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Argentinien erlebte seit seiner Einigung im Jahr 1880 mehrere Zuwanderungswellen aus Europa, so dass seine Bevölkerung zu einem großen Teil aus europäischen Emigranten bzw. deren Nachkommen besteht. Viele von ihnen ließen sich in Buenos Aires nieder und prägten den Kosmopolitismus der Hauptstadt. Entsprechend groß war der Einfluss europäischer Kultur und Wissenschaft auf das argentinische Geistesleben.
Nachdem ab 1922 die ersten Bände der spanischen Übersetzung von Sigmund Freuds Gesammelten Schriften (Obras completas 1922-1934) erschienen waren, setzten sich zahlreiche argentinische Autoren mit der Psychoanalyse auseinander. In den 1930er Jahren bildete sich in Buenos Aires um die Psychiater Enrique Pichon-Rivière und Arnaldo Rascovsky eine informelle psychoanalytische Arbeitsgruppe, der Arminda Aberastury, Matilde Wencelblat und ihr Bruder Simón Wencelblat, Teodoro Schlossberg, Flora Scolni, Alberto Tallaferro, Guillermo Ferrari Hardoy, Luis Rascovsky, Luisa Gambier Alvarez de Toledo und Jorge Weil angehörten. Hinzu kamen als LehranalytikerInnen der in Spanien geborene und am Berliner Psychoanalytischen Institut ausgebildete Ángel Garma, der Argentinier Celes Ernesto Cárcamo, der seine psychoanalytische Ausbildung in Paris erhalten hatte, sowie die aus Österreich emigrierte Marie Langer. 1942 gründeten Pichon-Rivière, Arnaldo Rascovsky, Ferrari Hardoy, Cárcamo, Garma und Marie Langer die Asociación Psicoanalítica Argentina (APA) mit Ángel Garma als ihrem ersten Präsidenten (Abb.1 + Abb.2). 1943 wurde das Lehrinstitut der APA eröffnet, und im gleichen Jahr erschien die erste Nummer der Revista de Psicoanálisis, des offiziellen Organs der APA. 1949 wurde die APA ordentliches Mitglied der International Psychoanalytical Association (IPA).
Zwischen den Jahren 1950 und 1970 erlebte die psychoanalytische Bewegung in Argentinien einen Aufschwung, obwohl die Regierung Perón die Praxis der Psychoanalyse auf die Ärzte beschränkt hatte. Argentinische Lehranalytiker bildeten die meisten Analytiker der anderen spanischsprechenden Länder Lateinamerikas aus, Lehranalytiker der APA wurden auf die neu eingerichteten Lehrstühle für Psychologie an den Universitäten Buenos Aires, Rosario und Mendoza berufen. In dieser Zeit entstand die "argentinische Schule", die sich vor allem an Melanie Klein und deren SchülerInnen orientierte. Die kleinianische Theorie mit ihrer Betonung der präödipalen Objektbeziehungen und der innerpsychischen Realität war nach dem Zweiten Weltkrieg von Arminda Aberastury in Argentinien eingeführt worden. Aberastury war auch die Begründerin der argentinischen Kinderpsychoanalyse, die der Aufnahme des kleinianischen Ansatzes den Weg ebnete. Die argentinische Schule entwickelte die Kleinschen Gedanken weiter und ist mit Namen wie Pichon-Rivière, Aberastury, Ángel Garma, Arnaldo Rascovsky, Heinrich Racker, León und Rebeca Grinberg, Willy und Madeleine Baranger, Edgardo Rolla, Fidias Cesio, José Bleger, David Liberman, Horacio Etchegoyen und anderen verbunden.
