Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon

Geschichte der Psychoanalyse in Lateinamerika

Biografien

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Wie in keinem anderen Land außerhalb von Frankreich stieß das Werk Jacques Lacans mit seiner These von der sprachlichen Struktur des Unbewussten in Argentinien auf großes Interesse. 1974 gründete der argentinische Philosoph und Lacan-Anhänger Oscar Masotta zusammen mit argentinischen Psychoanalytikern die Escuela Freudiana de Buenos Aires (EFBA), die den Beginn einer starken lacanianischen Bewegung in Argentinien markierte. 1979 spalteten sich die Lacanianer erstmals: der inzwischen nach Barcelona emigrierte Masotta initiierte die Escuela Freudiana de Argentina (EFA), aus der heraus sich in den folgenden Jahren zahlreiche lacanianische und postlacanianische Kleingruppen bildeten.


Militärdiktatur und Neubeginn

Während der Präsidentschaft von Juan Perón ab 1973 und seiner Nachfolgerin Isabel Perón wandelte sich Argentinien von einem klassischen Militärregime in ein System des Staatsterrorismus. Die von José Lopez de Rega geschaffene Alianza Anticomunista Argentina (Triple A) ging mit ihren Todesschwadronen gegen linke Gewerkschafter und Intellektuelle vor, und unter General Jorge Rafael Videla, der 1976 die Macht übernahm, fielen dreißigtausend Menschen dem Regime zum Opfer. In dieser Zeit emigrierten viele Psychoanalytiker nach Europa, in andere lateinamerikanische Länder oder in die USA.
Erst nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1983 konnte die psychoanalytische Bewegung in Argentinien erneut expandieren. Zu den bisher existierenden psychoanalytischen Vereinigungen kamen hinzu die Sociedad Psicoanalítica de Mendoza, die Asociación Psicoanalítica de Córdoba (APC) und die Asociación de Psicoanálisis de Rosario. Ende 1990 gab es in Argentinien ca. 2.500 PsychoanalytikerInnen aller Richtungen. 1991 fand der IPA-Kongress erstmals in Buenos Aires statt, bei der Gelegenheit wurde Horacio Etchegoyen, Mitglied der APdeBA, zum ersten spanischsprachigen IPA-Präsidenten gewählt.



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Die Cabernite-Lobo-Affäre spiegelte Mitte der 1970er Jahre diese Situation wider: Amilcar Lobo Moreira, ein der Folterung beschuldigter Stabsarzt der Militärpolizei, wurde vom Präsidenten der SPRJ, Leão Cabernite, als Ausbildungskandidat angenommen. Als die linksorientierte Psychoanalytikerin Helena Besserman Vianna diesen Fall mit Hilfe von Marie Langer publik machte, zog sie sich den Zorn des psychoanalytischen Establishments zu, das die Vorwürfe gegen Lobo bestritt. Besserman Vianna wurde erst in den 1980er Jahren rehabilitiert, nachdem sich die Beteiligung Lobos an Folterungen bestätigt hatte.


