, Ill. 1945
-Diagnostic and therapeutic value of projective techniques. A case of a child tiqueur. Am J Psychother 2 (2), 1948, 215-239
-The child's conflict about comic books. Am J Psychother 2 (3), 1948, 483-487
-Simultaneous treatment of a child and his mother. Am J Psychother 7 (1), 1953, 105-130
-The psychological significance of the mirror. JAPA 5, 1957, 235-244
-On infantile precursors of the "influencing machine" (Tausk). Psa Study Child 14, 1959, 219-235
-Free art expression. In Albert I. Rabin (Hg.): Projective Techniques with Children. New York 1960
-Nonverbal, extraverbal, and autistic verbal communication in the treatment of a child tiqueur. Psa Study Child 23, 1968, 423-437
-Symbolic expressive movements in a psychotic-symbiotic case. Int Rev Psycho-Anal 4, 1977, 51-60
-"Totem and taboo" in a latency boy. JAPA 27, 1979, 65-77
-(und Margaret S. Mahler) Some observations on disturbances of the ego in a case of infantile psychosis. Psa Study Child 8, 1953, 252-261

LITERATUR UND LINKS
-Humboldt-Universität zu Berlin, Universitätsarchiv: Politisch und rassisch verfolgte Studenten 1933-1938 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin (3.11.2008)
-Moersch, Emma: Vom Arbeiterkind zur Psychoanalytikerin. In L. M. Hermanns (Hg.), Psychoanalyse in Selbstdarstellungen, Bd. 4. Tübingen 1998, 231-303

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Joan Fleming (1904-1980)

Die amerikanische Psychoanalytikerin Joan Fleming besuchte bis 1924 das Wellesley College für Frauen in Massachusetts und studierte dann bis 1928 Physiologie am Oberlin College in Ohio. Anschließend unterrichtete sie Sport und Physiologie, bevor sie ein Medizinstudium an der Medical School der Universität von Chicago begann. Sie promovierte 1936, spezialisierte sich in der Psychiatrie und erhielt 1943 vom American Board of Psychiatry and Neurology die Zulassung als Psychiaterin.
Ihre psychoanalytische Ausbildung absolvierte Joan Fleming von 1941 bis 1945 am Chicago Institute for Psychoanalysis, ihr Lehranalytiker war N. Lionel Blitzsten. Seit 1952 war sie Lehranalytikerin der Chicago Psychoanalytic Society (C.P.S.), der sie 1957/58 als Präsidentin vorstand. Von 1952 bis 1969 war sie in der C.P.S. als Dekanin für die Organisation der psychoanalytischen Ausbildung von KandidatInnen zuständig. Sie war ein einfussreiches Mitglied der American Psychoanalytic Association und gehörte der Redaktion des Journal of the American Psychoanalytic Association an. Von 1951 bis 1960 lehrte sie außerdem am Psychiatric and Psychosomatic Institute des Michael Reese Hospitals in Chicago.
1969 zog Joan Fleming nach Denver, wo sie an der University of Colorado School of Medicine eine Stelle als Professor für Psychiatrie antrat. Sie gehörte zum Lehrkörper des Denver Psychoanalytic Institute und spielte dort bis zu ihrem Tod ebenfalls eine wichtige Rolle.
Joan Flemings Interesse galt vor allem der psychoanalytischen Ausbildung, die auch den Schwerpunkt ihrer Veröffentlichungen bildet. Sie unterrichtete nicht nur angehende Analytiker, sondern auch Medizinstudenten und Sozialarbeiter. Gemeinsam mit Therese Benedek, mit der sie auch befreundet war, führte Joan Fleming in den 1960er Jahren ein Projekt durch zur Erforschung der intrapsychischen und interpersonellen Prozesse während der Supervision von Analytikeranwärtern. Ihre Ergebnisse stellten Fleming und Benedict in ihrem Buch Psychoanalytic Supervision vor.

Ein weiteres Projekt Joan Flemings war die Arbeit mit Kindern, die eine nahestehende Person verloren haben. Sie leitete auch das Barr-Harris Children's Grief Center der C.P.S., das sich auf die Behandlung solcher Kinder spezialisiert hat.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-What analytic work requires of an analyst. A job analysis. JAPA 9, 1961, 719-729
-Early object deprivation and transference phenomena. The working alliance. Psa Quart 41, 1972, 23-49
-The problem of diagnosis in parent loss cases. Contemp Psychoanal 10, 1974, 439-451
-Some observations on object constancy in the psychoanalysis of adults. JAPA 23, 1975, 743-759
-Chicago selection research. The group interview. Ann Psychoanal 4, 1976, 347-373
-Therese Benedek, M.D., 1892-1977. Psa Quart 47, 1978, 289-292
-The Teaching and Learning of Psychoanalysis. Selected Papers of Joan Fleming, M.D. Hg. von Stanley S. Weiss. New York 1987
-(und Sol Altschul) Activation of mourning and growth by psycho-analysis. IJP 44, 1963, 419-431
-(und Therese Benedek) Supervision. A method of teaching psychoanalysis. Preliminary report. Psa Quart 33, 1964, 71-96
-(und Therese Benedek) Psychoanalytic Supervision. A Method of Clinical Testing. New York, London 1966

LITERATUR UND LINKS
-Dewald, Paul A.: Dedication: Dr. Joan Fleming. Ann Psychoanal 10, 1982, 3-4
-Gaskill, Herbert S.: Joan Fleming-1904-1980. Psa Quart 50, 1981, 413-415
-Kirsner, Douglas: Unfree Associations. Inside Psychoanalytic Institutes. London 2000
-Weidemann, Doris: Leben und Werk von Therese Benedek (1892-1977). Frankfurt/M. u. a. 1988


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Izette de Forest (geb. Tabor)

Die Amerikanerin Izette de Forest war durch ihren Mann Alfred V. de Forest (†1945), Erfinder und Professor für Maschinenbau am MIT, mit dessen Cousine Dorothy Burlingham verwandt. Sie erhielt ihre psychoanalytische Ausbildung bei Sándor Ferenczi in Budapest, bei dem sie von 1925 bis 1927 und dann noch einmal 1929 in Analyse war. Ihre Tochter Judy (Judith de Forest Taves), die später selbst Psychoanalytikerin wurde, gehörte Ende der 1920er Jahre zu den SchülerInnen der Burlingham-Rosenfeld-Schule in Wien-Hietzingen. Während der 1930er Jahre praktizierte Izette de Forest als Analytikerin in New York und organisierte dort eine Diskussionsgruppe für nicht-ärztliche Analytiker. Sie siedelte jedoch bald nach Boston über. Als Ernest Jones nach Ferenczis Tod behauptete, dieser sei geisteskrank gewesen, setzte sich Izette de Forest gemeinsam mit Erich Fromm und Clara Thompson für Ferenczis Rehabilitation ein.

SCHRIFTEN
-The therapeutic techniques of Sandor Ferenczi. IJP 23, 1942, 120-139
-The self-dedication of the psychoneurotic sufferer to hostile protests and revenge. Psa Quart 24, 1950, 706-715
-The Leaven of Love. A Development of the Psychoanalytic Theory and Technique of Sandor Ferenczi. New York, London 1954

LITERATUR
-Bonomi, Carlo: Flight into sanity. Jones's allegation of Ferenczi's insanity reconsidered. IJP 80, 1999, 507-542 [gekürzte Fassung: Ferenczis "geistiger Verfall". Jones' Behauptung neu bewertet. Psyche 53, 1999, 408-418
-Burlingham, Michael John: The Last Tiffany. A Biography of Dorothy Tiffany Burlingham. New York 1989
-Jones, Ernest: Izette de Forest "The Leaven of Love". IJP 37, 1956, 488
-Menaker, Esther: Schwierige Loyalitäten. Gießen 1997

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Käte Frankenthal (1889-1976)

Käte FrankenthalKäte Frankenthal kam in Kiel als Tochter des jüdischen Kaufmanns Julius Frankenthal und seiner Frau Cecilie geb. Goldmann zur Welt. Sie studierte ab 1909 Medizin in Kiel, Heidelberg, Erlangen, München, Wien und Freiburg, wo sie 1914 ihr Staatsexamen ablegte. Im gleichen Jahr promovierte sie in Kiel mit einem Beitrag zur Lehre von den durch Balantidium coli erzeugten Erkrankungen.
Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem sie als Militärärztin der österreichischen Armee teilnahm, war sie Assistenzärztin an der Berliner Charité, zunächst im Institut für Krebsforschung und von 1921 bis 1925 in der chemischen Abteilung des Pathologischen Instituts. Gleichzeitig baute sie sich in Berlin eine allgemeinärztliche Paxis auf, beriet bei Ehe- und Sexualproblemen und verteilte als Gegnerin des Paragraphen 218 kostenlos Verhütungsmittel.
Seit ca. 1918 - wie Margarete Stegmann - Mitglied der SPD, war Käte Frankenthal von 1920 bis 1925 Bezirksverordnete in Berlin-Tiergarten und gehörte von 1925 bis 1931 der Berliner Stadtverordnetenversammlung an. 1928 wurde sie zur Stadtärztin im proletarischen Neukölln ernannt, wo sie auch die kommunale Eheberatungsstelle leitete. 1930 kam sie als Nachrückerin in den Preußischen Landtag. Ein Jahr später wechselte sie von der SPD, deren Tolerierungspolitik sie nicht mittragen wollte, zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands.
Nach Hitlers Machtübernahme wurde Käte Frankenthal wegen ihrer "nichtarischen" Herkunft aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Mitte 1933 emigrierte sie über Prag, Frankreich und die Schweiz schließlich 1936 in die USA. Nachdem sie sich anfangs noch mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen musste, konnte sie ab 1939 eine psychiatrische Privatpraxis in New York City aufbauen, die sie bis an ihr Lebensende betrieb.
1943 begann sie eine psychoanalytische Ausbildung am New Yorker Institut der Washington School of Psychiatry, ab 1946 William Alanson White Institute, zunächst bei Clara Thompson, dann bei Harry Stack Sullivan, ihrem Lehranalytiker. 1947 erhielt sie ihr Diplom und war bis 1949 Mitglied des Lehrkörpers am WAWI. Sie übernahm Sullivans Behandlungsmethode und ergänzte dessen interpersonale Theorie, indem sie sozio-ökonomische Faktoren miteinbezog.
Von 1947 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1972 war Käte Frankenthal als beratende Psychiaterin und Psychoanalytikerin beim Jewish Family Service in New York tätig und bildete dort Sozialarbeiter und Psychologen aus. Einer ihrer Schwerpunkte war die Theorie und Behandlung der Angst, die ihrer Ansicht nach eine entscheidende Rolle bei psychischen Störungen spielt. Weitere Themen ihrer Seminare und Vorträge waren u. a. sexuelle Aufklärung, Sexualtherapie, Ehe- und Familienberatung sowie die Rolle von Frau und Familie in der modernen Gesellschaft. (Artikelanfang)

Käte Frankenthal starb im Alter von 87 Jahren an Arteriosklerose.

SCHRIFTEN [ausführliche Bibliografie in Frankenthal 1981]
-Auswaschung des Organismus durch Mineralwasserkuren. Zeitschrift für physikalische und diätetische Therapie 24, 1920, 313-330
-Zur Frage der Straflosigkeit der Abtreibung. Zeitschrift für Sexualwissenschaft 8, 1920, 29-34
-Kommunale Gesundheitspflege. Die Gemeinde 5, 1928, 1011-1014
-Die biologische Tragödie der Frau. Die Genossin 5 (1), 1928, 10-13
-Zur Reform des öffentlichen Gesundheitswesens. Die Gemeinde 7, 1930, 772-776
-§ 218 streichen - nicht ändern. Berlin 1931
-Ärzteschaft und Faschismus. Der soziale Arzt 8 (6), 1932, 101-107
-(Pseudonym Käte Kenta) Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik im Dritten Reich. Sozialärztliche Rundschau (Wien) 4 (6), 1933, 97-99
-(Pseudonym Käte Kenta) Konzentrationslager für Frauen. Die neue Weltbühne (Prag) 32 (4), 1936, 100-104
-The role of sex in modern society. Psychiatry 8, 1945, 19-25
-The psychology of women in a changing world. In Symposium on Feminine Psychology. Dep. of Psychiatry, N.Y. Medical College 03/1950, 31-36
-Background for Tomorrow. New York 1953
-Women in industry - Its affects on family health. Acta Medica et Sociologica I (1-3), 1962, 313-320
-Der dreifache Fluch. Jüdin, Intellektuelle, Sozialistin. Lebenserinnerungen einer Ärztin in Deutschland und im Exil. Hg. von K. M. Pearle und S. Leibfried. Frankfurt/M. u.a. 1981
-(mit Felix Boenheim und Kurt Glaser) Aufbau eines demokratischen Gesundheitswesens in Deutschland. New York 1945. Forum für Medizin und Gesundheitspolitik Nr. 17 (Juli), 1981, 77-95

LITERATUR UND LINKS
-Dokumentation Ärztinnen im Kaiserreich. Institut für Geschichte der Medizin, FU Berlin (30.6.2009)
-Eckart, W. U.: Käte Frankenthal. Ärztin, Psychiaterin, Sozialhygienikerin, Gesundheitspolitikerin. Ärzte Lexikon. Heidelberg 2006 + Onmeda (12.6.2008)
-Meyer, Bernhard: Eine Medizinerin in der Politik. Die Ärztin Käte Frankenthal (1889-1976). Berlinische Monatsschrift H. 7, 1999, 67-72 + Edition Luisenstadt (12.6.2008)
-Pearle, Kathleen M., und Stephan Leibfried: Endpunkt einer Flucht: Käte Frankenthal in den USA (1936-1976). In Frankenthal 1981, 249-267
-Schwoch, Rebecca, und Walter Wuttke: Herbert Lewin und Käte Frankenthal. Zwei jüdische Ärzte aus Deutschland. Dtsch. Ärzteblatt 110, 2004, H. 19, S. A 1319-1320 (12.6.2008)
-Steiner, Elke: Zwei jüdische Ärzte aus Deutschland: Herbert Lewin und Käte Frankenthal. Wiesbaden 2005 (Comic)
-Wikipedia (12.6.2008)

ABB.: Sozialpolitisches Archiv des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen

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Margaret Gerard geb. Wilson (1894-1954)

Die amerikanische Kinderpsychiaterin und Psychoanalytikerin Margaret Elizabeth Wilson Gerard promovierte mit einer Arbeit über Neuroanatomie und schloss 1925 ihr Medizinstudium am Rush Medical College in Chicago ab. Kurz zuvor hatte sie den Neurophysiologen und Verhaltenswissenschaftler Ralph Waldo Gerard (1900-1974) geheiratet. Sie spezialisierte sich in Pädiatrie und Psychiatrie und war bis zu ihrem Tod als Kinderpsychiaterin im mittleren Westen der USA tätig.
Margaret W. Gerard absolvierte in den 1930er Jahren eine kinderanalytische Ausbildung bei Anna Freud in Wien und war Lehranalytikerin an dem von Franz Alexander geleiteten Institute for Psychoanalysis in Chicago, wo sie sich besonders der Kinderanalyse widmete. Von 1944 bis 1946 amtierte sie als Präsidentin der Chicago Psychoanalytic Society. Wie ihre Kolleginnen Helen Flanders Dunbar und Therese Benedek war Margaret Gerard eine Vertreterin der psychosomatisch orientierten Psychoanalyse. Sie war Mitglied der American Psychosomatic Society und gehörte dem Beirat der von Dunbar gegründeten Zeitschrift Psychosomatic Medicine an. Ihr postum erschienenes Buch The Emotionally Disturbed Child enthält ihre wichtigsten Arbeiten auf dem Gebiet der Kinderpsychiatrie.

SCHRIFTEN
-Afferent impulses of the trigeminal nerve. The intramedullary course of the painful, thermal and tactile impulses. Archives of Neurology and Psychiatry 9, 1923, 306-338
-Child analysis as a technique in the investigation of mental mechanisms. Illustrated by a study of enuresis. Am J Psychiatry 94, 1937, 653-663
-Enuresis. A study in etiology. Am J Orthopsychiat 9, 1939, 48-58
-Bronchial asthma in children. Nervous Child 5, 1946, 327-331
-The psychogenic tic in ego development. Psa Study Child 2, 1946, 133-162
-Alleviation of rigid standards. In F. Alexander u. a.: Psychoanalytic Therapy. Principles and Application. New York 1946, 233-267
-Emotional disorders of childhood. In F. Alexander und H. Ross (Hg.): Dynamic Psychiatry. Chicago und London 1952
-Genesis of psychosomatic symptoms in infancy. In F. Deutsch (Hg.): The Psychosomatic Concept in Psychoanalysis. New York 1953, 124-130
-The Emotionally Disturbed Child. Papers on Diagnosis, Treatment, and Care. New York 1956 [?]; 1957 (2. Aufl.)

LITERATUR UND LINKS
-Beiser, Helen R.: Child analysis in Chicago. Ann Psychoanal 9, 1981, 3-7
-Kety, Seymour S.: Ralph Waldo Gerard. October 7, 1900-February 17, 1974. Biographical Memoirs 53, 1982, 178-210
-Psa Quart 23, 1954, 311

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Frances H. Gitelson geb. Hannett (*1905)

Frances Hannett wurde in Chicago geboren, ihr Vater war Mechaniker bei der International Harvester Company, ihre Mutter Lehrerin. Sie studierte Medizin an der Northwestern University Medical School und erwarb dort 1932 ihren Doktortitel. Ihre psychiatrische Facharztausbildung begann sie am Institute of Juvenile Research in Chicago, wo sie ihren Mann, den Psychiater und späteren IPA-Präsidenten Maxwell Gitelson (1902-1965), kennenlernte. Aus ihrer in Boston geschlossenen Ehe ging ihr Sohn Derek hervor.
Frances Hannett Gitelson beendete ihre Facharztausbildung am Psychiatric Hospital in Boston; ihre Ausbildung zur Analytikerin erhielt sie an den psychoanalytischen Instituten in Boston und Chicago. Sie arbeitete seit 1952 als Lehranalytikerin der Chicago Psychoanalytic Society, deren Präsidentin sie von 1962 bis 1963 war, und führte gemeinsam mit ihrem Mann eine psychoanalytische Privatpraxis in Chicago. Von 1969 bis 1973 amtierte sie als Sekretärin der IPA.
Francis Hannett Gitelsons 1964 erschienener Aufsatz The haunting lyric gilt heute noch als die sorgfältigste psychoanalytische Arbeit über amerikanische Popmusik. Sie analysierte den Inhalt amerikanischer Schlagerhits aus den Jahren 1900 bis 1949 und stellte fest, dass deren Hauptthema, die klischeehaft beschriebene romantische Liebe, auf eine ungelöste Bindung an die präödipale Mutter verweist. Entsprechend häufig fanden sich in diesen Texten anaklitische, also Affekte vom Anlehnungstypus.