Im Gefolge der 1968er Studentenrevolution wurde 1969 auf dem IPA-Kongress in Rom unter Beteiligung von Marie Langer die Gruppe Plataforma gegründet, die eine Demokratisierung der Ausbildungsinstitute, die Wiederbelebung der kulturkritischen Wurzeln der Psychoanalyse und politisches Engagement der Analytiker einforderte. Angeführt wurde sie von Emilio Rodrigué, der 1969 Präsident der bis dahin sehr konservativen Féderacion Argentina di Psiquiatras (FAP) Buenos Aires wurde. 1971 kam es zur ersten Spaltung in der Geschichte der argentinischen Psychoanalyse: Plataforma und die von Marie Langer mitgegründete Gruppe Documento trennten sich von der APA. Sie nahmen auch Nicht-Mediziner auf, denen die Mitgliedschaft in der APA bis 1987 verwehrt war.
1975 konstituierte sich die Gruppe Ateneo Psicoanalítico, die andere Vorstellungen über das institutionelle Selbstverständnis und die Ausbildung von Kandidaten als die APA vertrat. Sie wurde 1977 unter dem Namen Asociación Psicoanalítica de Buenos Aires (APdeBA) von der IPA anerkannt. Ihr gehörten u. a. Horacio Etchegoyen, José Bleger, David Liberman sowie León und Rebeca Grinberg an. Seit 1979 erscheint Psicoanálsis, die Zeitschrift der APdeBA. (Artikelanfang)
Wie in keinem anderen Land außerhalb von Frankreich stieß das Werk Jacques Lacans mit seiner These von der sprachlichen Struktur des Unbewussten in Argentinien auf großes Interesse. 1974 gründete der argentinische Philosoph und Lacan-Anhänger Oscar Masotta zusammen mit argentinischen Psychoanalytikern die Escuela Freudiana de Buenos Aires (EFBA), die den Beginn einer starken lacanianischen Bewegung in Argentinien markierte. 1979 spalteten sich die Lacanianer erstmals: der inzwischen nach Barcelona emigrierte Masotta initiierte die Escuela Freudiana de Argentina (EFA), aus der heraus sich in den folgenden Jahren zahlreiche lacanianische und postlacanianische Kleingruppen bildeten.
Während der Präsidentschaft von Juan Perón ab 1973 und seiner Nachfolgerin Isabel Perón wandelte sich Argentinien von einem klassischen Militärregime in ein System des Staatsterrorismus. Die von José Lopez de Rega geschaffene Alianza Anticomunista Argentina (Triple A) ging mit ihren Todesschwadronen gegen linke Gewerkschafter und Intellektuelle vor, und unter General Jorge Rafael Videla, der 1976 die Macht übernahm, fielen dreißigtausend Menschen dem Regime zum Opfer. In dieser Zeit emigrierten viele Psychoanalytiker nach Europa, in andere lateinamerikanische Länder oder in die USA.
Erst nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1983 konnte die psychoanalytische Bewegung in Argentinien erneut expandieren. Zu den bisher existierenden psychoanalytischen Vereinigungen kamen hinzu die Sociedad Psicoanalítica de Mendoza, die Asociación Psicoanalítica de Córdoba (APC) und die Asociación de Psicoanálisis de Rosario. Ende 1990 gab es in Argentinien ca. 2.500 PsychoanalytikerInnen aller Richtungen. 1991 fand der IPA-Kongress erstmals in Buenos Aires statt, bei der Gelegenheit wurde Horacio Etchegoyen, Mitglied der APdeBA, zum ersten spanischsprachigen IPA-Präsidenten gewählt.
1889, nach der Entmachtung Kaiser Pedros II, wurde in Brasilien die Republik ausgerufen. Damit einher ging auch eine Psychiatriereform, und Brasilien wurde das erste Land Lateinamerikas, in dem die Psychoanalyse Fuß fassen konnte. Der Psychiater Juliano Moreira, der seit 1903 Direktor des staatlichen Krankenhauses für Geistesgestörte in Rio de Janeiro war, verbreitete als erster die Ideen Sigmund Freuds. Weitere Psychiater, die zwischen 1914 und 1930 zur Einführung der Psychoanalyse beitrugen, waren Francisco Franco Da Rocha, Jenserico Aragão de Souza Pinto, Arthur Ramos de Araujo Pereira, Deodato de Morais, Mauricio Campos de Medeiros und Julio Pires Porto-Carrero.
