Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon

Geschichte der Psychoanalyse in Österreich

Biografien

Im Rahmen der WPV fanden Kurse für Lehrer, Erzieher und Fürsorger statt, und 1923 wurde dem psychoanalytischen Ambulatorium eine Erziehungsberatungsstelle unter der Leitung von Hug-Hellmuth angeschlossen. Drei Jahre später erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik. Eine zweite Erziehungs- und Jugendberatungsstelle der WPV wurde von 1932 bis 1938 von Aichhorn geleitet, MitarbeiterInnen waren Anna Freud, Editha Sterba und Willi Hoffer.


1930er Jahre und Emigration

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland wurde Wien während der 1930er Jahre wieder das Zentrum der psychoanalytischen Bewegung, da hier die Bedrohung durch den klerikalen Austrofaschismus geringer war. In diesen Jahren erschienen die Schriften, welche der in den USA so erfolgreichen Ich-Psychologie den Weg bereiteten: Anna Freuds Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936) und Heinz Hartmanns Ichpsychologie und Anpassungsproblem (1939). Hartmann, der Begründer der Ich-Psychologie, nahm anders als Sigmund Freud einen autonomen, konfliktfreien Bereich des Ich an und relativierte die zentrale Bedeutung der Triebe.
Die antisemitische Stimmung gegen die Psychoanalyse, von der es hieß, dass sie als "jüdische Wissenschaft" für die nichtjüdische Seele keine Gültigkeit besäße, nahm jedoch zu. Die Psychoanalytiker reagierten entweder mit politischer Abstinenz und Selbstzensur und konzentrierten sich auf die Ausbildung und klinische Arbeit, oder sie verließen das Land. Es gab aber auch WPV-Mitglieder, die einer verbotenen politischen Aktivität nachgingen, wie Annie Angel, Edith Buxbaum, Ernst Federn und die Ausbildungskandidatinnen Marie Langer, Tea Genner-Erdheim und Muriel Gardiner. Mit dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich kam 1938 auch hier die Zerschlagung der psychoanalytischen Bewegung.
Die WPV lehnte eine "Rettung" der österreichischen Psychoanalyse nach deutschem Vorbild ab und empfahl stattdessen ihren Mitgliedern die Emigration. Noch 1938 wurde die Wiener Vereinigung durch den Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich aufgelöst. Dank des Einsatzes von Marie Bonaparte und Ernest Jones auf höchster diplomatischer Ebene wurde es dem schwerkranken Sigmund Freud und seiner Tochter Anna im Juni 1938 gestattet, Wien zu verlassen und nach London zu emigrieren (Abb. 1; Abb. 2). Mit ihnen gingen beinahe alle Wiener AnalytikerInnen ins Exil. Nur eine kleine Gruppe unter der Führung von Aichhorn blieb in Österreich und setzte während der Kriegsjahre die psychoanalytische Ausbildung notgedrungen im Rahmen der Wiener Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Reichsinstituts für psychologische Forschung und Psychotherapie (Göring-Institut) fort.


Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Es waren die Mitglieder dieser Gruppe, die nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 die WPV neu gründeten, insbesondere August Aichhorn, der die Präsidentschaft übernahm, Alfred von Winterstein, Wilhelm Solms-Rödelheim und Igor Caruso. Caruso war die Ausrichtung der WPV jedoch zu medizinorientiert, und er schuf 1947 den Wiener Arbeitskreis für Tiefenpsychologie (seit 1988 Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse), der die Freudsche Psychoanalyse durch eine personalistisch-philosophische Anthropologie ergänzte. 1949 wurde die WPV wieder in die Internationale Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Der erhoffte Rückstrom emigrierter Wiener Analytiker blieb jedoch aus - Ausnahmen waren Otto Fleischmann und Robert Jokl, die jedoch bald in die USA gingen. Fortbestehende Vorurteile sorgten dafür, dass die Psychoanalyse in Österreich bis Ende der 1960er Jahre wenig Anerkennung fand. Die WPV verfügte über kein eigenes Publikationsorgan, und es mangelte ihr an wissenschaftlichem Austausch, finanziellen Mitteln und größeren Publikationen.
Nach Aichhorns Tod übernahm Alfred von Winterstein von 1949 bis 1957 die Leitung der WPV, sein Nachfolger war bis 1972 Solms-Rödelheim. 1961 entstand eine Abteilung für Kinderanalyse in der WPV unter der Leitung von Hedda Eppel. Zur Verbreitung psychoanalytischen Wissens war 1949 die August-Aichhorn-Gesellschaft gegründet worden, die unter der Leitung von Lambert Bolterauer bis 1968 Vorträge für interessierte Laien veranstaltete und Beratungen durchführte. In diesem Jahr wurde die Sigmund Freud-Gesellschaft ins Leben gerufen, die die ehemalige Wohnung und Ordination Freuds in ein Museum umwandelte, um sein Werk einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


Entwicklung seit den 1970er Jahren

Wie anderswo auch stieß die Lehre Freuds in den 1970er Jahren auf wachsende Resonanz in der österreichischen Öffentlichkeit. Vor allem das Interesse der Studentenbewegung für die Psychoanalyse trug zu diesem Umschwung bei, aber auch die Berufung des WPV-Mitglieds Hans Strotzka zum Leiter des neugegründeten Instituts für Psychotherapie und Tiefenpsychologie an der medizinischen Fakultät der Wiener Universität. 1973 wurde als Reaktion auf den gestiegenen Bedarf eine Beratungsstelle der WPV für Kinder und Jugendliche eingerichtet. Seit 1981 gibt die Österreichische Studiengesellschaft für Kinderpsychoanalyse das Jahrbuch Studien zur Kinderanalyse heraus.
Von 1974 bis 1978 leitete Harald Leupold-Löwenthal die WPV, anschließend Solms-Rödelheim und von 1982 an Peter Schuster; Ende 1998 übernahm Krista Placheta die Präsidentschaft. Ein Jahr später wurde das 1938 geschlossene Ambulatorium der WPV wiedereröffnet. Zu dieser Zeit zählte die Wiener Vereinigung 70 Mitglieder und ca. 100 Kandidaten. Seit 1984 erscheint das Bulletin der WPV. Im gleichen Jahr gründeten Studenten von Igor Caruso in Salzburg das Werkblatt - Zeitschrift für Psychoanalyse und Gesellschaftskritik, das bis heute eine kritische Einstellung jenseits der institutionalisierten Psychoanalyse vertritt.


© 2007-2012 Brigitte Nölleke