SCHRIFTEN
-Transference reactions to an event in the life of the analyst. Psychoanal Rev 36, 1949, 69-81
-The haunting lyric. The personal and social significance of American popular songs. Psa Quart 33, 1964, 226-269
-Elizabeth Rosenberg Zetzel, M. D. 1907-1970. Psa Quart 40, 1971, 709-710

LITERATUR UND LINKS
-Hellstedt, Leone McGregor (Hg.): Women Physicians of the World. Autobiographies of Medical Pioneers. Washington u.a. 1978
-Ogilvie, Marilyn Bailey, und Joy Dorothy Harvey (Hg.): The Biographical Dictionary of Women in Science. Pionieering Lives from Ancient Times to the Mid-20th Century, Bd. 1. New York u. a. 2000
-Sutherland, Keston: What's the ugliest part of your market-researched anaclitic affect repertoire? In E. Leslie und B. Watson (Hg.): Academy Zappa. Proceedings of the first International Conference of Esemplastic Zappology. London 2005 + ICE-Z London 2004 (17.12.2008)

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Phyllis Greenacre geb. Thomas (1894-1989)

Phyllis GreenacrePhyllis Greenacre wurde in Chicago geboren, sie war das vierte von sieben Kindern des Rechtsanwalts Isaiah Thomas und seiner Frau Emma geb. Russell. Wegen eines schweren Sprachfehlers lernte sie früh sich schriftlich zu verständigen, bevor sie als Siebenjährige normal kommunizieren konnte. Sie studierte Medizin am Rush Medical College in Chicago und arbeitete danach von 1916 bis 1927 als Assistenzärztin unter Adolf Meyer an der psychiatrischen Phipps Clinic des Johns Hopkins Hospital in Baltimore.
1919 heiratete sie den Psychobiologen Curt Richter, von dem ihre beiden Kinder Peter und Ann stammen. Die Ehe wurde 1930 geschieden. Phyllis Greenacre zog 1927 nach New York, wo sie bis 1932 in der staatlichen Fürsorge von Westchester County tätig war und danach dreißig Jahre lang Psychiatrie am New York Hospital und am Cornell Medical College lehrte.
1932 begann sie eine psychoanalytische Ausbildung am New York Psychoanalytic Institute. Ihr Lehranalytiker war Fritz Wittels, eine weitere Analyse machte sie in den 1940er Jahren bei Edith Jacobson. 1937 wurde sie Mitglied, 1942 Lehranalytikerin der NYPS. Von 1948 bis 1950 war sie Direktorin des New Yorker Psychoanalytischen Instituts und von 1956 bis 1957 Präsidentin der NYPS. Außerdem war sie Vizepräsidentin und später Ehrenpräsidentin der IPA und gehörte seit 1945 der Redaktion der Zeitschrift The Psychoanalytic Study of the Child an.
Phyllis Greenacre veröffentlichte mehrere Bücher und ca. 60 Abhandlungen in eleganter Prosa, die im wesentlichen den drei Bereichen Kreativität, Entwicklung und psychoanalytische Ausbildung und Technik zuzuordnen sind. Besonders ihre Studien zur Kreativität gelten in den USA als bedeutende Klassiker der psychoanalytischen Literatur. Greenacre beschäftigte sich mit der Kindheit von Künstlern und untersuchte die Objektbeziehungen und Phantasien künstlerisch begabter Kinder, wobei sie sich auf die Arbeiten des Psychoanalytikers und Kunsthistorikers Ernst Kris berief. U. a. stellte sie fest, dass begabte Kinder außerordentlich empfindlich auf externe wie interne Reize reagieren und leichter als andere ihre primäre Objektbeziehung auf die Außenwelt ausdehnen ("Liebesaffäre mit der Welt"). In diesem Zusammenhang entwickelte sie eine Theorie der Aggression als Manifestation einer positiven Entwicklungskraft und als wichtige Komponente der Kreativität.
Einen weiteren Interessensschwerpunkt Phyllis Greenacres bildeten die Perversionen, insbesondere der Fetischismus. Sie beschrieb einen Zusammenhang von Kreativität und Fetischismus in ihrer ich-psychologisch orientierten biografischen Studie über Swift and Carroll, in deren Werken sie ihre Beobachtung bestätigt fand, dass das Körperbild von Fetischisten besonders unbeständig ist.
Phyllis Greenacre interessierte sich für den Einfluss biologischer Faktoren auf die Ich-Entwicklung und betonte die Bedeutung der prä-ödipalen Phase. Sie entwarf eine spezifische Phasentheorie mit bestimmten, jedoch nicht klar abgrenzbaren Gipfelpunkten der Reifung. Die körperlichen und psychischen Erfahrungen im präverbalen Stadium können nach Greenacre in der Analyse mittels Deckerinnerungen und Rekonstruktionen zugänglich gemacht werden.
Phyllis Greenacre publizierte bis 1983 und starb im hohen Alter von 95 Jahren. (Artikelanfang)

SCHRIFTEN (Auswahl)
-The predisposition to anxiety. Psa Quart 10, 1941, 66-94 + 610-638
-The biological economy of birth. Psa Study Child 1, 1945, 31-51
-A contribution to the study of screen memories. Psa Study Child 3, 1949, 73-84
-Special problems of early sexual development. Psa Study Child 5, 1950, 122-138
-Pregenital patterning. IJP 33, 1952, 410-415 -Certain relationships between fetischism and the faulty development of the body image. Psa Study Child 8, 1953, 79-98
-Trauma, Growth and Personality. New York 1952
-(Hg.) Affective Disorders. Psychoanalytic Contribution to their Study. New York 1953
-The role of transference. Practical considerations in relation to psychoanalytic therapy. JAPA 2, 1954, 671-684
-'It's my own invention'. A special screen memory of Mr. Lewis Carroll, its form and its history. Psa Quart 24, 1955, 200-244
-Further considerations regarding fetishism. Psa Study Child 10, 1955, 187-194
-Swift and Carroll. A Psychoanalytic Study of Two Lives. New York 1955
-The childhood of the artist. Libidinal phase development and giftedness. Psa Study Child 12, 1957, 47-72
-Early physical determinants in the development of the sense of identity. JAPA 6, 1958, 612-627
-The family romance of the artist. Psa Study Child 13, 1958, 9-36 [F] + 37-43
-The impostor. Psa Quart 27, 1958, 359-382
-Certain technical problems in the transference relationship. JAPA 7, 1959, 484-502
-Play in relation to creative imagination. Psa Study Child 14, 1959, 61-80
-Further notes on fetishism. Psa Study Child 15, 1960, 191-207
-Woman as artist. Psa Quart 29, 1960, 208-227
-Regression and fixation. Considerations concerning the development of the ego. JAPA 8, 1960, 703-723
-The Quest for the Father. A Study of the Darwin-Butler Controversy as a Contribution to the Understanding of the Creative Individual. New York 1963 [Die Suche nach dem Vater. In Helene Deutsch: Psychoanalytische Studie zum Mythos von Dionysos und Apollo. Frankfurt/M. 1973]
-Problems of training analysis. Psa Quart 35, 1966, 540-567
-Perversions. General considerations regarding their genetic and dynamic background. Psa Study Child 23, 1968, 47-62
-The psychoanalytic process, transference, and acting out. IJP 49, 1968, 211-218
-The fetish and the transitional objekt. Psa Study Child 24, 1969, 144-164
-The transitional object and the fetish, with special reference to the role of illusion. IJP 51, 1970, 447-456
-Emotional Growth. Psychoanalytic Studies of the Gifted and a Great Variety of Other Individuals, 2 Bde. New York 1971
-The primal scene and the sense of reality. Psa Quart 42, 1973, 10-41
-Reconstruction. Its nature and therapeutic value. JAPA 29, 1981, 27-46
-Hans Christian Andersen and children. Psa Study Child 38, 1983, 617-635

LITERATUR UND LINKS
-Dannecker, Karin: Psyche und Ästhetik. Die Transformationen der Kunsttherapie. Berlin 2006
-Harley, Marjorie, und Annemarie Weil: Obituary Phyllis Greenacre, M.D. (1894-1989). IJP 71, 1990, 523-525
-Kabcenell, R. J: Phyllis Greenacre 1894-1989. Amer Psychoanal 24 (2), 1990
-Kohut, Heinz: Phyllis Greenacre. A tribute. JAPA 12, 1964, 3-5
-Thompson, Nellie L.: American women psychoanalysts 1911-1941. Ann Psychoanal 29, 2001, 161-177
-Thompson, Nellie L.: Greenacre, Phyllis. In Dictionnaire international de la psychanalyse (2002). Hg. von A. de Mijolla. Paris (Hachette) 2005, 734f [International Dictionary of Psychoanalysis (30.6.2009)]
-Zimansl, Simone: Phyllis Greenacre. In G. Stumm u. a. (Hg.): Personenlexikon der Psychotherapie. Wien, New York 2005, 186f

ABB. aus Personenlexikon der Psychotherapie, 2005, 186

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Mary O'Neil Hawkins (1897-1983)

Mary O'Neil Hawkins 1938Mary O'Neil Hawkins stammte aus Denver in Colorado. Sie war das älteste von vier Kindern des protestantischen Rechtsanwalts Horace Hawkins und seiner Frau Frances Rubin. Die Mutter starb, als Mary fünfzehn war, die sich dann jahrelang um ihre jüngeren Geschwister kümmern musste. Sie besuchte das Bryn Mawr College, erhielt einen Masterabschluss in Psychologie an der Columbia Universität in New York und studierte dort anschließend von 1923 bis 1927 Medizin.
1932 begann sie in New York eine Analyse bei dem Wiener Psychoanalytiker Fritz Wittels und ging im darauf folgenden Jahr nach Wien, wo sie ihre Analyse bei Grete Bribring und später bei Hermann Nunberg fortsetzte. Gleichzeitig hospitierte sie an der psychiatrischen Klinik des Wiener Allgemeinen Krankenhauses und beteiligte sich an der Übersetzung von August Aichhorns Verwahrloste Jugend ins Englische. Von 1936 bis 1938 nahm sie am kinderanalytischen Seminar von Anna Freud teil. 1937 wurde sie außerordentliches Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland half sie von Wien und London aus jüdischen Kollegen und Freunden bei ihrer Flucht, bevor sie 1940 in die USA zurückkehrte
Mary O'Neil Hawkins ließ sich in Topeka, Kansas, nieder, wo sie Mitarbeiterin der Menninger Klinik sowie Lehranalytikerin der Topeka Psychoanalytic Society und Direktorin der Southard School for Children war. 1943 eröffnete sie in New York eine psychoanalytische Privatpraxis. Von 1946 an war sie als Lehranalytikerin am New York Psychoanalytic Institute tätig und führte dort Seminare zur Psychoanalyse von Jugendlichen durch. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten zur Adoleszenz blieben jedoch zum großen Teil unveröffentlicht.

Darüber hinaus setzte sie sich mit körperlichen Beschwerden von Psychoanalytikern bei der Durchführung ihrer Analysen auseinander und berichtete darüber in ihrem Aufsatz Exercise and emotional stability. Neben ihrer Arbeit als Psychoanalytikerin interessierte sich Mary O'Neil Hawkins besonders für die Kultur der Navaho Indianer. Sie starb mit 85 Jahren an einem Herzinfarkt.

SCHRIFTEN
-Psychoanalysis of children. Bull Menninger Clin 4, 1940, 181-186
-Sibling rivalry. Child Study, Sommer 1946
-Schizophrenia in childhood. A round table discussion. Bull Amer Psychoanal Assn 8, 1952, 149-169
-Exercise and emotional stability. Child Study, Frühjahr 1965

LITERATUR
-Mühlleitner, Elke: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Tübingen 1992
-Reichmayr, Johannes: Spurensuche in der Geschichte der Psychoanalyse. Frankfurt/M. 1994

ABB.: BPSI; aus S. Gifford, D. Jacobs und V. Goldman (Hg.): Edward Bibring fotografiert die Psychoanalytiker seiner Zeit. Gießen 2005, 137

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Beatrice Hinkle (1874-1953)

Beatrice Hinkle 1911Beatrice Moses Hinkle, eine der ersten Psychoanalytikerinnen in den USA, wurde in San Francisco als Tochter einer wohlsituierten Familie geboren. Sie heiratete 1892 den Rechtsanwalt Walter S. Hinkle, der schon 1899 starb.
Von 1896 bis 1899 studierte Beatrice Hinkle Medizin am Cooper Medical College in San Francisco und erwarb dort den medizinischen Doktorgrad mit einer Arbeit über Enuresis in Children. Als Stadtärztin in San Francisco begann sie mit Suggestion, einer frühen Form der Psychotherapie, zu arbeiten. 1905 zog sie nach New York und gründete dort drei Jahre später gemeinsam mit Charles R. Dana an der Cornell Medical School die erste psychotherapeutische Klinik der USA. 1909 reiste sie nach Wien, um Sigmund Freud und die Psychoanalyse kennenzulernen. 1911 nahm sie am Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Weimar teil und wurde im gleichen Jahr als erstes weibliches Mitglied in die New York Psychoanalytic Society aufgenommen.
Enttäuscht von Freuds Ansichten über die Weiblichkeit, wandte Beatrice Hinkle sich den Ideen C. G. Jungs zu und machte eine Analyse bei ihm. Als sie 1915 nach New York zurückkehrte, war ihre Mitgliedschaft in der NYPS verfallen. Ihr Antrag auf Neuaufnahme wurde abgewiesen, weil sie nun als Anhängerin Jungs galt, der sich 1913 mit Sigmund Freud überworfen hatte.

Beatrice Hinkle publizierte 1916 mit Psychology of the Unconscious die erste Übersetzung von C. G. Jungs Werk in Amerika. Ihre eigenen Theorien enthielten neben jungianischen auch freudianische Gedanken. In den 1930er Jahren war sie Mitgründerin des New York Jungian Institute, wo sie bis zu ihrem Tod eine wichtige Rolle spielte.

SCHRIFTEN
-The Recreating of the Individual. A Study of Psychological Types and their Relation to Psychoanalysis. New York und London 1923

LITERATUR UND LINKS
-Glover, Edward: The Re-Creating of the Individual. By Beatrice M. Hinkle, M.D. IJP 6, 1925, 75-78
-McHenry, Robert: Famous American Women. A Bibliographical Dictionary from Colonial Times to the Present. New York 1980
-Stanford School of Medicine: The Women of 1899 Photo (18.7.2008)
-Thompson, Nellie L.: Josephine Jackson, M.D. Psychoanal Rev 85, 1998, 27-40
Thompson, Nellie L.: American women psychoanalysts 1911-1941. Ann Psychoanal 29, 2001, 161-177
-Webster University St. Louis, MO, Seminararbeit (18.7.2008)

ABB.: IPV-Kongress in Weimar 1911 (Preußischer Kulturbesitz, Berlin)

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Mary Keyt Isham (1871-1947)

Mary Keyt Isham zählte wie Beatrice Hinkle und Josephine Jackson zu den ersten Psychoanalytikerinnen in den USA. Sie kam in Cincinnati, Ohio, als ältestes von sieben Kindern des Arztes Asa Brainerd Isham und seiner Frau Mary Hamlin Keyt zur Welt. Mary Isham besuchte das Wellesley College für Frauen, studierte Psychologie und machte ihren M. A. an der University of Cincinnati. 1899 wurde sie Fellow für Psychologie am Bryn Mawr College und leitete am Laura Memorial College - dem Medical Department der University of Cincinnati - den vermutlich ersten Psychologie-Kurs an einem medizinischen Lehrinstitut.
Sie entschloss sich zu einem Medizinstudium und erwarb 1903 an der University of Cincinnati ihren Doktorgrad. Anschließend spezialisierte sie sich in der Psychiatrie und war als Psychiaterin in Cincinnati und am State Hospital in Columbus, Ohio, tätig. 1915 zog sie nach New York und wurde im gleichen Jahr Mitglied der 1911 gegründeten New York Psychoanalytic Society. Isham praktizierte von 1915 bis 1922 als Neurologin und Psychoanalytikerin in New York City. 1922 hatte sie als erste Frau das Amt der Sekretärin der New Yorker Psychoanalytischen Gesellschaft inne.
Im Herbst 1923 trat sie jedoch aus der NYPS aus und kehrte nach Cincinnati zurück - vermutlich aufgrund schwerer Selbstzweifel. 1931 ging sie in den Ruhestand und starb im Alter von 76 Jahren in ihrer Heimatstadt.
Mary K. Isham, die auch Mitglied der American Psychiatric Association und der Women's State Medical Society war, veröffentlichte zahlreiche Arbeiten überwiegend zu psychologischen Themen. Einer ihrer Schwerpunkte war die Paraphrenie, eine leichtere Form der Schizophrenie mit isolierten Wahnvorstellungen.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-A protest against prohibitions. The New York Times, August 8, 1915 (6.11.2008)
-Real womanliness the basis of a "career". The New York Times, November 28, 1915 (6.11.2008)
-Passivism diagnosed as disease of the mind. The New York Times, December 30, 1917
-The paraphrenic's inaccessibility. Psychoanal Rev 7, 1920, 246-256
-Some mechanisms of paraphrenia. American Journal of Insanity 77 (1), 1920, 91-98
-A case of mixed neurosis with some paraphrenic features. Medical Record, June 12, 1920
-Example of displacement of original affect upon play. IJP 2, 1921, 430-431
-Freud's imagination flooding wide and obscure areas...A review. The New York Times, September 7, 1924 [Rezension von S. Freuds "Jenseits des Lustprinzips" und "Massenpsychologie und Ich-Analyse"]
-Cosmos Limited. New York 1928

LITERATUR UND LINKS
-Gay, Peter: Freud. Frankfurt/M. 1995
-News and comment. Psychiatric Quarterly 21 (4), 1947
-RootsWeb (6.11.2008)
-The New York Times, August 8, 1915 (6.11.2008)
-Thompson, Nellie L.: Josephine Jackson, M.D. Psychoanal Rev 85 (1), 1998, 27-40

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Edith B. Jackson (1895-1977)

Bild von Edith Jackson

Edith Banfield Jackson wurde in Colorado Springs als fünftes von sieben Kindern einer wohlhabenden Quäkerfamilie geboren. Ihr Vater William Sharpless Jackson war Bankier und einer der Geschäftsführer der lokalen Eisenbahngesellschaft. Als Edith vier Jahre alt war, beging ihre Mutter Helen Banfield Jackson Selbstmord.
Nach dem Besuch des Vassar Frauen-College studierte Edith Jackson an der Johns Hopkins Universität Medizin und promovierte 1921. Sie praktizierte am Iowa University Hospital und in der Kinderabteilung des Bellevue Hospitals in New York. 1923 wurde sie Mitarbeiterin des New Haven Rickets Project der Yale University School of Medicine und beteiligte sich von 1924 bis 1927 an einem Rachitis-Präventionsprojekt. Sie wechselte dann zur Psychiatrie und trat 1928 die Stelle einer Assistenzärztin am St. Elizabeth's Psychiatric Hospital in Washington an. Gleichzeitig begann sie eine Analyse bei Lucile Dooley.
Ende 1929 ging Edith Jackson zur psychoanalytischen Ausbildung nach Wien und machte eine Analyse bei Sigmund Freud, die von 1930 bis 1936 dauerte. Ihre Ausbildung zur Kinderanalytikerin erhielt sie bei Anna Freud. 1937 wurde sie außerordentliches Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Sie finanzierte gemeinsam mit Dorothy Burlingham das Jackson Day Nursery in Wien, einen experimentellen Kindergarten für Kleinkinder aus armen Familien. Die Einrichtung musste 1938, nach dem "Anschluss" Österreichs an Deutschland, schließen. Edith Jackson gehörte wie ihre Freundin Muriel Gardiner seit 1934 der sozialistischen Untergrundbewegung in Wien an und beteiligte sich an Projekten zur Unterstützung jüdischer Emigranten und gefährdeter Sozialisten.
1936 kehrte sie in die USA an die Yale-Universität in New Haven zurück, wo sie psychoanalytische Erkenntnisse in den Bereich der Kinderheilkunde integrierte. Von 1936 bis 1959 lehrte Jackson als Professorin für Pädiatrie und Psychiatrie an der Yale School of Medicine. Seit Ende der 1940er Jahre war ihr Name vor allem mit dem "Rooming-In"-Modell verbunden, bei dem Neugeborene in der Klinik bei ihren Müttern gelassen wurden, um die Mutter-Kind-Bindung positiv zu beeinflussen. Ihre eigene psychoanalytische Praxis gab sie 1947 auf. (Artikelanfang)

Von 1952 an war sie Mitherausgeberin der Zeitschrift The Psychoanalytic Study of the Child. Nach ihrer Pensionierung 1959 zog sie nach Denver, wo sie unverheiratete Mütter beriet, ein Zentrum gegen Kindesmissbrauch mitgründete und sich für das Recht auf Abtreibung einsetzte. 1964 wurde Edith Jackson für ihre Verdienste im Bereich der Prävention von emotionalen Störungen bei Kindern von der American Psychiatric Association ausgezeichnet, und 1968 erhielt sie den C. Anderson Aldrich Preis der amerikanischen Kinderärzte.