Der erste Organisator der psychoanalytischen Bewegung in Brasilien war der Psychiater Durval Marcondes, der 1927 in São Paulo die Sociedade Brasileira de Psicanálise (SBP) gründete, mit Franco da Rocha als ihrem ersten Präsidenten. Eine Zweigstelle der 1929 provisorisch durch die IPA anerkannten SBP entstand 1928 in Rio de Janeiro. 1936 kam Adelheid Koch aus Berlin nach São Paulo und begann dort 1937 als erste Lehranalytikerin in Brasilien KandidatInnen nach den Kriterien der IPA auszubilden. 1939 wurde Marcondes auf den ersten Lehrstuhl für Psychoanalyse an der Escola Livre de Sociologia berufen.
Nach Auflösung der SBP gründeten Koch und ihre AnalysandInnen Marcondes, Virginia Bicudo, Flávio Dias und Darcy Mendonça Uchôa 1944 die Grupo Psicanalítico do São Paulo, die als Sociedade Brasileira de Psicanálise de São Paulo (SBPSP) 1945 provisorisches und 1951 Vollmitglied der IPA wurde. Zum Gründungskern gehörten auch Frank Philips, Lygia Alcântara Amaral, Henrique Mendes und Isaías Mehlson. Seit 1966 veröffentlicht das Lehrinstitut der SBPSP das Jornal de Psicanálise.
Während des Zweiten Weltkriegs bestimmte der 1930 mit Unterstützung des Militärs an die Macht gekommene Präsident Getúlio Vargas die politische Situation Brasiliens, indem er eine faschistische Diktatur nach mussolinischem Vorbild errichtete. Nach Kriegsende etablierte sich für die nächsten zwei Jahrzehnte wieder ein demokratisches System.
In Rio de Janeiro waren zwei psychoanalytische Einrichtungen entstanden: 1944 das Centro de Estudos Juliano Moreira und 1947 das Instituto Brasileiro de Psicanálise. Als erste Lehranalytiker kamen 1948 Mark Burke, BPAS-Mitglied, aus England und der deutsche Psychoanalytiker Werner Kemper, ein ehemaliger Mitarbeiter des mit den Nationalsozialisten kooperierenden "Göring-Instituts", nach Rio de Janeiro. Auch mehrere Psychoanalytiker, die ihre Ausbildung in Argentinien absolviert hatten, kehrten nach Rio zurück, unter ihnen Alycon Baer Bahia, Danilo und Marialzira Perestrello und Walderedo Ismael de Oliveira, und es bildeten sich im Instituto Brasileiro de Psicanálise drei Fraktionen: die Kemper-Anhänger, die Burke-Anhänger und die "Argentinier". Nach Auseinandersetzungen zwischen Kemper und Burke sowie Zweifeln an Kattrin Kempers psychoanalytischer Ausbildung wurde das Ehepaar Kemper 1951 aus dem Institut ausgeschlossen. Burke kehrte 1953 nach London zurück. Werner Kemper gründete gemeinsam mit Kattrin Kemper, Fábio Leite Lobo, Gerson Borsoi, Inaura Carneiro Leão, Luiz Guimarães Dahlheim und Noemy Rudolfer die Sociedade Psicanálitica de Rio de Janeiro (SPRJ), die 1955 durch die IPA anerkannt wurde. Die "Argentinier" und Burkianer ihrerseits bildeten 1957 die Sociedade Brasileira de Psicanálise de Rio de Janeiro (SBPRJ), die zwei Jahre später Mitglied der IPA wurde (Abb. 1959).
In Porto Allegre gründete der ebenfalls in Argentinien ausgebildeten Mário Martins gemeinsam mit Zaira Bittencourt Martins, José Lemmertz, Celestino Prunes und anderen eine psychoanalytische Studiengruppe, die 1963 als Sociedade Psicanálitica de Porto Allegre (SPPA) durch die IPA anerkannt wurde.
