Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon

Geschichte der Psychoanalyse in den Niederlanden

Biografien

Entwicklung nach 1945

1945 wurde die Nederlandse Vereniging voor Psychoanalyse (NVP) neugegründet, zu ihren wichtigsten Mitglieder zählten Jeanne Lampl-de-Groot, Pieter Jan van der Leeuw, H. A. van der Sterren, J. Spanjaard und Elisabeth C. M. Frijling-Schreuder. Erster Nachkriegs-Präsident war H. G. van der Waals. 1946 wurde in Amsterdam ein psychoanalytisches Lehrinstitut mit Ambulatorium für mittellose Patienten gegründet und ein Jahr später von Anna Freud offiziell eingeweiht. 1947 kam es erneut zu einer Spaltung: Westerman Holstijn und van der Hoop gründeten die Nederlands Psychoanalytisch Genootschap (NPG) neu, die eine weniger orthodoxe Auffassung der Psychoanalyse vertrat als die NVP und von der IPA nicht anerkannt wurde. 1983 eröffnete die NPG in Utrecht ein eigenes psychoanalytisches Institut, dessen erster Direktor Jan Groen war. Die beiden Institute der NVP und NPG fusionierten 1995 unter dem Dach des Nederlands Psychoanalytisch Instituut (NPI).
In den 1950er und 1960er Jahre entfaltete sich besonders die Kinderpsychoanalyse in Holland. Seit 1960 hielt Elisabeth Frijling-Schreuder regelmäßig ein Seminar zur Kinderanalyse ab, 1966 wurde dann mit Unterstützung der Hampstead Clinic in London ein Ausbildungszweig für Kinderanalyse eingerichtet. Die NVP war damals die einzige IPV-Organisation, in der jemand allein aufgrund einer kinderanalytischen Ausbildung Mitglied werden konnte. 1955 wurde das NVP-Mitglied Th. Hart de Ruyter auf den ersten Lehrstuhl für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Groningen berufen. Mit Groningen erhielt die holländische Psychoanalyse ein weiteres Zentrum neben Amsterdam und Den Haag.
Die Berufung von PsychoanalytikerInnen auf Lehrstühle für Psychiatrie und Psychologie in Amsterdam - wo P. C. Kuiper Professor für Psychiatrie, Frijling-Schreuder Professorin für Kinderpsychiatrie wurden -, Leiden, Rotterdam und Groningen verdeutlichte das Erstarken der niederländischen Psychoanalyse seit den 1960er Jahren. Begünstigt wurde die positive Entwcklung durch das Sozialhilfegesetz, das seit 1967 die Erstattung eines Großteils der Kosten für eine psychoanalytische Behandlung bewilligte. Im Laufe der 1980er Jahre nahm die Bedeutung der Psychoanalyse für die jetzt stärker biologisch ausgerichtete Psychiatrie wieder ab. Auf der anderen Seite wuchs das Interesse an der Anwendung der Psychoanalyse auf anderen Gebieten, wie 1989 die Gründung einer Stiftung Psychoanalyse und Kultur bewies.


  • LITERATUR UND LINKS
  • Brinkgreve, Christien: Psychoanalyse in Nederland. Amsterdam 1984
  • Groen-Prakken, Han: Pays-Bas. In Dictionnaire international de la psychanalyse (2002) Hg. von A. de Mijolla. Paris 2005, 1251-1253 [International Dictionary of Psychoanalysis (17.2.2009)]
  • Groen-Prakken, Han, und Leo de Nobel: The Netherlands. In Psychoanalysis International, Bd.1: Europe. Stuttgart-Bad Cannstatt 1992, 217-242
  • Lebovici, Solange: Dutch historians and depth psychology. Psychohist Rev 27, 1999, 49-57
  • Luzifer-Amor 22 (44), 2009: Psychoanalyse in den Niederlanden
  • Rothe, Hans-Joachim: Zur Erinnerung an Karl Landauer. Frankfurt/M. 1987
  • Roudinesco, Elisabeth, und Michel Plon: Wörterbuch der Psychoanalyse (1997). Wien, New York 2004 [Diccionario de psicoanálisis (6.3.2008)]
  • Spanjaard, J., und R. U. Mekking: Psychoanalyse in den Niederlanden. In: Die Psychologie des 20. Jahrhunderts III: Freud und die Folgen (2). Zürich 1977, 55-72
  • Stroeken, Harry: Psychoanalysis in the Netherlands during World War II. Int Forum Psychoanal 12 (2/3), 2003, 130-135
  • Stroeken, Harry: Johan van Ophuijsen, Pandang/Indonesien 1882 - New York 1950. Luzifer-Amor 22 (44), 2009, 7-44
© 2007-2012 Brigitte Nölleke