SCHRIFTEN
-A hospital rooming-in unit for four newborn infants and their mothers. Descriptive account of background, development, and procedure with a few preliminary observations. Pediatrics 1,1948, 28-43
-Do you really understand "Self-demand"? Baby Talk, Januar 1950
-(mit Ethelyn Klatskin und Anton Lethin) Choice of rooming-in or newborn nursery; analysis of data from prenatal screening interviews of 1251 mothers relating to their choic e of hospital accomodations for their infants in a rooming-in unit of the newborn nursery. Pediatrics 6, 1950, 879-889
-(und Genevieve Trainham) (Hg.) Family centered maternity and infant care: report of the Committee on Rooming-in of the Josiah Macy Jr. Foundation Conference on problems of infancy and early childhood. Supplement 1 to problems of infancy and childhood. New York 1950

LITERATUR UND LINKS
-biografiA (9.4.2008)
-Freud, Anna: In memoriam Edith Jackson. Journal of the American Academy of Child Psychiatry 17, 1978, 730f
-Lynn, David J.: Freud's psychoanalysis of Edith Banfield Jackson, 1930-1936. J Am Acad Psychoanal 31 (4), 2003, 609-625
-Mühlleitner, Elke: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Tübingen 1992
-Roazen, Paul: Wie Freud arbeitete. Gießen 1999
-Silberman, Sara Lee: Pioneering in family-centered maternity and infant care. Edith B. Jackson and the Yale rooming-in research project. Bulletin of the History of Medicine 64, 1990, 262-287
-Silberman, Sara Lee: Edith B. Jackson, M.D. Psychoanal Rev 85, 1998, 95-103
-Wessel, Morris A.: Edith B. Jackson 1895-1977. Psa Study Child 1978, 1-11

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Josephine A. Jackson (1865-1945)

Bild von Josephine Jackson

Josephine Agnes Jackson, eine der ersten Psychoanalytikerinnen in den USA, wurde als Tochter eines Arztes in Evanston, Illinois, geboren. Sie arbeitete zehn Jahre lang als Lehrerin, bevor sie an der Northwestern University Medical School for Women Medizin studierte und 1896 ihr Examen ablegte. Als die Rush Medical School der Universität von Chicago auch Frauen zum Studium zuließ, war sie die erste Frau, die dort 1903 den Doktorgrad erlangte. Nach ihrem Praktikum war sie von 1898 bis 1904 als Ärztin am Chicago's Cook County Hospital tätig und während dieser Zeit ein Jahr lang am Chicago Maternity Hospital. Gleichzeitig unterrichtete sie an der Rush Medical School.
1904 zog Josephine Jackson nach Pasadena, California, wo sie sich der Psychoanalyse zuwandte und später ein psychotherapeutisches Sanatorium leitete. Sie wurde 1913 als zweite Frau nach Beatrice Hinkle in die New York Psychoanalytic Society aufgenommen, deren Mitglied sie zwanzig Jahre lang war, obwohl sie in Kalifornien lebte und praktizierte.
Neben ihrer therapeutischen Arbeit hielt sie Vorträge und publizierte Bücher und Artikel. Ihr erstes, sehr erfolgreiches Buch Outwitting Our Nerves sollte dem praktischen Arzt die Psychoanalyse nahebringen. Ende der 1920er Jahre war sie Verfasserin einer Zeitungskolumne mit dem Titel Guiding Your Life, welche die Grundlage für ihr gleichnamiges, 1937 erschienenes Buch zur Lebensberatung lieferte.

Josephine Jackson, die unverheiratet blieb, aber eine Adoptivtochter hatte, betrachtete die Psychotherapie als eine Art Reedukation, ihre Therapiemethode bestand aus einer Mischung aus einfühlsamem Zuhören und Umerziehung.

SCHRIFTEN
-Outwitting Our Nerves. A Primer of Psychotherapy. Hg. von Helen M. Salisbury. New York 1921; erw. Aufl. 1932 + 1944; e-book 2005 (4.7.2008)
-Guiding Your Life, with Psychology as a Key. New York 1937

LITERATUR
-Thompson, Nellie L.: Josephine Jackson, M. D. Psychoanal Rev 85, 1998, 27-40

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Lucie Jessner geb. Ney (1896-1979)

Bild von Lucie Jessner

Die Kinderanalytikerin Lucie Jessner wurde als Johanna Ney in Frankfurt am Main geboren. Während ihres Studiums in Königsberg lernte sie ihren Mann, den Theaterdirektor Fritz Jessner (1989-1946) kennen, der seit 1925 Intendant am Königsberger Neuen Schauspielhaus war. Lucie Jessner promovierte in der Literaturwissenschaft, bevor sie zur Medizin wechselte und sich als Psychiaterin spezialisierte. Anfang der 1930er Jahre war sie an der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Königsberg tätig.
Nach Hitlers Machtübernahme emigrierte Lucie Jessner 1933 in die Schweiz, wo sie in der Berner Psychiatrischen Klinik Münsingen bei Max Müller, dessen Analysandin sie auch war, die Insulinkomabehandlung bei Psychosen anzuwenden lernte. 1938 folgte sie Manfred Sakel, ebenfalls ein Pionier der Insulinschockbehandlung, als dessen Mitarbeiterin in die USA, trennte sich aber bald im Unfrieden von ihm. Sie beendete ihre bei der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft begonnene Ausbildung 1940 am Boston Psychoanalytic Institute, wo sie eine Schülerin und Freundin der nach Boston emigrierten Analytikerinnen Helene Deutsch und Beata Rank war.
1947 wurde sie Direktorin der neu eingerichteten kinderpsychiatrischen Abteilung am Department of Psychiatry des Massachussetts General Hospital in Boston. Sie lehrte als Professorin für Psychiatrie an der University of North Carolina in Chapel Hill sowie an der Georgetown University in Washington und war Lehranalytikerin am Washington Psychoanalytic Institute. Lucie Jessner, die auch Mitglied der American Psychosomatic Society war, veröffentlichte vor allem psychiatrische und psychosomatische Studien über Kinder.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-Eine in der Psychose entstandene Kunstsprache. Archiv für Psychiatrie 94, 1931, 382-398
-Some aspects of permissiveness in psychotherapy of children. Child Development 21, 1950, 13-18 -Training of a child psychiatrist. Scientific Papers. Journal of the American Academy of Child Psychiatry 2, 1963, 746-755
-The psychoanalysis of an eight-year-old boy with asthma. In H. I. Schneer (Hg.): The Asthmatic Child. Psychosomatic Approach to Problems and Treatment. New York 1963
-Beobachtungen an Kindern im Krankenhaus in der Latenzphase. In G. Biermann (Hg.): Handbuch der Kinderpsychotherapie (1969). Frankfurt/M. 1988, 364-377
-(und Gerard Ryan) Shock Treatment in Psychiatry. A Manual. New York 1941
-(mit Gaston E. Blom und Samuel Waldfogel) Emotional implications of tonsillectomy and adenoidectomy on children. Psa Study Child 7, 1952, 126-169
-(u. a.) Emotional impact of nearness and separation for the asthmatic child and his mother. Psa Study Child 10, 1955, 353-375
-(und Eleanor Pavenstedt) (Hg.) Dynamic Psychopathology in Childhood. New York 1959
-(und D. Wilfred Abse) The psychodynamic aspects of leadership. In S. R. Graubard und G. Holton (Hg.): Excellence and Leadership in a Democracy. New York 1962, 76ff [-93]

LITERATUR
-Buchholtz, Emily A., und Ernst-August Seyfarth: The study of "fossil brains": Tilly Edinger (1897-1967) and the beginnings of paleoneurology. BioScience 51, 2001, 674-682
-Deutsch, Helene: Selbstkonfrontation. Frankfurt/M. 1994
-Gifford, Sanford: Émigré analysts in Boston, 1930-1940. Int Forum Psychoanal 12, 2003, 164-172
-Peters, Uwe Henrik: Die Einführung der Schockbehandlungen und die psychiatrische Emigration. Fortschritte der Neurologie, Psychiatrie 60, 1992, 356-365


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Sarah Kelman (ca.1885-1969)

Die in Russland geborene Sarah R. Kelman kam als junge Frau in die USA und arbeitete zunächst als Krankenschwester in Chicago. Dann studierte sie Medizin an der Chicagoer Rush Medical School und erwarb dort 1917 ihren Doktorgrad. Anschließend lehrte sie Pathologie und Bakteriologie an der Iowa State University. Anfang der 1920er Jahre spezialisierte sie sich auf die Psychiatrie und absolvierte eine psychoanalytische Ausbildung am New York Psychoanalytic Institute. Seit ca. 1925 bis Ende der 1950er Jahre war sie als Psychiaterin und Psychoanalytikerin in New York tätig und arbeitete hier an mehreren Kliniken, darunter das Bellevue und das New York Post-Graduate Hospital, das Bronx-Lebanon und das Hillside Hospital.
Als der in die USA emigrierten Analytikerin Karen Horney wegen ihrer neofreudianischen Theorie die Befugnis als Lehranalytikerin entzogen wurde, verließ Sarah Kelman 1941 gemeinsam mit Horney, Clara Thompson und anderen das New York Psychoanalytic Institute und die APsaA. Kelman, Horney, Thompson, Bernard Robbins und Harmon Ephron gründeten im gleichen Jahr die American Association for the Advancement of Psychoanalysis (AAP) und das American Institute for Psychoanalysis, dessen Präsident später ihr jüngerer Bruder Harold Kelman wurde. Seit 1954 Mitglied der William Alanson White Psychoanalytic Society, vertrat Sarah Kelman einen neofreudianischen, auf Harry Stack Sullivans interpersonaler Theorie basierenden Ansatz, der den Einfluss der Kultur auf die psychische Entwicklung hervorhebt.

Zu ihren Interessensgebieten zählten die psychiatrischen Aspekte der Geburtenkontrolle, über die sie in einem 1937 publizierten Aufsatz referierte. Sarah Kelman, die einen adoptierten Sohn hatte, starb nach langer Krankheit in New York.

SCHRIFTEN
-Experimental emphysema. Arch Intern Med 24 (3), 1919, 332-346
-Protein feeding and high blood pressure. Arch Intern Med 31 (2), 1923, 151-163
-Some psychiatric aspects of birth control. Am J Psychiatry 94, 1937, 317-337

LITERATUR
-Mendelson, Myer: Dr. Sarah R. Kelman. Contemp Psychoanal 5, 1969, 182
-Peters, Uwe H.: Psychiatrie im Exil. Die Emigration der dynamischen Psychiatrie aus Deutschland 1933-1939. Düsseldorf 1992
-The New York Times, February 14, 1969

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Marion E. Kenworthy (1891-1980)

Bild von
Marion Kenworthy

Die amerikanische Psychiaterin Marion Edwena Kenworthy wurde in Hamden, Massachusetts, geboren. Sie war die älteste von zwei Töchtern des Textilunternehmers John Kenworthy und seiner zweiten Frau, der Lehrerin Ida S. Miller, die 1900 an Tuberkulose starb. Marion Kenworthy studierte ab 1909 Medizin an der Tufts Medical School in Boston und promovierte dort 1913. Anschließend arbeitete sie bis 1916 als Assistenzärztin am Gardner State Hospital und von 1916 bis 1919 als Senior Psychiatrist am Foxborough State Hospital in Massachusetts. Außerdem studierte sie am Boston Psychopathic Hospital bei Elmer Southard, einem Pionier der Sozialpsychiatrie.
1919 zog Marion Kenworthy nach New York und absolvierte eine psychoanalytische Ausbildung bei der New York Psychoanalytic Society. Ihre Lehranalyse machte sie 1921 bei dem Wiener Analytiker Otto Rank. Ebenfalls 1921 begann sie an der New York School of Social Work - später Columbia University School of Social Work - zu lehren, ab 1924 als Professorin für Mental Hygiene und seit 1940 als Professorin für Psychiatrie. Kenworthy, die seit 1926 Mitglied der American Psychoanalytic Association war, führte die psychodynamische Theorie in die Sozialarbeit ein und bildete bis zu ihrer Emeritierung 1956 Hunderte von Sozialarbeitern in psychoanalytischer Psychiatrie aus.
Von 1921 bis 1927 leitete sie außerdem das Bureau of Children's Guidance, die erste modellhafte Child Guidance Clinic zur Behandlung von Kindern mit Verhaltensstörungen. Über diese Arbeit berichtete sie in ihrem gemeinsam mit Porter Lee verfassten Buch Mental Hygiene and Social Work. Darin formulierte Kenworthy auch ihre Ich-Libido-Methode der psychoanalytisch orientierten Persönlichkeitsdiagnostik.
Neben der Lehre und ihrer New Yorker Privatpraxis war Marion Kenworthy in zahlreichen Institutionen aktiv. Sie war die erste Frau, die als Präsidentin der American Psychoanalytic Association (1958-1959), der American Academy of Child Psychiatry (1959-1961) und der Group for the Advancement of Psychiatry (1959-1960) amtierte. Außerdem war sie Vizepräsidentin der American Psychiatric Association (1965-1966).

1971 erhielt Marion Kenworthy den Agnes Purcell McGavin Award der A.P.A. für ihre Leistungen in der Kinderpsychiatrie. Das Vermögen ihrer Lebenspartnerin, der Sozialarbeiterin Sarah H. Swift, mit der sie von 1919 bis zu deren Tod 1975 zusammenlebte, war die Basis der Kenworthy-Swift Foundation für Projekte der Kinder- und Jugendfürsorge.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-Extra-medical service in the management of misconduct problems in children. Mental Hygiene 5, 1921, 724-735
-The mental hygiene aspects of illegitimacy. Mental Hygiene 5, 1921, 499-508
-Training for psychiatric social work. Hospital Social Service 7, 1923, 32-37
-Mental health in childhood. Mental Hygiene 10, 1926, 242-252
-Psychoanalytic concepts in mental hygiene. The Family 7, 1926, 213-223
-The need for constructive planning for children. Bulletin of the New York Academy of Medicine 36, 1960, 596-603
-Edward Liss, M.D 1891-1967. Psa Quart 36, 1967, 589
-(und Porter R. Lee) Mental Hygiene and Social Work. New York 1929

LITERATUR UND LINKS
-Bernard, Viola W.: Profiles of famous American psychiatrists: Marion E. Kenworthy, M.D. Psychiatric Annals 9, 1979, 72-77
-Bernard, Viola W.: Marion E. Kenworthy, M.D. August 17, 1891 - June 26, 1980. J Am Acad Child Psychiatry 20, 1981, 184-188
-Ozarin, Lucy: A Psychiatric Pioneer Remembered. Psychiatr News 41 (5), 2006, 25 (21.7.2008)
-Sperling, Rebecca L.: A Portrait of Marion Edwena Kenworthy. Psychiatrist in Social Work. New York, Thesis (Ph.D.) 1996
-Sperling, Rebecca L.: Kenworthy, Marion Edwena. In Edward T. James u. a. (Hg.) : Notable American Women 1607-1950. A Biographical Dictionary, Bd. 2. Cambridge, Mass 1971, 339-341
-Thompson, Nellie L.: American women psychoanalysts 1911-1941. Ann Psychoanal 29, 2001, 161-177

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Paulina Kernberg geb. Fischer (1935-2006)

Paulina KernbergDie Kinderanalytikerin Paulina F. Kernberg wurde in Santiago de Chile als Tochter von Isaac Fischer und Rebecca Ostray Fischer geboren. Sie studierte Medizin an der Universidad de Chile, wo sie mit 23 Jahren zum Dr. med. promovierte.
Mitte der 1950er Jahre heiratete sie den aus Wien stammenden Psychoanalytiker Otto F. Kernberg (*1928), dessen Familie wegen ihrer jüdischen Herkunft Österreich 1939 verlassen musste und nach Chile emigriert war. Aus ihrer Ehe gingen drei Kinder hervor: Karen, Adine und Martin. 1961 gingen die Kernbergs in die USA nach Topeka, Kansas, wo Paulina Kernberg an der Menninger-Klinik ihre psychiatrische Ausbildung erhielt und am Topeka Institute for Psychoanalysis eine psychoanalytische Ausbildung machte, die sie 1969 abschloss.
Paulina Kernberg war Professorin für Psychiatrie an der Cornell University in New York und von 1978 bis zu ihrem Tod leitete sie das Kinder- und Jugendlichenprogramm am New York Presbyterian Hospital. Gleichzeitig war sie als Lehranalytikerin, Supervisorin und Fakultätsmitglied am Columbia Center for Psychoanalytic Training and Research tätig.
Ihr Spezialgebiet waren Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter. Gemeinsam mit Alan Weiner und ihrer Tochter Karen Bardenstein veröffentlichte sie ein Standardwerk über Persönlichkeitsstörungen bei Kindern und Jugendlichen, in dem gezeigt wird, dass Persönlichkeitsstörungen viel früher als bisher erkannt und behandelt werden müssen. Einen Schwerpunkt Paulina Kernbergs bildete die Traumatisierung von Kindern durch die Scheidung ihrer Eltern. Diese sei aus Sicht der Kinder das zweitschlimmste Trauma nach dem Tod eines Elternteils, daher wäre die Aufrechterhaltung einer zerrütteten Ehe für das Kind oft besser.
In mehreren Aufsätzen, u. a. in Narzisstische Persönlichkeitsstörungen in der Kindheit, beschrieb Paulina Kernberg die Probleme bei der Behandlung der narzisstischen Persönlichkeit, bei der sie eine Beeinträchtigung der Über-Ich-Funktionen sowie der Fähigkeit zu Liebe, Empathie und Vertrauen feststellte. Dass narzisstische Patienten ihre entwerteten Selbstanteile dissoziieren und auf andere projizieren, während das Größenselbst unverändert bestehen bleibt, führt zu einer schwierigen Übertragungssituation. In ihrem letzten Buch Spiegelbilder über den Einsatz des Spiegels als diagnostisches und therapeutisches Hilfsmittel zeigte Paulina Kernberg, dass die Beobachtung des Verhaltens von Kindern und Jugendlichen vor einem Spiegel (mittels der "Kernberg Mirror Behavior Checklist") Aufschluss über den Entwicklungsstand von deren Selbst- und Objektrepräsentanzen gibt.
Paulina Kernberg starb im Alter von 71 Jahren an Krebs. (Artikelanfang)

SCHRIFTEN (Auswahl)
-The course of the analysis of a narcissistic personality with hysterical and compulsive features. JAPA 19, 1971, 451-471
-Case discussion and position statement. Psychoanal Inq 8, 1988, 535-545
-Narcissistic personality disorder in childhood. Psychiatric Clinics of North America 12 (3), 1989, 671-694 [Narzisstische Persönlichkeitsstörungen in der Kindheit. In Otto F. Kernberg (Hg.): Narzißtische Persönlichkeitsstörungen. Stuttgart 1996 + in Otto F. Kernberg und Hans-Peter Hartmann (Hg.): Narzissmus. Grundlagen - Störungsbilder - Therapie. Stuttgart 2006]
-Narcissistic Issues in Adolescents. VHS-Video (1993)
-Resolved: Borderline personality exists in children under twelve. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 29, 1990, 478-481
-Mechanisms of defense. Development and research perspectives. Bull Menninger Clin 58 (1), 1994, 55-87
-Sexuality in the analysis of adolescents. Its impact on the transference-countertransference. IJP 79, 1998, 366-367
-Formen des Spiels. Kinderanalyse 14 (4), 2006, 366-386
-Beyond the Reflection. The Role of the Mirror Paradigm in Clinical Practice. (In collaboration with Bernadette Buhl-Nielsen and Lina Normandin.) New York 2007 [Spiegelbilder. Der Einsatz des Spiegels in der klinischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Stuttgart 2008]
-(und James Egan) Pathological narcissism in childhood. JAPA 32, 1984, 39-62
-(und Arlene Kramer Richards) Siblings of preadolescents. Their role in development. Psychoanal Inq 8, 1988, 51-65
-(und Saralea Chazan) Children with Conduct Disorders. A Psychotherapy Manual. New York 1991
-(und Jules R. Bemporad) The Grade School Child. Development and Syndromes. Handbook of Child and Adolescent Psychiatry, Bd. 2. New York 1997
-(mit Alan Weiner und Karen Bardenstein) Personality Disorders in Children and Adolescents. New York 2000 [Persönlichkeitsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Stuttgart 2001]