Dass in den 1940er Jahren viele brasilianische PsychoanalytikerInnen ihre Ausbildung in Argentinien erhalten hatten, hatte zur Folge, dass die in der APA vorherrschende kleinianische Schule großen Einfluss auf die Psychoanalyse Brasiliens ausübte. Die Theorien Melanie Kleins wurden insbesondere von Décio Soares de Souza, Virgina Bicudo, Frank Philips und Manoel Thomas M. Lyra in Rio de Janeiro und São Paulo sowie von dem Ehepaar Mário und Zaira Martins in Porto Alegre vertreten. Zahlreiche brasilianische AnalytikerInnen wie Virginia Bicudo und Frank Philips gingen nach London, um sich dort weiterbilden zu lassen.
1964 errichtete der durch einen Militärputsch an die Macht gelangte Castelo Branco eine Diktatur, die bis 1985 andauern sollte. Trotzdem erlebte die Psychoanalyse während der 1960 und 1970er Jahre eine Blütezeit. Die Mehrheit der brasilianischen Psychoanalytiker arrangierte sich mit dem Regime, sie verstanden die Psychoanalyse als eine Wissenschaft ohne soziale oder politische Bezüge. (Artikelanfang)
Die Cabernite-Lobo-Affäre spiegelte Mitte der 1970er Jahre diese Situation wider: Amilcar Lobo Moreira, ein der Folterung beschuldigter Stabsarzt der Militärpolizei, wurde vom Präsidenten der SPRJ, Leão Cabernite, als Ausbildungskandidat angenommen. Als die linksorientierte Psychoanalytikerin Helena Besserman Vianna diesen Fall mit Hilfe von Marie Langer publik machte, zog sie sich den Zorn des psychoanalytischen Establishments zu, das die Vorwürfe gegen Lobo bestritt. Besserman Vianna wurde erst in den 1980er Jahren rehabilitiert, nachdem sich die Beteiligung Lobos an Folterungen bestätigt hatte.
1967 entstand die Associação Brasileira de Psicanálise (ABP) - heute Federação Brasileira de Psicanálise (FeBraPsi) - als Organisation der von der IPA anerkannten brasilianischen Psychoanalyse-Gesellschaften. Als offizielles Organ der ABP erscheint seit 1967 wieder die 1928 gegründete Revista Brasileira de Psicanálise. Die FeBraPsi weist heute zwölf Mitgliedsgesellschaften auf.
Während die ABP bis 1981 nur Ärzte aufnahm, standen für LaienanalytikerInnen folgende psychoanalytischen Vereinigungen offen: Seit den 1970er Jahren konnten Dissidenten, die die Kriterien der IPA ablehnten, ihre psychoanalytische Ausbildung am Instituto Sedes Sapientiae in São Paulo erhalten, einem psychotherapeutischen Zentrum mit katholischem Hintergrund. In Rio de Janeiro gründete eine Gruppe von Psychologen 1971 die Sociedade de Psicología Clinica, deren Präsidentin Maria Regina Domingues de Marais war. 1988 wurde sie in Sociedade de Psicanálise da Cidade do Rio de Janeiro (SPCRJ) umbenannt. Die kulturalistische Schule von Karen Horney, Erich Fromm und Harry Stack Sullivan ist durch die Sociedade de Psicanálise Iracy Doyle (SPID) vertreten, die 1974 aus dem Instituto de Medicina Psicológica (IMP) hervorging, das Iracy Doyle 1953 in Rio de Janeiro gegründet hatte.
Igor Caruso Besuche in Brasilien führten 1956, unter der Leitung seines Schülers Malomar Lund Edelweiss, zur Gründung des tiefenpsychologischen Círculo Brasileiro de Psicologia Profunda, 1971 in Círculo Brasileiro de Psicanálise (CBP) umbenannt. In mehreren Städten entstanden Zweiggesellschaften des CBP, darunter der 1963 von Malomar Lund Edelweiss in Belo Horizonte gegründete Círculo Psicanalítico de Minas Gerais. 1969 initiierte Anna Kattrin Kemper in Rio die Gründung des Circulo Psicanalítico do Rio de Janeiro.