LITERATUR UND LINKS
-Arrué, Omar: Chile. In Psychoanalysis International, Bd. 2: America, Asia, Australia. Further European countries. Stuttgart-Bad Cannstatt 1995, 74-93
-Coates, Susan: Paulina Kernberg, M.D. Kinderanalyse 14 (3), 2006, 294 + The Association for Psychoanalytic Medicine (12.5.2009)
-Coates, Susan: Paulina Kernberg 1935-2006. In Memoriam. Journal of Infant, Child, and Adolescent Psychotherapy 5 (2), 2006, 139-141
-Miller, Stephen: Paulina Kernberg, 71, Psychiatrist of Divorce. New York Sun, April 14, 2006 (27.4.2009)
-Shapiro, Theodore: Paulina Kernberg, M.D. (1935-2006). Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 45 (12), 2006, 1537-1538
-Wikipedia (27.4.2009)
-Winkler, María Inés: Pioneras sin monumentos. Mujeres en Psicología. Santiago 2007

ABB.: Klett-Cotta (30.11.2009)

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Marjorie Leonard geb. Rosenfeld (1905-1992)

Marjorie Leonard 1968Marjorie R. Leonard war eine Pionierin der Kinderpsychoanalyse in den USA. Geboren in New York als Tochter von George Rosenfeld und Ida G. Batelle, wuchs sie in einer wohlhabenden Familie auf, deren deutsch-jüdische Angehörige in den 1850er Jahren in die USA eingewandert waren.
Marjorie Rosenfeld studierte von 1924 bis 1928 Psychologie an der University of California in Los Angeles. 1929 ging sie nach Berlin, um bis 1932 bei Wolfgang Koehler Gestaltpsychologie und bei Kurt Lewin Kinderpsychologie zu studieren. Gleichzeitig absolvierte sie eine Ausbildung am Berliner Psychoanalytischen Institut. Ihre Lehranalyse beendete sie später bei Ernst Simmel nach dessen Emigration in die USA.
In Berlin lernte sie ihren Mann, den deutsch-jüdischen Rechtsanwalt und späteren Musikmanager P. Alfred (Levi) Leonard (1909-1988), kennen, der mit ihrer Hilfe 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen konnte. Aus ihrer im gleichen Jahr in Los Angeles geschlossenen Ehe gingen drei Töchter hervor: die Zwillinge Eleanor und Joanne (*1940) sowie Barbara (*1944).
Marjorie Leonard war 1932 in die USA zurückgekehrt und eröffnete 1933 in Los Angeles eine psychoanalytische Privatpaxis, wo sie hauptsächlich Kinder und Jugendliche behandelte. Mitte der 1930er Jahre zählte sie zu den Gründungsmitgliedern der Los Angeles Psychoanalytic Study Group. Nach der Etablierung des Los Angeles Psychoanalytic Institute gehörte Marjorie Leonard diesem Institut als wissenschaftliche Mitarbeiterin an. Außerdem arbeitete sie u. a. von 1955 bis 1959 als Psychotherapeutin an der Reiss-Davis Clinic for Child Guidance in Los Angeles. 1959 zog sie nach Stamford in Connecticut und lehrte von 1962 bis 1975 als Assistant Clinical Professor of Psychiatry Kinderpsychologie und -psychotherapie am Albert Einstein College of Medicine in New York.

Leonards 1966 veröffentlichter Aufsatz Fathers and daughters, in dem sie sich mit dem Einfluss von Vätern auf die psychosexuelle Entwicklung ihrer Töchter auseinandersetzte, findet auch heute noch Beachtung. Ihr besonderes Interesse galt den psychischen Besonderheiten von Zwillingen. So beschrieb sie in Problems in identification and ego development in twins, wie bei Zwillingen - je ähnlicher sie sich sind, umso deutlicher - die ständige Konfrontation mit einem Spiegelbild zu einer Verzögerung der Unterscheidung zwischen Selbst und anderem führt und damit zu einer verlangsamten Entwicklung von Ich-Identität und Objektbeziehungen.
Marjorie Leonard starb im Alter von 86 Jahren an der Alzheimer-Krankheit.

SCHRIFTEN
-Twins, myth, and reality. Child Study 30, 1953, 9-41
-Twins. In Sidonie M. Gruenberg (Hg.): Encyclopedia of Child Care and Guidance. Garden City, NY 1954
-Fear of walking in a two-and-a-half-year-old girl. Psa Quart 28, 1959, 29-39
-Problems in identification and ego development in twins. Psa Study Child 16, 1961, 300-320
-Fathers and daughters. The significance of "fathering" in the psychosexual development of the girl. IJP 47, 1966, 325-334

LITERATUR UND LINKS
-Boston Globe, January 11, 1992
-Leonard, Joanne: Not losing her memory. Stories in photographs, words and collage. Modern Fiction Studies 40, 1994, 657-685
-Leonard, Joanne: Marlene and Me. Changing Focus. Family Photography & American Jewish Identity. The Scholar and Feminist Online 2003 (24.11.2008)
-Leonard, Marjorie R.: Curriculum Vitae (1975)
-Mühlleitner, Elke: Ich - Fenichel. Wien 2008

ABB.: Joanne Leonard; aus J. Leonard 1994, 668

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Margaret Mahler geb. Schönberger (1897-1985)

Margaret MahlerMargaret Schönberger Mahler, neben Edith Jacobson und Heinz Hartmann die wichtigste Vertreterin der amerikanischen Ich-Psychologie, kam im ungarischen Sopron zur Welt. Sie war das Lieblingskind ihres Vaters Gusztav Schönberger, der als Arzt und Präsident der jüdischen Gemeinde zu den Honoratioren von Sopron zählte. Als eher kalt und abweisend erlebte sie ihre Mutter Eugenia, geb. Wiener, die ihr die jüngere Schwester Suzanne vorzog. Als Margarethe Schönberger sechzehn war, zogen die beiden Schwestern zu einer Tante nach Budapest, um dort das Gymnasium zu besuchen. Durch ihre Schulfreundin Alice Székely-Kovács und deren Mutter, die Psychoanalytikerin Vilma Kovács, kam Margarethe Schönberger mit Sándor Ferenczi und seinem Kreis in Kontakt.
1916 schrieb sie sich an der Budapester Universität für Kunstgeschichte und Ästhetik ein, sattelte dann aber auf Medizin um. Als 1919 das repressive Horthy-Regime an die Macht kam, ging Margarethe Schönberger nach Deutschland und setzte in München, Jena und Heidelberg ihr Medizinstudium fort. Sie spezialisierte sich auf Kinderheilkunde und promovierte 1922 in Jena. Noch im gleichen Jahr ging sie nach Wien, arbeitete als Assistenzärztin an der Wiener Universitäts-Kinderklinik und der Reichsanstalt für Mütter und Säuglingsfürsorge und eröffnete 1925 eine Privatpraxis als Kinderärztin.
1926 begann Margarethe Schönberger eine Lehranalyse bei Helene Deutsch, die sie aber nach einem Jahr für nicht analysierbar erklärte. Erst nach einer Analyse bei August Aichhorn wurde sie wieder am Wiener Lehrinstitut zugelassen. Wegen einer Liebesbeziehung mit Aichhorn wechselte sie 1930 zu Willi Hoffer, bei dem sie 1935 ihre Lehranalyse abschloss. 1933 wurde sie außerordentliches Mitglied der WPV und eröffnete ein Jahr später ein psychoanalytisches Kinderambulatorium. Während ihrer Wiener Zeit stand sie in engem Kontakt mit VertreterInnen der Budapester Schule. Michael und Alice Balint sowie Therese Benedek verdankte sie die Idee einer Zweieinheit von Mutter und Kind, die sie später in ihrem Symbiosekonzept ausarbeitete.
1936 heiratete Margarethe Schönberger Paul H. Mahler (1886-1956), den Direktor einer chemischen Fabrik. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland emigrierte sie 1938 mit ihrem Mann über England in die USA, wo sie 1940 Mitglied der New York Psychoanalytic Society wurde. In den folgenden Jahren war Margaret Mahler als Chefberaterin des Kinderdienstes am New Yorker psychiatrischen Institut und als Lehrbeauftragte für Psychiatrie an der Columbia Universität tätig. 1948 lernte sie Edith Jacobson kennen und machte bei ihr eine weitere Analyse.
In den 1950er Jahren lehrte Mahler auch in Philadelphia, wo sie das Ausbildungsprogramm des Philadelphia Psychoanalytic Institute leitete. 1950 gründete sie zusammen mit Manuel Furer einen therapeutischen Kindergarten für psychotische Kinder an der New Yorker Albert Einstein School of Medicine. Zwei Jahre später erschien ihr Aufsatz über kindliche Psychosen, in dem sie autistische von symbiotischen frühkindlichen Psychosen unterschied, ein Thema, das sie 1968 in ihrem gemeinsam mit Furer verfassten Buch On Human Symbiosis and the Vicissitudes of Individuation weiterverfolgte. Die Psychoseforschung war für Mahler der Ausgangspunkt, um auch die normale kindliche Entwicklung zu erklären.
Ab 1959 führte sie mit ihren MitarbeiterInnen neben der Untersuchung psychotischer Kinder auch eine Studie über normale Säuglinge und deren Mütter am New Yorker Masters Children's Center durch. Aus diesen langjährigen Projekten ging 1975 das bekannte Buch The Psychological Birth of the Human Infant hervor, in dem sie gemeinsam mit Fred Pine und Anni Bergmann die Theorie vom Separations-Individuationsprozess darstellte. (Artikelanfang)

Mahler zufolge muss der Säugling, der zunächst eine autistische Phase durchlebt, mit seiner Mutter eine Symbiose eingehen und dann in einem Prozess der Separation, der sich bis zum Ende des dritten Lebensjahrzehnts erstreckt, aus dieser symbiotischen Phase wieder herausgelangen, um ein von der Mutter getrenntes Selbst zu entwickeln. Dieser Prozess der inneren Loslösung verläuft über die Differenzierungs-, die Übungs- und die Wiederannäherungsphase und mündet in der Individualität und den Anfängen emotionaler Objektkonstanz. Im Falle einer mangelnden Selbstdifferenzierung des Kindes kann es zu einer symbiotischen Psychose kommen.
Zuletzt war Margaret Mahler Forschungsdirektorin am Masters Children's Center in New York, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Sie hinterließ ihr Vermögen den "Grauen Panthern".

SCHRIFTEN
-Tics and impulsion in children. A study of motility. Psa Quart 13, 1944, 430-444
-A psychoanalytic evaluation of tic in psychopathology of children. Symptomatic Tic and tic syndrome. Psa Study Child 3/4, 1949, 279-310
-Über Psychose und Schizophrenie im Kindesalter. Autistische und symbiotische frühkindliche Psychosen (1952). Psyche 21, 1967, 895-914
-Autism and symbiosis. Two extreme disturbances of identity. IJP 39, 1958, 77-83
-On two crucial phases of integration of the sense of identity. Separation-individuation and bisexual identity. JAPA 6, 1958, 136-139
-Entdifferenzierung der Wahrnehmung und psychotische "Objektbeziehung" (1960). Psyche 15, 1961, 298-305
-On sadness and grief in infancy and childhood. Loss and restoration of the symbiotic love object. Psa Study Child 16, 1961, 332-351
-Thoughts about development and individuation. Psa Study Child 18, 1963, 307-324
-Notes on the development of basic moods. The depressive affect. In R. M. Loewenstein u. a. (Hg.): Psychoanalysis - A General Psychology. Essays in Honour of Heinz Hartmann. New York 1966, 152-168
-Die Bedeutung des Loslösungs- und Individuationsprozesses für die Beurteilung von Borderline-Phänomenen (1971). Psyche 29, 1975, 1078-1095
-On the first three subphases of the separation-individuation process. IJP 53, 1972, 333-338
-Symbiose und Individuation. Die psychische Geburt des Menschenkindes (1974). Psyche 29, 1975, 609-625
-Selected Papers. New York u.a. 1979 [Studien über die ersten drei Lebensjahre. Stuttgart 1985]
-The Memoirs of Margaret S. Mahler. Hg. von Paul E. Stepansky. New York u. a. 1988 [Mein Leben, mein Werk. München 1989
-(und Paula Elkisch) Some observations on disturbances of the ego in a case of infantile psychosis. Psa Study Child 8, 1953, 252-261
-(und Manuel Furer) Certain aspects of the separation-individuation phase. Psa Quart 32, 1963, 1-14
-(und Manuel Furer) On Human Symbiosis and the Vicissitudes of Individuation, Vol. 1: Infantile psychosis. London 1968 [Symbiose und Individuation, Bd.1: Psychosen im frühen Kindesalter. Stuttgart 1972]
-(mit Fred Pine und Anni Bergmann) The Psychological Birth of the Human Infant. Symbiosis and Individuation. New York 1975 [Die psychische Geburt des Menschen. Symbiose und Individuation. Frankfurt/M. 1978]

LITERATUR UND LINKS
-Kropiunigg, Ulrich: Margaret S. Mahler. In O. Frischenschlager (Hg.): Wien, wo sonst! Wien u. a. 1994
-May, Ulrike: Die Präsenz Ferenczis in der Theorie von Margaret Mahler (mit Überlegungen zur Identität der deutschen Psychoanalyse nach 1945). Psyche 57, 2003, 140-173
-Mazet, Philippe: Mahler-Schönberger, Margaret. In Dictionnaire international de la psychanalyse (2002). Hg. von Alain de Mijolla. Paris 2005, 1002f [International Dictionary of Psychoanalysis (30.6.2009)]
-Mühlleitner, Elke: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Tübingen 1992
-Peters, H. U.: Psychiatrie im Exil. Düsseldorf 1992
-Roudinesco, Elisabeth, und Michel Plon: Wörterbuch der Psychoanalyse (1997). Wien, New York 2004 [Diccionario de Psicoanálisis (6.3.2008)]
-Webster University St. Louis, MO, Seminararbeit (17.7.2008)

ABB.: Margaret Schoenberger Mahler Papers, Manuscripts & Archives, Yale University Library (18.7.2008)

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Helen McLean geb. Vincent

Bild von Helen Vincent

Helen Dorothy Vincent besuchte das Mount Holyoke College in South Hadley und begann ihr Studium 1916 am Massachusetts Institute of Technology. 1921 erwarb sie an der Johns Hopkins Medical School in Baltimore den medizinischen Doktorgrad. Ihr praktisches Jahr absolvierte sie von 1921 bis 1922 am Johns Hopkins Hospital. Während eines Aufenthalts 1922/23 in Peking lernte sie den Arzt und späteren Direktor der Universitätskliniken von Chicago, Franklin Chambers McLean (1888-1968), kennen und heiratete ihn 1923. Ihr Sohn Franklin Vincent wurde 1934 geboren, starb jedoch schon 1948.
Helen Vincent McLean entschied sich für eine psychoanalytische Ausbildung und machte Ende der 1920er Jahre eine Lehranalyse bei Franz Alexander. Sie ließ sich in Chicago als Psychiaterin und Psychoanalytikerin nieder und hielt Vorlesungen an der University of Chicago. 1931 gehörte sie zu den zwölf GründerInnen der Chicago Psychoanalytic Society, deren Präsidentin sie von 1938 bis 1940 war. In den 1940er Jahren führte McLean am Chicagoer Psychoanalytischen Institut eine Untersuchung über rassische Konflikte und Vorurteile durch und publizierte auch mehrere Aufsätze zu diesem Thema. Ende der 1950er Jahre gehörte sie der Redaktion des Journal of the American Psychoanalytic Association an.

SCHRIFTEN
-Freud and literature. The Saturday Review of Literature, 3. 9. 1938, 18-19
-A few comments on "Moses and Monotheism". Psa Quart 9, 1940, 207-213
-The emotional background of marital difficulties. American Sociological Review 6 (3), 1941, 384-388
-Racial prejudice. Am J Orthopsychiat 14, 1944, 706-713
-Psychodynamic factors in racial relations. The Annals of the American Academy of Political and Social Science 244 (1), 1946, 159-166
-Why negroes don't commit suicide. Negro Digest 6 (Febr.) 1947
-The emotional health of negroes. Journal of Negro Education 7, 1949, 283-290 + in Martin M. Grossack (Hg.): Mental Health and Segregation. New York 1963
-Franz Alexander 1891-1964. IJP 46, 1965, 247-25o
-(und Roy R. Grinker) The course of a depression treated by psychotherapy and Metrazol. Psychosomatic Medicine 2, 1940, 119-138
-(und Milton L. Miller) The status of the emotions in palpitation and extrasystole with a note on "Effort Syndrome". Psa Quart 10, 1941, 545-560

LITERATUR UND LINKS
-Chicago Psychoanalytic Society (4.8.2008)
-Helen Dorothy Vincent 1915. In Mount Holyoke College, Alumnae Association: One hundred year biographical directory of Mount Holyoke College, 1837-1937. South Hadley 1937
(4.8.2008)
-Thompson, Nellie L.: American women psychoanalysts 1911-1941. Ann Psychoanal 29, 2001, 161-177

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Esther Menaker geb. Astin (1907-2003)

Esther Menaker 1934Esther Menaker kam in Bern in der Schweiz zur Welt, wohin ihre Eltern Cecelia und Waldemar Astin, aus Russland stammende jüdische Sozialisten, emigriert waren. 1910 wanderte die Familie in die USA aus und ließ sich in Philadelphia nieder. Esther Astin studierte zunächst Chemie an der University of Pennsylvania, sattelte dann auf Sozialpädagogik um und erwarb 1930 in diesem Fach ihren Masterabschluss.
1930 heiratete sie William Menaker (1896-1972), einen Zahnarzt, der seinen ungeliebten Beruf aufgegeben hatte und nun mit straffällig gewordenen Jungen arbeitete. Im gleichen Jahr gingen beide nach Wien, um dort eine Ausbildung am Psychoanalytischen Institut zu absolvieren. Gleichzeitig studierten sie Psychologie bei Karl und Charlotte Bühler und promovierten zum Dr. phil. Esther Menaker, die sich besonders für die Kinderanalyse interessierte, machte eine zweijährige Lehranalyse bei Anna Freud und - nach einer Fehlgeburt - eine weitere Analyse bei Willi Hoffer. Ihre ambivalenten bis negativen Erfahrungen mit den Wiener PsychoanalytikerInnen schilderte sie später in ihrem Buch Schwierige Loyalitäten.
1935 kehrten Esther und Bill Menaker mit ihrem ein Jahr zuvor geborenen Sohn Michael - 1938 kam Sohn Thomas hinzu - in die USA zurück und ließen sich in New York nieder, wo Esther Menaker eine Praxis als Kinderanalytikerin eröffnete. Beide engagierten sich für die psychoanalytische Ausbildung von Nicht-Medizinern und beteiligten sich 1961 an der Gründung des Postdoctoral Program in Psychotherapy and Psychoanalysis am Department für Psychologie der New Yorker Universität, wo Esther Menaker als Professorin lehrte. Außerdem gehörte sie dem Lehrkörper der 1948 von Theordor Reik gegründeten National Psychological Association for Psychoanalysis an.
Bekannt wurde Esther Menaker als Verfechterin der Ideen Otto Ranks sowie durch ihre Arbeiten zum Masochismus. Ihr 1956 erschienener, von Konrad Lorenz beeinflusster Artikel über Parallelen zwischen bestimmten angeborenen tierischen Verhaltensweisen und dem moralischen Masochismus beim Menschen galt seinerzeit als Pionierarbeit auf diesem Gebiet. Auf dem Hintergrund der Ich-Psychologie und der Ethologie entwickelte Menaker in zahlreichen Publikationen ihre Theorie des Masochismus als Anpassungsprozess des Ichs und beschrieb die Rolle der Ich-Identifizierungen als Transmitter der sozialen Evolution. Einen weiteren Schwerpunkt bildete ihre Beschäftigung mit Masochismus und Kreativität. (Artikelanfang)