Der erste lacanianische Arbeitskreis Brasiliens, das Centro de Estudos Freudiano (CEF), wurde 1975 von Durval Checchicano, Mitglied der EFP, ins Leben gerufen. Der berühmteste brasilianische Lacanianer der 1970er Jahre war Magno Machado Dias, der 1975 zusammen mit Betty Milan das Colegio Freudiano do Rio de Janeiro (CFRJ) gründete. Seit 1995 vertritt die von Lacans Schwiegersohn Jacques-Alain Miller in Rio de Janeiro gegründete Escola Brasileira de Psicanálise (EBP) die Theorien Jacques Lacans in Brasilien.
Der chilenische Arzt Germán Greve war 1910 der erste, der ein lateinamerikanisches Werk zur Psychoanalyse (Sobre psicología y psicoterapia de ciertos estados angustiosos) veröffentlichte. Die eigentliche Geschichte der chilenischen Psychoanalyse begann jedoch mit dem Neuropsychiater Fernando Allende Navarro, der Anfang der 1920er Jahre seine psychoanalytische Ausbildung in der Schweiz erhalten hatte und Mitglied der Société Suisse de Psychanalyse sowie der Société Psychanalytique de Paris war. Nachdem er 1925 nach Chile zurückgekehrt war, praktizierte er dort als der erste Psychoanalytiker seines Heimatlandes.
Die bedeutendste Gründerfigur der chilenischen Psychoanalyse war ein Analysand Navarros, der Psychiater Ignacio Matte Blanco, der 1933 nach London ging, um sich am Institut der British Psycho-Analytical Society zum Lehranalytiker ausbilden zu lassen. 1943 nach Santiago de Chile zurückgekehrt, gründete Matte Blanco 1946 im Rahmen der psychiatrischen Universitätsklinik gemeinsam mit Allende Navarro, Arturo Prat Echaurren, Carlos Whiting D'Andurain, María Rivera González und Adelaida Segovia Martin das Centro de Estudios Psicoanalíticos, das 1949 als Asociación Psicoanalítica Chilena (APCh) von der IPA anerkannt wurde. Erster Präsident war Allende Navarro, Sekretär Matte Blanco und Schatzmeister Prat Echaurren.
In den Jahren 1949 bis 1960 erlebte die chilenische Psychoanalyse eine Blütezeit - die Ära Matte Blanco mit einer starken universitären Anbindung. Zur ersten Generation chilenischer AnalytikerInnen zählten u. a. Erika Bondiek, Carlos Núñez, Ramón Ganzaraín und Hernán Davanzo, der wie Matte Blanco Professor an der Universidad de Chile war, sowie José Antonio Infante, Ester Infante, Otto Kernberg, Ximena Artaza und Ruth Riesenberg.
Nach dem dritten Lateinamerikanischen Psychoanalytischen Kongress, der 1960 in Santiago stattfand, begann in der APCh eine Phase interner Konflikte, die dazu führten, dass eine Mehrheit von Analytikern ein von der Universität und Matte Blancos Lehrstuhl unabhängiges psychoanalytisches Institut gründete. Viele Mitglieder der APCh emigrierten zwischen 1961 und 1971 nach Europa oder in die USA, darunter Matte Blanco, der 1966 nach Rom ging, und Otto Kernberg, der 1961 nach Topeka übersiedelte, wohin ihm mehrere seiner Kollegen folgten. Ruth Riesenberg zog 1963 nach London und Hernán Davanzo verbrachte mehrere Jahre in Riveirao Preto in Brasilien.