SCHRIFTEN (Auswahl)
-The masochistic factor in the psychoanalytic situation. Psa Quart 11, 1942, 171-186
-Masochism. A defense reaction of the ego. Psa Quart 22, 1953, 205-220
-A note on some biologic parallels between certain innate animal behavior and moral masochism. Psychoanal Rev 43, 1956, 31-41
-The self-image as defense and resistance. Psa Quart 29, 1960, 72-81
-Will and the problem of masochism. J Contemp Psychother 1, 1969, 67-77
-The social matrix. Mother and child. Psychoanal Rev 60, 1973, 45-58
-Creativity as the central concept in the psychology of Otto Rank. Journal of the Otto Rank Association 11, 1977, 1-17
-Masochism and the Emergent Ego. Selected Papers of Esther Menaker. Hg. von L. Lerner. New York u. a. 1979
-Self-psychology illustrated on the issue of moral masochism. Clinical implications. Am J Psychoanal 41, 1981, 297-305
-Otto Rank. A Rediscovered Legacy. New York 1982
-Appointment in Vienna. An American Psychoanalyst Recalls her Student Days in Pre-War Austria. New York 1989; neuaufgelegt u. d. T.: Misplaced Loyalities. New Brunswick; London 1995 [Schwierige Loyalitäten. Psychoanalytische Lehrjahre in Wien 1930-1935. Gießen 1997]
-Otto Rank. A Rediscovered Legacy. New York 1982
-Female identity in psychosocial perspective. Psychoanal Rev 69, 1982, 75-83
-Self, will and empathy. Contemp Psychoanal 19, 1983, 460-470
-On being seventy-five. Psychoanal Rev 71, 1984, 1-6
-The concept of will in the thinking of Otto Rank and its consequences for clinical practice. Psychoanal Rev 72, 1985, 255-264
-Otto Rank and the new story of science. Psychoanal Rev 74, 1987, 549-560
-Early struggles in lay psychoanalysis. New York in the thirties, forties, and fifties. Psychoanal Rev 75, 1988, 373-379
-On Anna Freud. A discussion of personal analytic reactions in the early days of psychoanalysis. J Am Acad Psychoanal 19 (4 ), 1991, 606-611
-The Freedom to Inquire. Self Psychological Perspectives on Women's Issues, Masochism, and the Therapeutic Relationship. Northvale, NJ, u.a. 1995
-Separation, Will, and Creativity. The Wisdom of Otto Rank. Northvale, NJ, u. a. 1996
-(und William Menaker) Ego and Evolution. New York 1965 [Ich-Psychologie und Evolutionstheorie. Ergebnisse der psycho-biologischen Forschung. Stuttgart u.a. 1965]

LITERATUR UND LINKS
-Ceccoli, Velleda C.: Esther Menaker (1907-2003). American Psychologist 59, 2004, 262
-Lerner, Leila: Esther Menaker. Psychoanal Rev 71, 1984, iii-viii
-Menaker, Esther: Schwierige Loyalitäten. Gießen 1997
-Otto Rank Website (2.9.2008)

ABB. aus Menaker 1997, 146

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Jean Baker Miller (1927-2006)

Jean Baker MillerJean Teutonia Baker wuchs als eines von drei Kindern in einer armen Familie in der New Yorker Bronx auf. Noch kein Jahr alt, erkrankte sie an Kinderlähmung und musste als Kind mehrmals operiert werden. Sie studierte zunächst Geschichte, dann Medizin und erwarb 1952 ihren Doktorgrad am College of Physicians and Surgeons der Columbia University in New York. Anschließend spezialisierte sie sich in der Psychiatrie am New Yorker Bellevue und Jacobi Hospital sowie am Upstate Medical Center in Syracuse, NY. 1955 heiratete sie den Soziologieprofessor Seymour M. Miller, von dem ihre beiden Söhne Edward und Jonathan stammen.
Ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin schloss Jean Baker Miller 1959 am New York Medical College ab. Sie führte ab 1956 eine psychiatrische und psychoanalytische Praxis in Manhattan, Syracuse und Boston und lehrte Psychiatrie an der Harvard Medical School, dem Albert Einstein College of Medicine, dem Upstate Medical Center in Syracuse und der Boston University School of Medicine. 1972/73 war sie in London Gastdozentin an der London School of Economics und am Tavistock Institute. Seit 1981 leitete Jean Baker Miller das Stone Center for Developmental Services and Studies am Wellesley College, und ab 1995 bis kurz vor ihrem Tod war sie Direktorin des Jean Baker Miller Training Institute im Rahmen der Wellesley Centers for Women.
In ihrem einflussreichen Buch Toward a New Psychology of Women (1976) unternahm Jean Baker Miiller, ausgehend von feministischen und psychoanalytischen Theorien, eine Neubewertung von traditionell als weiblich und damit minderwertig angesehenen Eigenschaften, vor allem der mit der Bindungsorientierung von Frauen verbundenen Werte. Miller schuf mit ihrem relationalen Ansatz die Grundlagen der Relational-Cultural Theory, in der nicht das abgegrenzte, autonome Selbst als Ausweis psychischer Gesundheit gilt, sondern die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen, die dem beiderseitigen psychischen Wachstum dienen.

Jean Baker Miller litt unter dem Postpolio-Syndrom und starb 78-jährig an einem Lungenemphysem.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-(Hg.) Psychoanalysis and Women. Baltimore 1973
-Toward a New Psychology of Women. Boston 1976 [Die Stärke weiblicher Schwäche. Zu einem neuen Verständnis der Frau. Frankfurt/M. 1976]
-Connections, disconnections, and violations. Work in Progress, No. 33. Wellesley, MA 1988
-(und Stephen M. Sonnenberg) Depression following psychotic episodes. A response to the challenge of change? J Am Acad Psychoanal 1, 1973, 253-270
-(mit Malkah T. Notman u. a.) Themes in psychoanalytic understanding of women. Some reconsiderations of autonomy and affiliation. J Am Acad Psychoanal 14, 1986, 241-253
-(und Amy S. Welch) Learning from women. Women & Therapy 17 (3/4), 1995, 335-346
-(und Irene P. Stiver) The Healing Connection. How Women Form Relationships in Therapy and in Life. Boston 1997
-(mit Cynthia Garcia Coll u. a.) The experiences of women in prison. Implications for services and prevention. Women & Therapy 20 (4), 1997, 11-28
-(mit Joyce K. Fletcher und Judith V. Jordan) Women and the workplace. Applications of a psychodynamic theory. Am J Psychoanal 60 (3), 2000, 243-261
-(mit Belle Liang u. a.) The Relational Health Indices. A study of women's relationships. Psychology of Women Quarterly 26 (1), 2002, 25-35

Links
-Jean Baker Miller Training Institute (8.1.2009)
-National Library of Medicine (8.1.2009)
-Negri, Gloria: Jean Baker Miller, 78. Psychiatrist challenged how society viewed women. Boston Globe August 5, 2006 (8.1.2009)
-Pearce, Jeremy : Jean Baker Miller, 78, Psychiatrist, is dead. New York Times August 8, 2006 (8.1.2009)
-Wellesley Centers for Women (8.1.2009)

ABB.: Jean Baker Miller Training Institute (8.1.2009); siehe auch Ellen Shub Photography

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Caroline Newton (1893-1975)

Caroline Newton 1924Caroline Newton stammte aus Philadelphia, wo ihr Vater A. Edward Newton ein angesehener Psychologe war. Ausgebildet an der New York School of Social Work, arbeitete sie als Fürsorgerin, bevor sie eine Analyse bei dem New Yorker Psychoanalytiker Leonhard Blumgart machte. Anfang der 1920er Jahre ging sie nach Wien und ließ sich von Sigmund Freud und/oder Otto Rank analysieren. 1924 wurde sie in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen, ihren ersten Vortrag hielt sie über das Thema Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge. Noch im gleichen Jahr kehrte sie in die USA zurück, blieb jedoch bis 1938 Mitglied der WPV und verbrachte 1925, 1927 und 1929 jeweils einige Wochen in Wien.
Caroline Newton ließ sich in Berwin, Pennsylvania, nieder und übersetzte 1925 die Arbeit Entwicklungsziele der Psychoanalyse von Otto Rank und Sándor Ferenczi ins Englische. Sie bewarb sich um die Aufnahme in die New York Psychoanalytic Society, wurde aber nur als Gast zugelassen, weil sie keine Ärztin war. Der Gaststatus wurde ihr entzogen, als sie 1925 eine psychoanalytische Praxis eröffnete. Obwohl Sigmund Freud die Haltung der New Yorker Gruppe kritisierte, ließ sich diese in ihrer Ablehnung von nicht medizinisch ausgebildeten LaienanalytikerInnen nicht beeinflussen.

Auf einer ihrer Europareisen Ende der 1920er Jahre lernte die literarisch versierte Psychoanalytikerin Thomas Mann kennen, dem sie das Werk Freuds nahebrachte und dessen großzügige Förderin sie wurde, als der Dichter 1937 in die USA emigrieren musste. Thomas Mann zeichnete in seinem Doktor Faustus mit der Figur der verhuschten Klavierlehrerin Meta Nackedey ein wenig freundliches Porträt Caroline Newtons.

SCHRIFTEN
-Die Anwendung der Psychoanalyse auf die soziale Fürsorge. Imago 11, 1925, 239-253

LITERATUR
-Gay, Peter: Freud. Eine Biographie für unsere Zeit. Frankfurt/M. 1995
-Harpprecht, Klaus: Thomas Mann. Eine Biographie. Reinbek 1996
-Mann, Thomas: The Letters of Thomas Mann to Caroline Newton. Princeton University Library 1971
-Mühlleitner, Elke: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Tübingen 1992

ABB.: Robert Berény (1924); © VG Bild-Kunst

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Mary O'Malley (1867-1939)

Bild von Mary O'Malley

Mary O'Malley wurde als eines von drei Kindern in Medina, New York, geboren, von wo ihre Familie bald nach Buffalo zog. Sie war einige Jahre lang Lehrerin, bevor sie an der Buffalo University Medizin studierte und 1897 ihren Doktorgrad erwarb. Während ihrer sechsjährigen Tätigkeit als Assistenzärztin für Psychiatrie und Gynäkologie am Binghamton State Hospital lernte sie William Alanson White kennen, der sie in die Psychoanalyse einführte.
Als White an die psychiatrische Klinik St. Elizabeth's Hospital in Washington wechselte, folgte ihm O'Malley und erhielt 1905 - als erste Frau - eine Stelle als Assistenzärztin am St. Elizabeth's, wo sie dreißig Jahre lang als Mitarbeiterin Whites tätig war. 1917 wurde sie zum Clinical Director befördert. In ihre Zuständigkeit fiel vor allem die Behandlung der weiblichen Patienten und die Supervision der Psychiaterinnen. Außerdem lehrte sie Psychiatrie an der George Washington School of Medicine.
Um 1919 schloss sie sich der National Woman's Party an, wo sie in den 1920er Jahren Vorsitzende des Physician's Council war. Von 1930 an engagierte sie sich in der Medical Women's National Association, deren Präsidentin sie von 1933 bis 1934 war.
Mary O'Malley gehörte zu den ersten Mitgliedern der 1914 unter der Leitung von White gegründeten Washington Psychoanalytic Society. Nach deren Auflösung im Jahr 1918 war O'Malley 1925 maßgeblich für die Reorganisation der Vereinigung, nun Washington Psychopathological Society, verantwortlich. 1926 wurde sie für zwei Jahre zur ersten weiblichen Vorsitzenden der WPS gewählt. Als diese 1930 in der Washington-Baltimore Psychoanalytic Society aufging und Ausbildungsinstitut der IPV wurde, schied Mary O'Malley aus - vermutlich weil sie keine Lehranalyse vorweisen konnte.

Über ihre Arbeit mit psychotischen Patienten veröffentlichte sie zwei bemerkenswerte Aufsätze: In Transference and some of its problems in psychoses betonte sie den Unterschied zwischen der Übertragung bei psychotischen und neurotischen Patienten und hob die Bedeutung der positiven Übertragung in der Analyse von Psychotikern hervor; in Significance of narcissism in the psychoses schilderte sie die Fallgeschichten von acht Psychotikerinnen mit pathologischem Narzissmus.
1935 ging Mary O'Malley in den Ruhestand und verbrachte ihre letzten Lebensjahre bei ihren Geschwistern Edward und Margaret in Buffalo.

SCHRIFTEN
-Psychiatric hydrotherapy. Government Hospital for the Insane 5, 1913, 80-99
-Transference and some of its problems in psychoses. Psychoanal Rev 10, 1923, 1-25
-Significance of narcissism in the psychoses. Psychoanal Rev 16, 1929, 241-271
-(und S. I. Franz) A case of delirium produced by bromides. Government Hospital for the Insane 1, 1909, 82-88

LITERATUR
-Burton, Katherine B.: Mary O'Malley, M. D. Psychoanal Rev 85, 1998, 9-26
-Conrad. A.: Women of the staff at St. Elizabeth's. Medical Woman's Journal 35 (8), 1928, 219-221
-Obituary: Mary O'Malley, M.D. The Journal of Nervous and Mental Disease 89, 1939, 612

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Anna Ornstein geb. Brünn (*1927)

Anna OrnsteinAnna Ornstein wurde als jüngstes Kind einer jüdischen Familie in dem nordungarischen Dorf Szendro geboren, wo sie die ersten fünfzehn Jahre ihres Lebens verbrachte. 1942 zog sie zu ihrer Tante nach Debrecen, um dort zwei Jahre lang das jüdische Gymnasium zu besuchen. Als die deutsche Armee 1944 in Ungarn einfiel, wurde ihre Familie nach Auschwitz deportiert. Nur sie und ihre Mutter haben das Konzentrationslager überlebt, ihr Vater und ihre beiden Brüder wurden ermordet.
Nach der Befreiuung heiratete Anna Brünn 1946 in Budapest ihren Jugendfreund Paul Ornstein (*1924). Aus ihrer Ehe gingen drei Kinder hervor. Anna und Paul Ornstein flohen 1946 aus dem kommunistischen Ungarn nach Deutschland, wo Anna Ornstein von 1947 bis 1951 in Heidelberg Medizin studierte.
Anschließend gingen sie und ihr Mann in die USA und ließen sich in Cincinnati, Ohio, nieder. Während ihrer psychiatrischen Facharztausbildung an der University of Cincinnati wurde Anna Ornsteins Interesse für die Psychoanalyse geweckt. Wie zuvor ihr Mann absolvierte sie von 1964 bis 1969 eine psychoanalytische Ausbildung am Chicago Institute for Psychoanalysis, ihr Lehranalytiker war Maurice Levine. Seit 1969 Mitarbeiterin von Heinz Kohut, wurde Anna Ornstein eine Vertreterin der psychoanalytischen Selbstpsychologie.
Den Schwerpunkt ihrer teilweise gemeinsam mit Paul Ornstein verfassten Publikationen bilden Beiträge über den psychoanalytischen Behandlungsprozess. Stichworte sind hier die wichtige Rolle des empathischen Zuhörens und der subjektiven Erfahrung des Patienten, seine nicht voll bewussten kurativen Phantasien zum Behandlungsziel sowie seine die Selbstkohärenz fördernden Selbstobjektübertragungen. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt Anna Ornsteins war der Heilungsprozess nach dem Überstehen extremer Bedingungen.
Neben ihrer Privatpraxis und ihrer Tätigkeit als Lehr- und Kontrollanalytikerin am Cincinnati Psychoanalytic Institute war Anna Ornstein Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der University of Cincinnati, wo auch Paul Ornstein Psychiatrie und Psychoanalyse lehrte. Nach ihrer Emeritierung im Jahr 2000 zog sie mit ihrem Mann nach Boston, wo sie als Supervisorin am Boston Psychoanalytic Institute und als Lehrbeauftragte für Psychiatrie an der Harvard Medical School tätig ist.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-Über epileptische Anfälle im Verlaufe der multiplen Sklerose. Med. Diss. Heidelberg 1952
-Transformation of archaic narcissism. In A. Goldberg (Hg.): The Psychology of the Self. A Casebook. New York 1978, 121-163
-The function of play in the process of child psychotherapy. A contemporary perspective. Ann Psychoanal 12, 1984, 349-366
-Survival and recovery. Psychoanal Inq 5, 1985, 99-130
-The holocaust reconstruction and establishment of psychic continuity. In A. Rothstein (Hg.): The Reconstruction of Trauma. Its Significance in Clinical Work. New York 1986
-Selfobject transferences and the process of working through. In A. Goldberg (Hg.): Progress in Self Psychology, Bd. 6. Hillsdale, NJ 1990, 41-58
-The dread to repeat. Comments on the working-through process in psychoanalysis. JAPA 39, 1991, 377-398 [Die Angst vor der Wiederholung. Psyche 50, 1996, 445-462]
-A developmental perspective on the sense of power, self-esteem, and destructive aggression. Ann Psychoanal 25, 1997, 145-154
-Tales of Slavery and Deliverance. Ill. v. Stewart Goldman. Cincinnati, Ohio 1997 [Versklavung und Befreiung. Jüdische Schicksale aus Ungarn als zeitgemäße Pessachgeschichten. Konstanz 2001]
-Künstlerische Kreativität, ihr Ausdruck, ihre Rezeption und der Heilungsprozess. In W. Milch und H.P. Hartmann (Hg.): Die Deutung im therapeutischen Prozess. Gießen 1999, 141-159
-The fate of narcissistic rage in the treatment process. Psychoanal Inq 18, 1998, 55-70 + 107-119
-Survival and recovery. Psychoanalytic reflections. In A. Goldberg (Hg.): Progress in Self Psychology, Bd. 19. Hillsdale, NJ 2003, 85-105
-My Mother's Eyes. Holocaust Memories of a Young Girl. Mit Ill. von Stewart Goldman. Cincinnati, OH 2004 [Das Apfelgehäuse. Erinnerungen - als junges Mädchen im Holocaust. Konstanz 2001; Gießen 2004]
-Artistic creativity and the healing process. Psychoanal Inq 26, 2006, 386-406
-(und Paul H. Ornstein) Empathy and the Therapeutic Dialogue. Northampton, Mass 1984 [Empathie und therapeutischer Dialog. Beiträge zur klinischen Praxis der psychoanalytischen Selbstpsychologie. Gießen 2001]
-(und Paul H. Ornstein) Parenting as a function of the adult self. A psychoanalytic developmental perspective. In J. Anthony und G. Pollock (Hg.): Parental Influences in Health an Disease. Boston 1985, 181-231 [Elternschaft als Funktion des Erwachsenen Selbst. Eine psychoanalytische Betrachtung der Entwicklung. Kinderanalyse 3, 1994, 351-376]
-(und Paul H. Ornstein) The function of theory in psychoanalysis. A self psychological perspective. Psa Quart 72, 2003, 157-182
-(und Paul H. Ornstein) Conflict in contemporary clinical work. A self psychological perspective. Psa Quart 74, 2005, 219-251

LITERATUR UND LINKS
-Boston Psychoanalytic Society (16.6.2008)
-Ornstein, Anna: Den Traum meiner Eltern leben. In L. M. Hermanns (Hg.): Psychoanalyse in Selbstdarstellungen, Bd. 6. Frankfurt/M. 2007, 79-100

ABB.: Psychosozial Verlag (22.8.2008)

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Eleanor Pavenstedt (1903-1993)

Die Kinderpsychiaterin Eleanor Pavenstedt wurde in New York geboren, ihre deutschen Eltern kehrten jedoch während des Ersten Weltkriegs nach Deutschland zurück. Sie schrieb sich 1925 an der Universität Zürich für Medizin ein und promovierte vier Jahre später an der Universität Genf. Dann ging sie in die USA, wo sie von 1934 bis 1937 als Assistant Child Psychiatrist am Massachusetts General Hospital in Boston praktizierte.
Ihre psychoanalytische Ausbildung begann Eleanor Pavenstedt 1935 am Boston Psychoanalytic Institute bei Hanns Sachs und Helene Deutsch, mit der sie auch befreundet war. Seit 1947 war sie als Lehranalytikerin der Bostoner Psychoanalytischen Gesellschaft tätig. Sie wurde Vorsitzende der Ausbildungskommission am BPSI sowie des Unterausschusses für frühe Entwicklung und soziale Probleme in der American Psychoanalytic Association.
Von 1943 bis 1954 arbeitete Pavenstedt als Psychiaterin an dem von Marian Putnam gegründeten James Jackson Putnam Children's Center. Ende der 1940er Jahre wurde sie Direktorin für Kinderpsychiatrie an der Boston University School of Medicine und lehrte dort von 1954 bis 1958 als Assistant Professor, von 1958 bis 1959 als Associate Professor und seit 1960 als ordentliche Professorin für klinische Psychiatrie. Seit 1965 war sie auch als Kinderpsychiaterin am Bostoner Tufts Columbia Point Medical Center tätig.
Eleanor Pavenstedt setzte sich besonders mit den psychischen Störungen von Kindern auseinander, die in sozialer Deprivation aufwachsen. Bekannt wurde sie durch das von ihr und Charles Malone herausgegebene Buch The Drifters über verwahrloste Kinder aus zerrütteten Unterschichtsfamilien. Zuvor hatte sie gemeinsam mit Lucie Jessner Dynamic Psychotherapy in Childhood veröffentlicht, ein Standardwerk der Kinderpsychiatrie.

Ein weiterer Schwerpunkt Pavenstedts waren Langzeitstudien zur kindlichen Entwicklung, wie die von ihr ab 1954 durchgeführte Untersuchung "The effect of maternal maturity and immaturity on child personality development".

SCHRIFTEN
-De l'asystolie dans l'Iode-Basedow et des réserves à faire dans le traitement de certains goîtres par l'iode. Med. Diss. Genf 1929
-History of a child with an atypical development, and some vicissitudes of his treatment. In G. Caplan (Hg.): Emotional Problems of Early Childhood. New York 1955
-A study of immature mothers and their children. In G. Caplan (Hg.): Prevention of Mental Disorders in Children. Initial Exploration. New York 1961
-Observations in five japanese homes. J Am Acad Child Psychiatry 4 (July), 1965, 413-425
-An intervention program for infants from high risk homes. American Journal of Public Health 63 (5), 1973, 393-395
-(und Lucie Jessner) (Hg.) Dynamic Psychotherapy in Childhood. New York 1959
-(und Charles Malone) (Hg.) The Drifters. Children of Disorganized Lower Class Families. Boston 1967
-(und Viola W. Bernard) (Hg.) Crises of Family Disorganization. Programs to Soften their Impact on Children. New York 1971
-(mit National Institute of Mental Health u. a.) Intervention at Early Age in High Risk Families. Final Report. Washington 1974

LITERATUR UND LINKS
-Boston Psychoanalytic Society and Institute (28.8.2008)
-Gifford, Sanford: Émigré analysts in Boston, 1930-1940. Int Forum Psychoanal 12, 2003, 164-172
-Ogilvie, Marilyn Bailey, und Joy Dorothy Harvey: The Biographical Dictionary of Women in Science. Pioneering Live from Ancient Times to the Mid-20th Century, Bd. 2. New York u. a. 2000

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Ethel S. Person

Bild von Ethel Spector Person

Ethel Spector Person wuchs als einziges Kind einer jüdischen Famile in Louisville, Kentucky, auf. Ihre Mutter hatte Mathematik studiert, ihr Vater, ein Barbesitzer, starb, als Ethel zwölf Jahre alt war. Sie studierte Psychologie und Medizin in Chicago und am New York University College of Medicine.
Ihre psychoanalytische Ausbildung erhielt sie am Columbia University Center for Psychoanalytic Training and Research in New York, wo sie seitdem als Lehr- und Kontrollanalytikerin arbeitet und von 1981 bis 1991 Direktorin war. Ethel S. Person ist Clinical Professor für Psychiatrie am College of Physicians and Surgeons der Columbia University und Supervisorin am Greater Kansas City Psychoanalytic Institute. Sie war nordamerikanische Vizepräsidentin der IPA und gehört u. a. der Redaktion von Studies in Gender and Sexuality an.
Ihre theoretische Position verortet Ethel Person zwischen Objektbeziehungstheorie und kulturalistischer Psychoanalyse. Zu ihren wichtigsten Lehrern zählen Abram Kardiner und Lionel Ovesey. Gemeinsam mit Ovesey entwickelte sie in den 1970er Jahren eine Taxonomie für Geschlechtsumwandlungen vom Mann zur Frau, die auf dem Entwicklungsmodell Margaret Mahlers beruhte. Hauptthemen ihrer Veröffentlichungen sind Sexualität, Gender, Liebe, Phantasie und Macht. Besonders bekannt wurde ihr Buch Dreams of Love and Fateful Encounters, in dem sie sich mit der romantischen Liebe auseinandersetzt. Sie weist deren Ursprung in der Kindheit nach und beleuchtet den Bezug der Liebe zu Phantasie und Kreativität sowie ihr Potential zur Überschreitung der Grenzen des Selbst.
Ein von der Psychoanalyse vernachlässigtes Thema ebenso wie die Liebe ist die Macht, mit der Ethel Person sich in jüngerer Zeit beschäftigt hat. Sie definiert Macht als eine angeborene Kraft, durch die wir einerseits zur Selbstbestimmtheit und Beherrschung der äußeren Welt gelangen, andererseits zwischenmenschliche Macht entwickeln.
Ethel S. Person ist mit dem Rechtsanwalt Stanley Diamond verheiratet und hat zwei Söhne, Louis und Lloyd, aus ihrer früheren Ehe mit Barry Sherman.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-Women working. Fears of failure, deviance and success. J Am Acad Psychoanal 10, 1982, 67-84
-The influence of values in psychoanalysis. The case of female psychology. Psychoanal Inq 3, 1983. 623-646
-The erotic transference in women and in men. Differences and consequences. J Am Acad Psychoanal 13, 1985, 159-180 [Die erotische Übertragung bei Frauen und Männern. Unterschiede und Folgen. Psyche 48, 1994, 783-807]
-Male sexuality and power. Psychoanal Inq 6, 1986, 3-25
-Fateful Encounters. The Power of Love and Passion. New York 1988
-Dreams of Love and Fateful Encounters. The Power of Romantic Passion. New York 1988 [Lust auf Liebe. Die Wiederentdeckung des romantischen Gefühls. Reinbek 1990]
-By Force of Fantasy. How We Make Our Lives. New York 1995
-Einige Rätsel des Geschlechts: Der weibliche Ödipuskomplex. In E. Brech, K. Bell und C. Marahrens-Schürg (Hg.): Weiblicher und männlicher Ödipuskomplex. Göttingen 1999, 48-80
-(Hg.) The Sexual Century. New Haven, Conn. [u.a.] 1999
-Über das Versäumnis, das Machtkonzept in die Theorie zu integrieren. Ziel und Konflikt in der psychoanalytischen Bewegung. In A. Schlösser und K. Höhfeld (Hg.): Psychoanalyse als Beruf. Gießen 2000
-Knowledge and authority. The godfather phantasy. JAPA 49, 2001, 1133-1155
-Feeling Strong. The Achievement of Authentic Power. New York 2002
-The homosexualities. Ann Psychoanal 30, 2002, 43-53
-Something borrowed. How mutual influences among gays, lesbians, bisexuals, and straights changed women's lives and psychoanalytic theory. Ann Psychoanal 32, 2004, 81-98
-Personal power and the cultural unconscious. Implications for psychoanalytic theories of sex and gender. J Am Acad Psychoanal 32, 2004, 59-75
-A new look at core gender and gender role identity in women. JAPA 53, 2005, 1045-1058
-Masculinities, plural. JAPA 54, 2006, 1165-1186
-Revising our life stories. The roles of memory and imagination in the psychoanalytic process. Psychoanal Rev 93, 2006, 655-674
-Forgiveness and its limits. A psychological and psychoanalytic perspective. Psychoanal Rev 94, 2007, 389-408
-(und Lionel Ovesey) The transsexual syndrome in males, I. Primary transsexualism. Am J Psychother 28, 1974, 4-20; II. Secondary transsexualism. Am J Psychother 28, 1974, 174-193
-(und Catherine Stimpson) Women, Sex and Sexuality. Chicago 1980
-(und Lionel Ovesey) Psychoanalytic theories of gender identity. J Am Acad Psychoanal 11, 1983, 203-226 [Psychoanalytische Theorien zur Geschlechtsidentität. Psyche 47, 1993, 505-529]
-(und Howard Klar) Establishing trauma. The difficulty distinguishing between memories and fantasies. JAPA 42, 1994, 1055-1081
-(mit Arnold M. Cooper und Otto F. Kernberg) Psychoanalysis. Toward the Second Century. New Haven 1989
-(mit Arnold M. Cooper und Glen O Gabbard) (Hg.) The American Psychiatric Publishing Textbook of Psychoanalysis. Washington, DC 2005

LITERATUR UND LINKS
-Cooper, Arnold M. (Hg.): Contemporary Psychoanalysis in America. Leading Analysts Present Their Work. Washington DC 2006
-Hoffman, Jan: Public lives, from a psychoanalyst, lessons in independence. New York Times, July 2, 2003
(8.1.2009)

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Irmarita Putnam geb. Kellers (1895-1967)

Irmarita K. Putnam zählte zu den PionierInnen der Bostoner Psychoanalyse. Sie studierte Medizin an der Harvard Medical School und bei Adolf Meyer an der Johns Hopkins Medical School, wo sie 1921 promovierte. Anschließend ging sie mit ihrem späteren Mann, dem Neurologen und Gehirnchirurgen Tracy Jackson Putnam (1894-1975) - ein Neffe des Bostoner Psychoanalytikers James Jackson Putnam -, nach China, wo sie bis 1923 vor allem auf dem Gebiet der Gehirnanatomie arbeitete. 1923/24 lebte sie in Amsterdam und machte hier eine ca. achtmonatige Analyse bei dem Jung-Schüler J. H. van der Hoop.
Mitte der 1920er Jahre kehrten sie und ihr Mann nach Boston zurück, wo beide zunächst im Harvard Experimental Surgical Laboratory des Neurochirurgen Harvey Cushing arbeiteten. 1925 absolvierte Irma Putnam eine einjährige Analyse bei Carl Gustav Jung in Zürich. Nach einer weiteren Analyse bei dem Bostoner Analytiker Ives Hendrick reiste Irma Putnam 1930 nach Wien, um sich ein Jahr lang von Sigmund Freud analysieren zu lassen.
Anfang der 1930er Jahre gehörte sie zu den GründerInnen des Bostoner Psychoanalytischen Lehrinstituts und war von 1932 bis 1933 die erste Vorsitzende des Erziehungs- und Bildungsausschusses der BPSI.

Nach dem Rückzug aus ihrer Praxis lebte Irma Putnam bis zu ihrem Tod in New York. Ihre einzige Tochter Lucy beging als Jugendliche Selbstmord, zu einer Zeit, als die Ehe ihrer Eltern in die Brüche ging.

SCHRIFTEN
-[Kellers, Irmarita] (und Henry Edmund Meleney) Mitral stenosis without rheumatic fever in North China. Archives of Internal Medicine 34 (4), 1924, 455-461
-(und Tracy J. Putnam) The experimental study of pachymeningitis-haemorrhagica. The Journal of Nervous and Mental Disease 65 (3), 1927, 260-272

LITERATUR UND LINKS
-Massachusetts Census Records (27.10.2008)
-Roazen, Paul: How Freud worked. First-hand Accounts of Patients. Northvale, NJ 1995 [Wie Freud arbeitete. Berichte von Patienten aus erster Hand. Gießen 1999]

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Marian C. Putnam (1893-1971)

Marian C. Putnam

Die in Boston geborene Marian Cabot (Molly) Putnam war die Tochter von James Jackson Putnam, dem Gründer der ersten Boston Psychoanalytic Society, und seiner Frau Marian Cabot. In die Fußstapfen ihres Vaters tretend, studierte sie Medizin an der Johns Hopkins Medical School in Baltimore und erwarb dort 1921 ihren Doktorgrad. Anschließend spezialisierte sie sich als Kinderärztin bei Edwards A. Park an der Yale University School of Medicine und absolvierte zusätzlich ein Jahr in der Psychiatrie bei Adolf Meyer am Johns Hopkins sowie ein weiteres am Boston Children's Hospital. Von 1921 bis 1938 war sie an der Yale University in New Haven tätig, seit Mitte der 1930er Jahre als Assistant Professor für Psychiatrie und Mental Hygiene.
1933 [1929?] reiste Marian Putnam nach Wien, um dort eine psychoanalytische Ausbildung zu machen, ihre Lehranalytikerin war Helene Deutsch, mit der sie auch befreundet war. 1937 wurde sie Mitglied der Boston Psychoanalytic Society, ein Jahr später ließ sie sich in Boston nieder. Putnams Schwerpunkt war die Kinderanalyse, sie interessierte sich besonders für Störungen während der ersten vier Lebensjahre und erforschte frühe Unterschiede im Verhaltensausdruck emotionaler Zustände. Die kindliche Entwicklung bildete den Schwerpunkt ihrer Vorlesungen an den Medical Schools der Boston und der Harvard University sowie am Massachusetts Institute of Technology und an der Simmons School of Social Work.

1943 gründete sie gemeinsam mit Beata Rank das Children's Center in Roxbury, Massachusetts, wo "atypische" Kleinkinder mit psychotischen Störungen, Kinder mit Entwicklungsstörungen, vaterlose Kinder und Kinder psychotischer Eltern behandelt wurden. Seit 1946 führte das Therapie- und Ausbildungszentrum den Namen James Jackson Putnam Children's Center, dessen Direktorin Marian Putnam bis zu ihrer Pensionierung 1962 war. Sie starb 78jährig an einem Herzinfarkt.

SCHRIFTEN
-Memoir of Frances Cabot Putnam. A Family Chronicle. Cambridge 1916
-(mit Frank R. Ford und Bronson Crothers) Birth Injuries of the Central Nervous System. London 1927
-(und Bronson Crothers) Obstetrical injuries of the spinal cord. Medicine 6, 1927, 41-126
-(und Ruth W. Washborn) A study of child care in the first two years of life. Journal of Pediatrics 2, 1933, 517-536
-(mit Beata Rank und Gregory Rochlin) The significance of the "emotional climate" in early feeding difficulties. Psychosomatic Medicine 10, 1948, 279-283
-(mit Beata Rank und Samuel Kaplan) Notes on John I. A case of primal depression in an infant. Psa Study Child 6, 1951, 38-58

LITERATUR UND LINKS
-Boston Psychoanalytic Society and Institute (23.10.2008)
-Pavenstedt, Eleanor: Marian Cabot Putnam. Psa Study Child 28, 1973, 17-20

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Bertha C. Reynolds (1885-1978)

Bild von Bertha Capen Reynolds

Bertha Capen Reynolds, amerikanische Pionierin der Sozialarbeit und frühe Psychoanalytikerin, wurde in Brockton, Massachusetts, als Tochter von Mary Capen und Franklin S. Reynolds geboren. Als sie zwei Jahre alt war, starb ihr Vater, und die Mutter zog mit ihr nach Stoughton, um dort als Lehrerin zu arbeiten.
Bertha Reynolds besuchte von 1904 bis 1908 das Smith College in Northampton, ihre anschließende Unterrichtstätigkeit an der Atlanta University musste sie aus Krankheitsgründen abbrechen. 1912 machte sie eine Psychotherapie bei James J. Putnam, dem Gründer der APsaA, und begann im gleichen Jahr ein zweijähriges Studium an der Boston School for Social Workers (später Simmons College School of Social Work). Nach einer Tätigkeit als Sozialarbeiterin bei der Boston Children's Aid Society absolvierte sie 1917/18 eine Ausbildung an der Training School for Psychiatric Social Work, der späteren Smith College School for Social Work. Dort war sie von 1925 bis 1938 Associate Director und lehrte psychiatrische Sozialarbeit.
In dieser Zeit begann Bertha Reynolds 1927 eine Psychoanalyse bei Frankwood E. Williams, die sie nach fünfjähriger Unterbrechung 1932/33 fortsetzte. Ebenso wie sie als Sozialpädagogin einen marxistischen Ansatz vertrat, versuchte sie Psychoanalyse und Marxismus zu verbinden.
Von 1939 bis 1942 war Reynolds als selbständige Beraterin sozialer Einrichtungen tätig, danach bis 1947 als Supervisorin bei der National Maritime Union. Über diese Arbeit berichtete sie in ihrem Buch Social Work and Social Living. Von 1948 bis 1954 hielt sie an dem von Clara Thompson geleiteten William Alanson White Institute in New York ein Seminar ab über die Beziehung zwischen Sozialarbeit und Psychiatrie.

Bertha Reynolds berief sich auf christliche, marxistische und psychoanalytische Grundlagen. In ihrem Hauptwerk, Learning and Teaching in the Practice of Social Work, das zu den Klassikern auf diesem Gebiet zählt, beschrieb sie den Beitrag von Psychologie und Sozialwissenschaften für die Sozialarbeit.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-The Role of the Psychiatric Social Worker in Therapy. New York 1930
-An Experiment in Short-Contact Interviewing. Northampton, Mass. 1932
-Between Client and Community. A Study in Responsibility in Social Case Work. Studies in Social Work 5 (1), 1934; Repr.: New York 1973
-Learning and Teaching in the Practice of Social Work. New York 1942
-Re-Thinking Social Case Work. New York 1939
-Social Work and Social Living. Explorations in Philosophy and Practice. New York 1951
-McCarthyism versus Social Work. Talk. New York 1954
-An Uncharted Journey. Fifty Years of Growth in Social Work. New York 1963; Silver Spring, MD 1991 [Autobiografie]
-The social casework of an uncharted journey. Social Work, 1964, 13-17
-(und Mary S. Doran) The Selection of Foster Homes for Children. New York 1919

LITERATUR UND LINKS
-Freedberg, Sharon: A Woman Struggling in her Times. New York, Thesis (D.S.W.) 1984
-Levine, Rachel A.: Biographical Note. Bertha Capen Reynolds Papers. Sophia Smith Collection, Smith College Northampton, MA (26.9.2008)
-McQuaide, Sharon: Beyond the logic of pessimism. A personal portrait of Bertha Capen Reynolds. Clinical Social Work Journal 15 1987, 271-280
-National Association of Social Workers (26.9.2008)

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Janet Rioch (1905-1974)

Janet McKenzie Rioch und ihr älterer Bruder David wurden in Damoh in Indien geboren. Ihre Mutter Minnie Henley war Engländerin, ihr Vater David McKenzie Rioch Kanadier. Die Eltern gehörten der Sekte der Campbelliten an und missionierten in Indien, wo Janet Rioch bis zu ihrem zweiten College-Jahr lebte. Sie beendete ihre College-Ausbildung in den USA und studierte anschließend Medizin an der University of Rochester, wo sie 1930 promovierte. Nach einer Tätigkeit im Forschungslabor von Philip Bard an der Johns Hopkins Universität spezialisierte sie sich am Shepard and Enoch Pratt Hospital in Baltimore als Psychiaterin.
Janet Rioch eröffnete eine Praxis in New York City und war am Presbyterian Hospital und später am Roosevelt Hospital tätig, wo sie Direktorin der Abteilung für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie wurde. In dieser Zeit lernte sie den neofreudianischen Psychiater Harry Stack Sullivan kennen, dessen interpersonalen Ansatz sie übernahm. Auch mit seinen Mitstreiterinnen Frieda Fromm-Reichmann und Clara Thompson freundete sie sich an.
1943 trat sie gemeinsam mit Thompson, Sullivan, Fromm-Reichmann, Erich Fromm und David Rioch aus der von Karen Horney geleiteten Association for the Advancement of Psychoanalysis aus und gründete mit ihnen das New Yorker Institut der Washington School of Psychiatry, seit 1946 William Alanson White Institute. Janet Rioch war hier bis zu ihrem Tod als Lehranalytikerin und Supervisorin tätig. 1956 gehörte sie zu den InitiatorInnen der alternativ zur APsaA gegründeten American Academy of Psychoanalysis und wurde deren erste Präsidentin.

Janet Rioch war seit 1965 mit dem Physiologen Archibald Philip Bard (1898-1977) verheiratet.