Die APCh erlebte eine Zeit der Stagnation, die bis in die 1980er Jahre dauerte. Die Ausbildung der nächsten Analytiker-Generation wurde von den in Chile gebliebenen Mitgliedern getragen, vor allem von Carlos Whiting, der eine führende Rolle spielte und die Kontakte zu anderen lateinamerikanischen Ländern pflegte, sowie von Ximena Artaza, Erika Bondiek de Guzmán, Carlos Núñez, José Antonio Infante, Ester Infante und Eva Reichenstein. Unter argentinischem und brasilianischem Einfluss wandelte sich die Orientierung der chilenischen Psychoanalyse während der 1960er Jahre von einer klassisch freudianischen zu einer kleinianisch inspirierten. Seit 1979 erscheint die Revista Chilena de Psicoanálisis als Organ der APCh. (Artikelanfang)
Entwicklung seit den 1980er Jahren
Zu einem Aufschwung kam es dann wieder in den 1980er Jahren, als noch während der Militärdiktatur Pinochets eine Liberalisierung des Hochschulwesens einsetzte und viele Psychiater und Psychologen eine psychoanalytische Ausbildung anstrebten. Diese Periode ist mit Namen wie Mario Gomberoff, Liliana Pualuán, Elena Castro, Omar Arrué, Ramón Florenzano, Jaime Coloma, Eleonora Casaula, Juan Francisco Jordán und Juan Pablo Jiménez verbunden. Es wurde die Asociación de Psicoterapeutas Analíticos gegründet, aus der später die Sociedad Chilena de Psicoanálisis (außerhalb der IPA) hervorging. Gleichzeitig entstanden die ersten lacanianischen Gruppierungen in Chile. Einen Höhepunkt bildete 1999 der 41. Internationale Psychoanalytische Kongress in Santiago de Chile unter der Präsidentschaft von Otto Kernberg.
Das kulturelle Milieu Mexikos zu Beginn des 20. Jahrhunderts war vom Positivismus französischer Provenienz geprägt und bildete von daher keinen besonders günstigen Boden für die Psychoanalyse. Hindernisse wie die organizistische Psychiatrie, die Sprachbarriere und das Fehlen von Kontakten mit der deutschsprachigen Welt sorgten für eine verspätete Rezeption der Schriften Sigmund Freuds in Mexiko. Zu den ersten, die sich in Mexiko mit der Psychoanalyse befassten, gehörten der Dichter Salvador Novo, der in den 1920er Jahren Freuds Werke für mexikanische Zeitungen und Zeitschriften rezensierte, der Arzt José Torres Orozco mit seinem 1922 veröffentlichten Aufsatz Las doctrinas de Freud en la patología mental und die Psychiater Guillermo Dávila, Raúl Gonzáles Enríques und Alfonso Millán, die in den 1930er Jahren Vorträge und Seminare zur Psychoanalyse abhielten. Eine Institutionalisierung der mexikanischen Psychoanalyse erfolgte jedoch erst in den 1950er Jahren. Hervorzuheben sind dabei zwei Pioniere: Erich Fromm und Santiago Ramírez.
Der deutsche Psychoanalytiker Erich Fromm, der 1934 vor den Nazis in die USA geflohen war, folgte 1951 einer Einladung der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) und wurde Professor für Medizinische Psychologie in Mexiko-City. Aus einer von Fromm geleiteten psychoanalytischen Arbeitsgruppe, zu der u. a. Alfonso Millán, Aniceto Aramoni und Jorge Silva García gehörten, entstand 1956 die Sociedad Psicoanalítica Mexicana (SPM). Die SPM gab zwischen 1965 und 1974 die Revista de Psicoanálisis, Psicología y Psiquiatría heraus. 1963 gründeten Fromm und seine Anhänger das Instituto Mexicano de Psicoanálisis (IMPAC), dessen Jahrbuch Anuario del Instituto Mexicano de Psicoanálisis seit 1985 erscheint. SPM und IMPAC vertreten die kulturalistische bzw. neofreudianische Richtung der Psychoanalyse.
Santiago Ramírez hatte seine Lehranalyse bei der aus Wien emigrierten Psychoanalytikerin Marie Langer in Buenos Aires gemacht und war der erste etablierte mexikanische Psychoanalytiker. Er gehörte zu einer Gruppe von Medizinern, die den klassisch-freudianischen Ansatz vorzogen und nach dem Zweiten Weltkrieg eine psychoanalytische Ausbildung außerhalb Mexikos absolviert hatten, so Ramón Parrés, Francisco González Pineda, Alfredo Namnum und Fernando Césarman in den USA; Avelino González, Gustavo Quevedo, José Luis González Chagoyán, José Remus Araico und Estela G. de Remus in Argentinien; Rafaél Barajas und Carlos Corona Ibara in Frankreich. Sie bildeten nach ihrer Rückkehr eine psychoanalytische Arbeitsgruppe, aus der 1956 die Asociación Psicoanalítica Mexicana (APM) hervorging [Abb.], die 1957 von der IPV anerkannt wurde. Seit 1965 erscheint die Zeitschrift Cuadernos de Psicoanálisis als Organ der APM.