SCHRIFTEN
-The neural mechanism of mastication. American Journal of Physiology 108, 1934, 168-176
-The transference phenomenon in psychoanalytic therapy. Psychiatry 6, 1943, 147-157

LITERATUR UND LINKS
-Butchart, Reuben: The disciples of christ in Canada since 1830. Toronto 1949 (5.8.2008)
-Peters, Uwe H.: Psychiatrie im Exil. Die Emigration der dynamischen Psychiatrie aus Deutschland 1933-1939. Düsseldorf 1992
-Witenberg, Earl G.: Eulogy for Janet Rioch Bard. J Amer Acad Psychoanal 3, 1975, 121-123

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Helen Ross (1890-1978)

Die Kinderanalytikerin Helen Ross stammte aus Independence, Missouri, wo sie als eines von sieben Kinder aufwuchs. Sie studierte von 1907 bis 1911 Latein und Pädagogik an der Universität von Missouri und unterrichtete anschließend fünf Jahre lang als Latein- und Englischlehrerin. 1916 schrieb sie sich für Soziologie und Wirtschaftswissenschaften am Bryn Mawr College ein, brach ihr Graduiertenstudium jedoch ab, um im Auftrag der US Railroad Administration zwei Jahre lang die Arbeitsbedingungen von Eisenbahnarbeiterinnen zu untersuchen. 1920 ging Helen Ross nach London und studierte dort an der London School of Economics.
Durch die Arbeit mit Mädchen in einem Sommercamp, das sie von 1914 an zusammen mit ihrer älteren Schwester leitete, begann sie sich für Psychoanalyse zu interessieren. 1929 ging sie nach Wien und machte eine Analyse bei Helene Deutsch, die ihr "völlige Neurosefreiheit" attestierte. Noch im gleichen Jahr hielt sie zusammen mit August Aichhorn am Wiener Psychoanalytischen Institut ein Seminar ab über die Analyse von Delinquenten und Kriminellen. Ihre kinderanalytische Ausbildung erhielt sie bei Anna Freud, mit der sie auch befreundet war.
1934 kehrte Helen Ross in die USA zurück und eröffnete in Chicago eine Privatpraxis. Sie war Direktorin des Kinderanalyseprogramms am Chicago Psychoanalytic Institute und lehrte als Professorin für Kinderpsychologie an der Universität von Chicago. Durch ihren Einsatz erhielt die von Anna Freud in London geleitete Hampstead Clinic ab 1952 finanzielle Mittel aus der amerikanischen Field Foundation. Helen Ross, die eine der wenigen amerikanischen LaienanalytikerInnen war, kämpfte wie Marianne Kris zeitlebens für die Anerkennung der Kinderanalyse durch die American Psychoanalytic Association.

1956 führte sie mit Bertram D. Lewin im Auftrag der APsaA eine großangelegte Untersuchung über die psychoanalytische Ausbildung in Amerika durch. Ihre kritische Bestandsaufnahme, die sie in ihrem gemeinsamen Buch Psychoanalytic Education in the United States präsentierten, hatte zur Folge, dass viele Institute ihre Ausbildungsprogramme revidierten. Nachdem dieses Projekt beendet war, zog Helen Ross nach Washington, D.C., wo sie als Lehr- und Kontrollanalytikerin des Washington Psychoanalytic Institute tätig war und bis zu ihrem Tod lebte.

SCHRIFTEN
-Fears of Children. Chicago 1951
-(und Franz Alexander) (Hg.) Dynamic Psychiatry. Chicago 1952
-(und Franz Alexander) (Hg.) The Impact of Freudian Psychiatry. Chicago 1952
-(und Franz Alexander) (Hg.) Twenty Years of Psychoanalysis. A Symposium in Celebration of the Twentieth Anniversary of the Chicago Institute for Psychoanalysis. New York 1953
-(und Bertram D. Lewin) Psychoanalytic Education in the United States. New York 1960

LITERATUR UND LINKS
-Hunter, Doris M.: Helen Ross (1890-1978). Psa Quart 48, 1979, 465-469
-Thompson, Nellie L.: Ross, Helen. In Dictionnaire international de la psychanalyse (2002). Hg. von A. de Mijolla. Paris 2005, 1583f [International Dictionary of Psychoanalysis (30.6.2009)]
-Thompson, Nellie L.: American women psychoanalysts 1911-1941. Ann Psychoanal 29, 2001, 161-177
-Young-Bruehl, Elisabeth: Anna Freud. Eine Biographie (1988). 2 Bde. Wien 1995

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Lore Reich Rubin (*1928)

Lore Reich Rubin

Lore Reich Rubin, die jüngste Tochter von Wilhelm und Annie Reich, wurde in Wien geboren. 1930 zog die Familie nach Berlin, wo Lore und ihre Schwester Eva in einen kommunistischen Kindergarten kamen. Nach der Machtübernahme Hitlers wurden die beiden Mädchen von ihrer Mutter zum Großvater nach Wien geschickt und lebten dort von 1933 bis 1936. 1938 emigrierte Annie Reich mit ihrem zweiten Mann Thomas Rubinstein und ihren Töchtern in die USA nach New York. Ein Jahr später floh auch Wilhelm Reich nach New York.
Nachdem Lore Reich zunächst Geschichte und Psychologie studiert hatte, absolvierte sie ein Medizinstudium an der New York University School of Medicine und graduierte dort 1954. Sie spezialisierte sich in der Psychiatrie und begann 1957 eine psychoanalytische Ausbildung am New York Psychoanalytic Institute. Anschließend wurde sie wie ihre Mutter Mitglied der NYPSI.
1957 heiratete sie den Historiker Julius Rubin (1921-2004), aus ihrer Ehe gingen drei Kinder hervor. Als Rubin 1964 Professor für Wirtschaftsgeschichte an der University of Pittsburgh geworden war, zog die Familie nach Pittsburgh, Pennsylvania. Lore Reich Rubin eröffnete hier eine eigene psychoanalytische Praxis und trat der Pittsburgh Psychoanalytic Society and Institute bei.

Lore Reich Rubin, die vor allem durch Edith Jacobson und deren Objektbeziehungstheorie geprägt wurde, befürwortet einen eklektischen, flexiblen Ansatz in der psychoanalytischen Theorie und Praxis. Ihr besonderes Interesse gilt der Auswirkung von Traumen auf die Entwicklung des Charakters.

SCHRIFTEN
-The scope of the psychoanalyst as a consultant in colleges. JAPA 18 (3), 1970, 673-681
-Contribution to a discussion on homosexuality. Journal of Clinical Psychoanalysis 9, 2000, 312-316
-Wilhelm Reich and Anna Freud. His expulsion from psychoanalysis. Int Forum Psychoanal 12 (2/3), 2003, 109-117 [Wilhelm Reich und Anna Freud. Reichs Vertreibung aus der Psychoanalyse. Bukumatula 20, 2007, 5-26]
-Meine Erinnerungen an Edith Jacobson. In U. May und E. Mühlleitner (Hg.): Edith Jacobson. Sie selbst und die Welt ihrer Objekte. Leben, Werk, Erinnerungen. Gießen 2005, 313-327
-Wilhelm Reichs wechselnde Theorien über Kindererziehung. Werkblatt 61, 2008

LITERATUR
-Rubin, Lore Reich: Der Werdegang einer Psychoanalytikerin. In L. M. Hermanns (Hg.): Psychoanalyse in Selbstdarstellungen, Bd. 7. Frankfurt/M. 2008, 45-76
-Sharaf, Myron: Wilhelm Reich - Der Zorn des Lebendigen. Die Biografie (1983). Berlin 1994

ABB. aus Lore Reich Rubin 2008, 47

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Rose Spiegel (?-1997)

Die amerikanische Psychiaterin Rose Spiegel zählte zur ersten Generation der neofreudianischen bzw. kulturalistischen Schule an dem von Harry Stack Sullivan, Erich Fromm und Clara Thompson in New York gegründeten William Alanson White Institut of Psychiatry, Psychoanalysis and Psychology (WAWI). Sie studierte Medizin an der Cornell University in New York und begann 1928 als erste Frau eine Facharztausbildung am New Yorker Mount Sinai Hospital.
Anfang der 1940er Jahre machte sie eine Analyse bei Clara Thompson, eine weitere bei Erich Fromm folgte. 1947 war sie die erste Graduierte des WAWI, wo sie danach als Lehranalytikerin und Supervisorin tätig war. 1962 amtierte sie als Präsidentin der William Alanson White Psychoanalytic Society, und 1964 gründete sie zusammen mit Max Deutscher das Journal of Contemporary Psychoanalysis, das offizielle Organ des WAWI und der William Alanson White Psychoanalytic Society.
Rose Spiegel publizierte seit 1957 mehr als fünfzig psychoanalytische Arbeiten, einen Schwerpunkt bildete dabei das Gebiet der Depressionen, wo sie eine anerkannte Autorität war. Außerdem interessierte sie sich für die Behandlung der Schizophrenie, die Psychologie der Frau sowie ethische und historische Themen. Wie die anderen Kulturalisten berücksichtigte sie auch sie den Einfluss gesellschaftlicher Faktoren auf die individuelle Entwicklung.
In einem Forschungsprojekt über die Psychoanalyse und das Dritte Reich befragte Rose Spiegel gemeinsam mit Gerard Chrzanowski und Arthur Feiner Psychoanalytiker, die während der Nazizeit in Deutschland geblieben waren. Spiegel kam zu dem (umstrittenen) Schluss, dass die Psychoanalyse an dem von dem NSDAP-Mitglied Matthias H. Göring geleiteten Deutschen Institut für Psychologische Forschung und Psychotherapie in Berlin durchaus überleben konnte.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-Specific problems of communication in psychiatric conditions. In S. Arieti (Hg.): American Handbook of Psychiatry. New York 1959, 909-947
-Communication in the psychoanalysis of depression. In J. Masserman (Hg.): Psycho-Analysis and Human Values. New York 1960, 209-222
-Intensive psychotherapy of a nonhospitalized schizophrenic patient. Am J Orthopsychiat 30, 1960, 528-538
-The role of father-daughter relationships in depressed women. In J. Masserman (Hg.): Science and Psychoanalysis. New York 1966, 105-120
-Anger and acting out. Masks of depression. Am J Psychother 21, 1967, 597-606
-Reflections on schizophrenic symbolization. Contemp Psychoanal 6, 1969, 73-75
-Psychoanalysis - for an elite? Contemp Psychoanal 7, 1970, 48-63
-Dreams of obsessional patients. In J. Masserman (Hg.): Dream Dynamics. New York 1971, 118-132
-Gray areas between the schizophrenias and the depressions. J Am Acad Psychoanal 1, 1973, 179-192
-On communication of ideas. Contemp Psychoanal 9, 1973, 121-123
-Psychoanalysis and the role of women. Book Forum 1, 1974, 186-198
-Survival of psychoanalysis in Nazi Germany. Contemp Psychoanal 11, 1975, 479-491
-Reflections on depression and melancholy. From myth to psychoanalysis. J Am Acad Psychoanal 4, 1976, 279-300; Contemp Psychoanal 33, 1997, 189-209
-Freud and the women in his world. J Am Acad Psychoanal 5, 1977, 377-402
-On psychoanalysis, values, and ethics. J Am Acad Psychoanal 6, 1978, 271-273
-Cognitive aspects of affects and other feeling states with clinical applications. J Am Acad Psychoanal 8, 1980, 591-614
-Manic depressive syndromes in the light of Sullivan's theory. Contemp Psychoanal 16, 1980, 320-334
-On psychotherapy of patients with problems of hostility. Am J Psychother 34, 1980, 178-187
-Tribute to Erich Fromm. Contemp Psychoanal 17, 1981, 436-441
-Faces of truth in the psychoanalytic experience. Contemp Psychoanal 21, 1985, 254-265
-Survival, psychoanalysis and the Third Reich. J Am Acad Psychoanal 13, 1985, 521-536
-Freud's refutation of degenerationism. A contribution to humanism. Contemp Psychoanal 22, 1986, 4-24
-Idealization and entitlement. Clinical approaches to narcissistic transferences. Contemp Psychoanal 23, 1987, 272-277
-Reminiscences. Contemp Psychoanal 33, 1997, 185-187
-(und Esther Mullen) Depressive reactions in trainees of service organizations. Contemp Psychoanal 10, 1974, 173-187
-(mit Gerard Chrzanowski und Arthur H. Feiner) On psychoanalysis in the Third Reich. Contemp Psychoanal 11, 1975, 476-479

LITERATUR
-Chrzanowski, Gerard: Eulogy for Rose Spiegel, M.D.. Contemp Psychoanal 33, 1997, 177-183
-Cornell Alumni News 1928
-Davidson, Leah: Psychoanalysis and the role of women. The papers of Rose Spiegel. Contemp Psychoanal 33, 1997, 307-312
-Feiner, Arthur H.: Eulogy for Rose Spiegel, M.D.. Contemp Psychoanal 33, 1997, 173-176
-Goggin, James E., und Eileen Brockman Goggin: Death of a "Jewish Science". Psychoanalysis in the Third Reich. West Lafayette, Ind. 2001


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Malvina Stock (1915-1980)

Die aus Polen stammende Malvina Stock schloss ihr Medizinstudium in Lausanne ab und emigrierte nach einem längeren Aufenthalt in Lateinamerika in die USA. Sie ließ sich Anfang der 1940er Jahre in Boston nieder und praktizierte dort als Psychiaterin und Psychoanalytikerin. Sie war Lehranalytikerin und Supervisorin der Boston Psychoanalytic Society and Institute, wo sie als Vorsitzende des Education Committee klassische psychoanalytische Konzepte vertrat.
Malvina Stock war außerdem Mitglied des Committee for Advanced Psychoanalytic Studies an der Princeton University und lehrte am Beth Israel Hospital, am Hall Mercer Children's Center des McLean Hospital in Belmont, an der Simmons School of Social Work sowie an der Boston University School of Social Work.
Mitte der 1970er Jahre gehörte Malvina Stock zu den als "Boston Five" bekannt gewordenen fünf Lehranalytikern des BPSI, die unter der Führung von Robert Gardner die Spaltung der Boston Psychoanalytic Society bewirkten, indem sie das Psychoanalytic Institute of New England East (PINE) gründeten.
Malvina Stock starb im Alter von 65 Jahren an Krebs.

LITERATUR UND LINKS
-Boston Globe, November 26, 1980
-Gifford, Sanford: Émigré analysts in Boston, 1930-1940. Int Forum Psychoanal 12, 2003, 164-172
-Kirsner, Douglas: Unfree Associations. Inside Psychoanalytic Institutes. London 2000

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Helen Tartakoff geb. Herlihy (1906-1981)

Helen Tartakoff 1937Die in Chicago geborene Helen H. Tartakoff stammte aus einer gebildeten irischen Einwandererfamile. Sie studierte bis 1927 Literatur und Philosophie an der University of Chicago. Auf Empfehlung von Franz Alexander, der sie zu einer psychoanalytischen Ausbildung ermutigte, ging sie 1934 nach Wien und machte dort eine Analyse bei Jenny Wälder. Sie nahm an Anna Freuds Seminar für Kinderanalyse teil und studierte außerdem zwei Jahre lang Medizin an der Wiener Universität.
Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland im Jahr 1938 kehrte sie in die USA zurück, wo sie ihr Medizinstudium an der Tufts University in Boston fortsetzte und 1940 promovierte. Später war sie in der Psychiatrischen Abteilung am Beth Israel Hospital tätig und gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Committee on Advanced Psychoanalytic Study. Helen Tartakoff, die einen ich-psychologischen Ansatz vertrat, war eine bedeutende Lehranalytikerin der Boston Psychoanalytic Society and Institute und leitete mehrere Jahre lang das Technikseminar. Mitte der 1970er Jahre schloss sie sich dem Psychoanalytic Institute of New England East (PINE) an.

SCHRIFTEN
-Recent books on psychoanalytic technique. A comparative study. JAPA 4, 1956, 318-343
-The normal personality and the nobel prize complex. In R. Lowenstein u. a. (Hg.): Psychoanalysis. A General Psychology. Essays in Honor of Heinz Hartmann. New York 1966
-Psychoanalytic perspectives on women. Past, present, and future. Radcliffe Conference on Women, April 1972
-(und Donald E. Widmann) History of Psychoanalysis in America 1909-1939. JAPA 26, 1978, 179-184

LITERATUR
-Gifford, Sanford, Daniel Jacobs und Vivien Goldman (Hg.): Edward Bibring fotografiert die Psychoanalytiker seiner Zeit. Gießen 2005

ABB.: BPSI; aus Gifford u. a. (Hg.) 2005


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Clara Thompson (1893-1958)

Clara ThompsonClara Mabel Thompson, deren Name für eine Verbindung der Budapester Schule mit der neofreudianischen bzw. kulturalistischen Psychoanalyse steht, wurde in Providence, Rhode Island, geboren. Sie war das jüngste von zwei Kindern eines erfolgreichen Pharma-Managers und einer streng gläubigen Baptistin. Mit dem Ziel, Missionsärztin zu werden, besuchte sie ab 1912 das Women's College der Brown University und studierte dann ab 1916 Medizin an der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore. Nach ihrem Examen 1920 spezialisierte sie sich in der Psychatrie und wurde Mitarbeiterin von Adolf Meyer an der Phipps Clinic der Johns Hopkins University. Hier begegnete sie 1923 Harry Stack Sullivan, der ihr langjähriger Vertrauter und Freund wurde.
1924 begann Clara Thompson eine Analyse bei dem Freudianer Joseph C. Thompson. Ein Jahr später gab sie ihre Arbeit an der Johns Hopkins University auf und eröffnete eine eigene Praxis in Baltimore. Die Sommer 1928 und 1929 verbrachte sie in Budapest, um sich von Sándor Ferenczi analysieren zu lassen, dessen Anschauungen ihren eigenen entgegenkamen. Wie Ferenczi glaubte sie, dass Störungen der kindlichen Entwicklung durch Unaufrichtigkeit und Lieblosigkeit der Eltern entstehen und nicht, wie Sigmund Freud meinte, aufgrund der Triebdynamik. Ausgehend von Ferenczis Emotionalisierung der analytischen Situation entwickelte Clara Thompson ihre eigene therapeutische Technik, die auf der Überzeugung basierte, dass es in der Analyse eher darauf ankomme, dem Patienten positive Erfahrungen zu vermitteln als Deutungen zu geben.
Durch ihre Analyse bei Ferenczi nahm Clara Thompson eine vermittelnde Rolle zwischen diesem und Harry Stack Sullivan ein, an den sie ihre Budapester Erfahrungen weitergab. Nachdem sie 1930 Präsidentin der Washington-Baltimore Psychoanalytic Society geworden war, lebte Clara Thompson von 1931 bis zu Ferenczis Tod 1933 in Budapest und kehrte danach in die USA zurück. Sie ließ sich in New York nieder und wurde 1936 Mitglied der New York Psychoanalytic Society (NYPS). Gemeinsam mit Karen Horney, Erich Fromm und Harry Stack Sullivan bildete sie eine informelle Gruppe, die sich Zodiac Club nannte.
Als Karen Horney 1941 zum Austritt aus der NYPS gezwungen wurde, verließ Clara Thompson gemeinsam mit ihr die New Yorker Vereinigung und beteiligte sich an der Gründung der Association for the Advancement of Psychoanalysis (AAP). Nach Differenzen mit Horney traten Thompson und Fromm 1943 aus der AAP aus und gründeten zusammen mit Sullivan das New Yorker Institut der Washington School of Psychiatry, seit 1946 William Alanson White Institute. Dieses Institut, dessen Direktorin Clara Thompson bis zu ihrem Tod war, vertritt eine Theorie, die auf Sullivans interpersonaler Psychiatrie und Fromms sozialpsychologischem Ansatz beruht. Danach spielen kulturelle Einflüsse, nicht die Triebstruktur, eine entscheidende Rolle in der psychischen Entwicklung. (Artikelanfang)

Clara Thompson, die sich - inspiriert durch Karen Horney - besonders für die psychische Entwicklung von Frauen interessierte, war in den 1940er und 1950er Jahren die einzige Vertreterin der interpersonalen kulturalistischen Schule, die deren Annahmen konsequent auf Frauen übertrug. In ihrem Aufsatz The role of women in this culture stellte sie 1942 die zentrale Rolle des Penisneids in der Freudschen Weiblichkeitstheorie in Frage: Die Probleme einer emanzipierten, berufstätigen "modernen" Frau rührten nicht aus dem ihr unterstellten Motiv des Penisneids her, sondern aus einem Konflikt mit den traditionellen sozialen Institutionen. Entgegen Horneys späterer Auffassung, dass es keine speziellen kulturell bedingten Neurosen von Frauen gäbe, bestand Thompson in ihrem Aufsatz Cultural pressures in the psychology of women darauf, dass Frauen aufgrund ihrer biologischen Funktion und gesellschaftlichen Rolle mit anderen Problemen konfrontiert werden als Männer.
In den 1950er Jahren starb Clara Thompsons Lebensgefährte, ein aus Ungarn emigrierter Künstler. Sie selbst erkrankte an Krebs, dem sie schließlich erlag.

SCHRIFTEN
-The role of women in this culture. Psychiatry 4, 1942, 1-8
-Cultural pressures in the psychology of women. Psychiatry 5, 1942, 331-339
-Penis envy in women (1943). In Jane Baker-Miller (Hg.): Psychoanalysis and Women. Harmondsworth 1974, 51-84
-The therapeutic technique of Sandor Ferenzci. A comment. IJP 24, 1943, 64-66
-Ferenczi's contribution to psychoanalysis. Psychiatry 7, 1944, 246f
-Harry Stack Sullivan, the man. Psychiatry 12, 1949, 435-437
-Psychoanalysis. Evolution and Development. New York 1950 [Die Psychoanalyse. Ihre Entstehung und Entwicklung. Zürich 1952]
-Towards a psychology of women. Pastoral Psychology 4, 1953, 29-38
-The different schools of psychoanalysis. American Journal of Nursing 57, 1957, 1304-1307
-Interpersonal Psychoanalysis. The Selected Papers of Clara M. Thompson. Hg. v. Maurice R. Green. New York 1964
-On Women. Selected from Interpersonal Psychoanalysis. New York 1986

LITERATUR UND LINKS
-Capelle, Elizabeth: Clara Thompson as culturalist. Psychoanal Rev 85, 1998, 75-93
-Green, Maurice R.: Her life, and introduction to section on "Psychology of women". In Thompson 1964
-Shapiro, Sue A. : Thompson, Clara M. In Dictionnaire international de la psychanalyse (2002). Hg. von Alain de Mijolla. Paris 2005, 1805f [International Dictionary of Psychoanalysis (30.6.2009)]
-Silverberg, W. V.: Clara Thompson (1893-1958). Bul Amer Psychoanal Assn 15, 1959, 747-748
-Webster University St. Louis, MO, Seminararbeit (18.7.2008)
-Wikipedia (18.7.2008)

ABB.: William Alanson White Institute, New York (18.7.2008)

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Annemarie Weil geb. Phiebig (1909-1994)

Annemarie P. Weil kam in Berlin als Tochter jüdischer Eltern zur Welt. Sie studierte Medizin und promovierte 1935 in Basel. 1937 heiratete sie den Psychoanalytiker Frederic S. Weil (1900-1959), aus ihrer Ehe ging ihre Tochter Susan Caroline hervor.
Die Weils emigrierten 1940 von der Schweiz in die USA, wo sie sich in New York niederließen. Annemarie Weil absolvierte eine Ausbildung am New York Psychoanalytic Institute, die sie 1949 abschloss. Seit 1959 war sie als Lehr- und Kontrollanalytikerin des Instituts tätig und zählte zu dessen einflussreichsten Mitgliedern.
Annemarie Weil spezialisierte sich in der Kinderpsychiatrie. Sie war Junior Psychiatrist am New Yorker Bellevue Hospital, Senior Psychiatrist am Child Development Center und lehrte am Columbia University Center for Psychoanalytic Training and Research. Außerdem betrieb sie eine Privatpraxis in Manhattan.
Ihr Schwerpunkt waren Reifungstheorien. Annemarie Weil interessierte sich besonders für die neurologischen und organischen Aspekte der kindlichen Entwicklung. In ihrer bekanntesten Arbeit behandelte sie den "psychischen Urkern", der sich beim Kleinkind noch vor dem Eintritt in die symbiotische Phase herausbilde.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-Zur Kenntnis metastatischer Orbitalsarkome. Med. Diss. Basel 1935
-Certain severe disturbances of ego development in childhood. Psa Study Child 8, 1953, 271-287
-Some evidences of deviational development in infancy and early childhood. Psa Study Child 11, 1956, 292-299
-The basic core. Psa Study Child 25, 1970, 442-460 [Der psychische Urkern. Psyche 30, 1976, 385-404]
-Ego strengthening prior to analysis. Psa Study Child 28, 1973, 287-301
-Maturational variations and genetic-dynamic issues. JAPA 26, 1978, 461-491
-Thoughts about early pathology. JAPA 33, 1985, 335-352
-(mit Augusta Alpert und Peter B. Neubauer) Unusual variations in drive endowment. Psa Study Child 11, 1956, 125-163
-(und Marjorie Harley) Phyllis Greenacre, M.D. (1894-1989). IJP 71, 1990, 523-525

LITERATUR UND LINKS
-Köhler, Lotte: "Umsonst war's nicht". Bericht einer betroffenen Zeitzeugin. In Ludger M.Hermanns (Hg.): Psychoanalyse in Selbstdarstellungen, Bd. 4. Tübingen 1998, 165-230
-New York Times, 19.4.1994 (30.9.2008)

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Ruth Wilmanns Lidz (1910-1995)

Ruth Wilmanns LidzRuth Maria Wilmanns wurde in Heidelberg geboren, sie war die Tochter des Psychiatrieprofessors Karl Wilmanns, der 1933 seinen Lehrstuhl verlor, weil er in einer Vorlesung Hitler als Hysteriker bezeichnet hatte. Ruth Wilmanns begann 1930 in Heidelberg ein Medizinstudium, das sie in München, Innsbruck und Stockholm fortsetzte und schließlich in der Schweiz beendete. 1935 promovierte sie in Basel. Nachdem sie kurze Zeit in einem Krankenhaus in Istanbul gearbeitet hatte, erlernte sie in der Berner Psychiatrischen Klinik Münsingen die Insulinschockbehandlung von Schizophrenen. 1937 emigrierte sie in die USA, wo sie als Assistenzärztin von Adolf Meyer in der psychiatrischen Phipps-Klinik am Johns Hopkins Hospital in Baltimore arbeitete und dort die Insulintherapie einführte.
1939 heiratete sie ihren Kollegen Theodore Lidz (1910-2001), aus ihrer Ehe gingen drei Söhne hervor. Die lebenslange Zusammenarbeit von Ruth und Theodore Lidz setzte in den 1940er Jahren mit der Untersuchung der familiären Bedingungen von Schizophrenen ein, gemeinsam verfassten sie zahlreiche Aufsätze. 1943 begann Ruth Lidz eine psychoanalytische Ausbildung am Washington-Baltimore Psychoanalytic Institute, ihr erster Analytiker war Lewis Hill, eine weitere Analyse machte sie bei Frieda Fromm-Reichmann. 1947 wurde sie Mitglied der Washington-Baltimore Psychoanalytic Society und der APsaA, später der Western New England Psychoanalytic Society.
1951 zog das Ehepaar Lidz nach New Haven, Connecticut, wo Ruth Wilmanns Lidz als Assistenzprofessorin und seit 1965 als Professorin für Psychiatrie an der Yale University School of Medicine lehrte. Wie ihr Mann wurde sie vor allem durch ihre Arbeit mit Schizophrenen bekannt. Außerdem befasste sie sich mit emotionalen Problemen, die mit Abtreibung, Schwangerschaft, Empfängnisverhütung und Unfruchtbarkeit zusammenhängen, und führte Beratungen von Gynäkologen und Geburtshelfern durch.
Nach einer Reise in den Südpazifik veröffentlichten Ruth und Theodore Lidz mehrere Arbeiten über Mannbarkeitsriten in Papua-Neuguinea, aus denen 1989 ihr gemeinsames Buch Oedipus in the Stone Age hervorging.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-Wie findet sich der Mensch mit der Amputation eines Gliedes ab? Med. Diss. Basel 1935
-Emotional factors in the success of contraception. Fertility and Sterility 20, 1969, 761-771
-Conflicts between fertility and infertility. In C. Nadelson und M. Notman (Hg.): The Woman Patient, Bd. 1. New York; London 1979
-Fruchtbarkeit und Selbstverwirklichung der Frau. Familiendynamik 4, 1979, 49-58
-Motivation und Konflikte der Empfängnisverhütung. Familiendynamik 4, 1979, 246-254
-The use of anxiety and hostility in the treatment of schizophrenic patients. In A.-L. S. Silver (Hg.): Psychoanalysis and Psychosis. Madison, CT 1989, 207-219
-Ein erfülltes Leben. In L. M. Hermanns (Hg.): Psychoanalyse in Selbstdarstellungen, Bd. 2. Tübingen 1994, 277-311
-(mit S. Katzenelbogen u.a.) The insulin treatment in schizophrenic patients. Clinical and biochemical studies. Am J Psychiatry 95, 1938, 793-797
-(und Theodore Lidz) The family environment of schizophrenic patients. Am J Psychiatry 106, 1949, 332-345
-(und T. Lidz) Homosexual tendencies in mothers of schizophrenic women. Journal of Nervous and Mental Disease 149, 1969, 229-235
-(mit T. Lidz und Robert Rubenstein) An anaclitic syndrome in adolescent amphetamine addicts. Psa Study Child 31, 1976, 317-348
-(und T. Lidz) Male menstruation. A ritual alternative to the oedipal transition. IJP 58, 1977, 17-31
-(und T. Lidz) Oedipus in the stone age. JAPA 32, 1984, 507-527
-(und T. Lidz) Turning woman things into men. Masculinization in Papua New Guinea. Psychoanal Rev 73D, 1986, 117-135
-(und T. Lidz) Oedipus in the Stone Age. A Psychoanalytic Study of Masculinization in Papua New Guinea. Madison, Conn 1989

LITERATUR UND LINKS
-Ruth W. Lidz, 85, Yale Professor, dies. New York Times, 13.10.1995 (30.6.2009)
-Wikipedia (19.8.2008)
-Wilmanns Lidz, Ruth: Ein erfülltes Leben. In L. M. Hermanns (Hg.): Psychoanalyse in Selbstdarstellungen, Bd. 2. Tübingen 1994, 277-311
-Yale Peabody Museum (20.8.2008)

ABB. aus Wilmanns Lidz 1994, 289

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Martha Wolfenstein (1911-1976)

Martha Wolfenstein wurde in Cleveland, Ohio, geboren, ihre Eltern Leo Wolfenstein und Anna Koppel stammten beide aus jüdischen Einwandererfamilien. Ihre Mutter starb, als Martha noch ein Kind war. Martha Wolfenstein besuchte das Radcliffe College für Frauen, studierte in Harvard Kunstwissenschaft und promovierte 1939 über Taine's philosophy of art. 1944 machte sie an der Columbia University in New York den Magister in Psychologie und arbeitete danach als Schulpsychologin.
Ihre psychoanalytische Ausbildung erhielt sie zwischen 1948 und 1953 am New York Psychoanalytic Institute, ihr Lehranalytiker war der aus Wien emigrierte Analytiker und Kunsthistoriker Ernst Kris. Martha Wolfenstein ließ sich als Kinderpsychotherapeutin und Psychoanalytikerin in New York nieder, gehörte aber, da sie Laienanalytikerin war, keiner Organisation der APsaA an. Sie war eine anerkannte Lehrerin und gesuchte Supervisorin und veranstaltete jahrelang am Albert Einstein College of Medicine ein wöchentliches Fallseminar.
Ihr Interesse galt besonders Kindern, die unter dem Verlust eines primären Objekts leiden. In ihren klassischen Studien zu diesem Thema, How is mourning possible?, Loss, rage, and repetition und The image of the lost parent, zeigte sie, dass Kinder auf den Tod eines Elternteils mit einer Ich-Spaltung reagieren, indem sie seinen Tod zwar verbal anerkennen, auf einer tieferen Phantasie- und Verhaltensebene jedoch leugnen. Statt das verlorene Objekt nach und nach aufzugeben, besetzen sie es umso intensiver.
Ein weiterer Schwerpunkt Martha Wolfensteins war die psychoanalytische Auseinandersetzung mit kulturellen Werten. Gemeinsam mit der Anthropologin Margaret Mead gab sie 1955 das Buch Childhood in Contemporary Cultures heraus, wo sie z. B. in ihrem Aufsatz French parents take their children to the park französische und amerikanische Kindheitsbilder verglich. Berühmt wurde ihr zusammen mit Nathan Leites verfasstes Buch Movies, eine psychoanalytisch inspirierte Untersuchung der Ängste, Träume und Hoffnungen in amerikanischen, britischen und französischen Kinofilmen der 1940er-Jahre.
Martha Wolfenstein starb in New York an einem Krebsleiden.

SCHRIFTEN (Auswahl)
-The social background of Taine's philosophy of art. Journal of the History of Ideas 5, 1944, 332-358
-The Impact of a Children's Story on Mothers and Children. Washington, DC 1947
-Some variants in moral training of children. Psa Study Child 5, 1950, 310-328
-Fun morality. An analysis of recent American child-training literature (1951). In Mead/Wolfenstein 1955, 168-178
-Children's understanding of jokes. Psa Study Child 8, 1953, 162-173
-French parents take their children to the park (1954). In Mead/Wolfenstein 1955, 99-117
-Children's Humor. A Psychological Analysis. Glencoe, IL 1954
-Mad laughter in a six-year-old boy. Psa Study Child 10, 1955, 381-394
-Analysis of a juvenile poem. Psa Study Child 11, 1956, 450-470
-Disaster. Glencoe, IL, 1957
-How is mourning possible? Psa Study Child 21, 1966, 93-123
-Goya's dining room. Psa Quart 35, 1966, 47-83
-Loss, rage, and repetition. Psa Study Child 24, 1969, 432-460
-The image of the lost parent. Psa Study Child 28, 1973, 433-456
-Looking backward from a clockwork orange. Psa Study Child 31, 1976, 535-553
-(und Nathan Leites) Movies. A Psychological Study. Glencoe, IL 1950
-(und Margaret Mead) (Hg.) Childhood in Contemporary Cultures. Chicago 1955
-(und G. Kliman) (Hg.) Children and the Death of the President. Multidisciplinary Study. Garden City, NY 1965

LITERATUR UND LINKS
-Spitz, Ellen Handler: Martha Wolfenstein: Toward the severance of memory from hope. Psychoanal Rev 85, 1998, 105-115
-Thompson, Nellie L.: American women psychoanalysts 1911-1941. Ann Psychoanal 29, 2001, 161-177
-Thompson, Nellie L.: Wolfenstein, Martha. In Dictionnaire international de la psychanalyse (2002). Hg. von A. de Mijolla. Paris 2005, 1918f [International Dictionary of Psychoanalysis (30.6.2009)]
-Wagner, Aleksandra: Edith Jacobsons Selbstzeugnisse lesen, oder: Was sie zur Psychoanalytikerin machte. In U. May und E. Mühlleitner (Hg.): Edith Jacobson. Sie selbst und die Welt ihrer Objekte. Leben, Werk, Erinnerungen. Gießen 2005, 241-275

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Elizabeth Zetzel geb. Rosenberg (1907-1970)

Elizabeth R. Zetzel wurde in New York als Tochter des Juristen James N. Rosenberg und seiner Frau Babette geboren. Sie besuchte bis 1928 das Smith College, begann anschließend ein Studium an der London School of Economics und wandte sich dann der Medizin zu. Sie spezialisierte sich in der Psychiatrie und arbeitete nach ihrer Approbation am Maudsley Hospital in London.
Ihre psychoanalytische Ausbildung erhielt sie während der 1930er Jahre in London, wo sie eine Lehranalyse bei Ernest Jones machte und Mitglied der British Psycho-Analytical Society wurde. In der Freud-Klein-Kontroverse der 1940er Jahre nahm sie eine vermittelnde Position ein. Als ihren wichtigsten Lehrer bezeichnete sie Donald Woods Winnicott.
1944 heiratete Elizabeth Rosenberg den Londoner Psychiater Eric Guttman, 1947 wurde ihr Sohn James Eric geboren. Nach dem Tod Guttmans heiratete sie 1949 den Amerikaner Louis Zetzel (1909-1993), der Professor für Gastroenterologie war, und kehrte noch im gleichen Jahr mit ihm in die USA zurück. Sie ließen sich in Boston nieder, wo ihre beiden Töchter Ellen und Judy zur Welt kamen. Elizabeth Zetzel wurde Mitglied und Lehranalytikerin der Boston Psychoanalytic Society und lehrte während der 1960er Jahre an der Harvard Medical School. Von 1961 bis 1965 war sie Sekretärin, danach Vizepräsidentin der IPA. Trotz ihrer Zweifel an Melanie Kleins theoretischen Positionen setzte sie sich dafür ein, dass deren klinische Ergebnisse in den USA rezipiert wurden.
Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag auf der Hysterie- und der Depressionsforschung. Die Fähigkeit, Depression und Angst zu ertragen, bedeutete für sie ein wichtiges Maß für die Ich-Stärke. Mit Zetzels Namen ist besonders der Begriff des "therapeutischen Bündnisses" assoziiert. Damit ist die aktive, therapiefördernde Kooperation des Patienten mit dem Analytiker gemeint, deren Ursprünge Zetzel in der Phase der Entstehung des Urvertrauens während der frühen Mutter-Kind-Interaktionen verortet.
Eine Auswahl ihres Lebenswerks bietet der Band The Capacity for Emotional Growth. Bis zu ihrem vorzeitigen Tod leitete Elizabeth Zetzel ein Projekt, das die Ausweitung psychoanalytischer Erkenntnisse auf die Psychotherapie allgemein erforschte. (Artikelanfang)

SCHRIFTEN (Auswahl)
-The depressive position. In Phyllis Greenacre (Hg.): Affective Disorders. New York 1953, 84-116
-The concept of anxiety in relation to the development of psychoanalysis. JAPA 3, 1955, 369-388
-An approach to the relation between concept and content in psychoanalytic theory (with special reference to the work of Melanie Klein and her followers). Psa Study Child 11, 1956, 99-121
-Current concepts of transference. IJP 37, 1956, 369-376
-Ernest Jones. His contribution to the psycho-analytic theory. IJP 39, 1958, 311-318
-Melanie Klein 1882-1960. Psa Quart 30, 1961, 420-425
-Depression and the incapacity to bear it. In M. Schur (Hg.): Drives, Affects, Behavior, Bd. 2. New York 1965, 243-274
-The theory of therapy in relation to a development model of the psychic apparatus. IJP 46, 1965, 39-52
-The predisposition to depression. Journal of the Canadian Psychiatric Association, Suppl. II, 1966, 236-249
-The so-called good hysteric. IJP 49, 1968, 256-260
-The psychoanalysis of dreams. Psa Quart 37, 1968, 289-291
-96 Gloucester Place. Some personal recollections. IJP 50, 1969, 717-719
-The Capacity for Emotional Growth. London 1970 [Die Fähigkeit zu emotionalem Wachstum. Stuttgart 1974]
-Anxiety and the capacity to bear it. In Charles W. Socarides (Hg.): The World of Emotions. New York 1977, 183-204

LITERATUR UND LINKS
-Gitelson Frances H.: Obituary Elizabeth Rosenberg Zetzel, M.D. 1907-1970. Psa Quart 40, 1971, 709-710
-Rangell, Leo: Obituary Elizabeth R. Zetzel. IJP 52, 1971, 229-231
-Thompson, Nellie L.: American women psychoanalysts 1911-1941. Ann Psychoanal 29, 2001, 161-177
Thompson, Nellie L.: Zetzel-Rosenberg, Elizabeth. In Dictionnaire international de la psychanalyse (2002). Hg. von Alain de Mijolla. Paris 2005, 1927f [International Dictionary of Psychoanalysis (30.6.2009)]

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