Mitglieder der APM gründeten 1979 in Monterrey im Norden Mexikos die Asociación Regiomontana de Psicoanálisis (ARPAC), in der Rafael Barajas, Ricardo Diaz Conty, später Rubén Tames Garza und Hernán Solís Garza eine führende Rolle spielten.
Bis in die 1980er Jahre waren in der APM fast nur Ärzte organisiert, der Psychologe Luis Féder bildete seinerzeit eine Ausnahme. Der Konflikt um die nichtmedizinischen "Laienanalytiker" führte zu mehreren Neugründungen: So entstand 1965 die Asociación Mexicana de Psicoterapia Psicoanalítica (AMPP), deren Mitglieder anfangs ausschließlich Psychologinnen, darunter Raquel Berman, waren. 1971 gründeten Armando Suárez Gómez und Raúl Páramo-Ortega in Mexiko-City den Circulo Psicoanalítico Mexicano (CPM), einen tiefenpsychologischen Arbeitskreis nach Igor Caruso, der die gesellschaftskritischen Aspekte der Freudschen Lehre betont. Eine Zweigstelle der CPM wurde 1987 in Gualajara eingerichtet.
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Weitere Abspaltungen von der APM waren die 1967 von José Luis González Chagoyán, Luis Féder, Gustavo Quevedo, Frida Zmud und anderen gegründete Asociación Mexicana de Psicoterapia Analítica de Grupo (AMPAG), die 1972 entstandene Grupo Mexicano de Estudios Psicoanalíticos, seit 1978 Sociedad Psicoanalítica de México (SPdM), mit Avelino González und Amapola González de Gaitán als Gründerfiguren und 1977 das von Armando Barriguete geleitete Instituto Mexicano de Psicoterapia Psicoanalítica para la Adolescencia (IMPPA). Ein 1966 von dem aus Belgien stammenden Benediktinerprior Gregorio Lemercier gegründetes psychoanalytisches Kloster, das Centro Psicoanalítico Emmaus, wurde 1979/1980 wieder geschlossen.
1974 emigrierte eine Anzahl argentinischer PsychoanalytikerInnen wegen der politischen Verhältnisse aus Argentinien nach Mexiko, so auch Marie Langer, die 1969 die linksoppositionelle Gruppe Plataforma gegründet hatte und in Mexiko ihren Kampf gegen das psychoanalytische Establishment fortsetzte. Weitere argentinische EmigrantInnen waren Juan Carlos Plá, Ignacio Maldonado, Silvia Bleichmar, Frida Saal, Miguel Matrajk, Armando Bauleo und Néstor Braunstein. Die Argentinier schlossen sich in ihrer Mehrheit der lacanianischen Schule in Mexiko an. Néstor Braunstein gründete 1980 die lacanianische Fundación Mexicana de Psicoanálisis (FMP) und 1982 deren akademisches Organ, das Centro de Investigación y Estudios Psicoanalíticos (CIEP). Eine weitere lacanianische Organisation war die Escuela Lacaniana de Psicoanálisis, die ab 1990 die Zeitschrift Artefacto herausgab. Auf dem Umweg über Argentinien kam auch die kleinianisch-englische Richtung nach Mexiko, wo sie von Celia Díaz de Mathmann und Laura Achard de Demaria vertreten wird.
Die Psychoanalyse in Mexiko hat keine eigene Schule hervorgebracht, sie bildet eine Mischung aus vor allem nordamerikanischen, aber auch französischen, argentinischen und englischen Ansätzen.