Institutionalisierung seit den 1960er Jahren

1967 entstand die Associação Brasileira de Psicanálise (ABP) - heute Federação Brasileira de Psicanálise (FeBraPsi) - als Organisation der von der IPA anerkannten brasilianischen Psychoanalyse-Gesellschaften. Als offizielles Organ der ABP erscheint seit 1967 wieder die 1928 gegründete Revista Brasileira de Psicanálise. Die FeBraPsi weist heute zwölf Mitgliedsgesellschaften auf.
Während die ABP bis 1981 nur Ärzte aufnahm, standen für LaienanalytikerInnen folgende psychoanalytischen Vereinigungen offen: Seit den 1970er Jahren konnten Dissidenten, die die Kriterien der IPA ablehnten, ihre psychoanalytische Ausbildung am Instituto Sedes Sapientiae in São Paulo erhalten, einem psychotherapeutischen Zentrum mit katholischem Hintergrund. In Rio de Janeiro gründete eine Gruppe von Psychologen 1971 die Sociedade de Psicología Clinica, deren Präsidentin Maria Regina Domingues de Marais war. 1988 wurde sie in Sociedade de Psicanálise da Cidade do Rio de Janeiro (SPCRJ) umbenannt. Die kulturalistische Schule von Karen Horney, Erich Fromm und Harry Stack Sullivan ist durch die Sociedade de Psicanálise Iracy Doyle (SPID) vertreten, die 1974 aus dem Instituto de Medicina Psicológica (IMP) hervorging, das Iracy Doyle 1953 in Rio de Janeiro gegründet hatte.
Igor Caruso Besuche in Brasilien führten 1956, unter der Leitung seines Schülers Malomar Lund Edelweiss, zur Gründung des tiefenpsychologischen Círculo Brasileiro de Psicologia Profunda, 1971 in Círculo Brasileiro de Psicanálise (CBP) umbenannt. In mehreren Städten entstanden Zweiggesellschaften des CBP, darunter der 1963 von Malomar Lund Edelweiss in Belo Horizonte gegründete Círculo Psicanalítico de Minas Gerais. 1969 initiierte Anna Kattrin Kemper in Rio die Gründung des Circulo Psicanalítico do Rio de Janeiro.
Der erste lacanianische Arbeitskreis Brasiliens, das Centro de Estudos Freudiano (CEF), wurde 1975 von Durval Checchicano, Mitglied der EFP, ins Leben gerufen. Der berühmteste brasilianische Lacanianer der 1970er Jahre war Magno Machado Dias, der 1975 zusammen mit Betty Milan das Colegio Freudiano do Rio de Janeiro (CFRJ) gründete. Seit 1995 vertritt die von Lacans Schwiegersohn Jacques-Alain Miller in Rio de Janeiro gegründete Escola Brasileira de Psicanálise (EBP) die Theorien Jacques Lacans in Brasilien.



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Entwicklung seit den 1980er Jahren
Zu einem Aufschwung kam es dann wieder in den 1980er Jahren, als noch während der Militärdiktatur Pinochets eine Liberalisierung des Hochschulwesens einsetzte und viele Psychiater und Psychologen eine psychoanalytische Ausbildung anstrebten. Diese Periode ist mit Namen wie Mario Gomberoff, Liliana Pualuán, Elena Castro, Omar Arrué, Ramón Florenzano, Jaime Coloma, Eleonora Casaula, Juan Francisco Jordán und Juan Pablo Jiménez verbunden. Es wurde die Asociación de Psicoterapeutas Analíticos gegründet, aus der später die Sociedad Chilena de Psicoanálisis (außerhalb der IPA) hervorging. Gleichzeitig entstanden die ersten lacanianischen Gruppierungen in Chile. Einen Höhepunkt bildete 1999 der 41. Internationale Psychoanalytische Kongress in Santiago de Chile unter der Präsidentschaft von Otto Kernberg.



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Weitere Abspaltungen von der APM waren die 1967 von José Luis González Chagoyán, Luis Féder, Gustavo Quevedo, Frida Zmud und anderen gegründete Asociación Mexicana de Psicoterapia Analítica de Grupo (AMPAG), die 1972 entstandene Grupo Mexicano de Estudios Psicoanalíticos, seit 1978 Sociedad Psicoanalítica de México (SPdM), mit Avelino González und Amapola González de Gaitán als Gründerfiguren und 1977 das von Armando Barriguete geleitete Instituto Mexicano de Psicoterapia Psicoanalítica para la Adolescencia (IMPPA). Ein 1966 von dem aus Belgien stammenden Benediktinerprior Gregorio Lemercier gegründetes psychoanalytisches Kloster, das Centro Psicoanalítico Emmaus, wurde 1979/1980 wieder geschlossen.


Argentinische Einflüsse

1974 emigrierte eine Anzahl argentinischer PsychoanalytikerInnen wegen der politischen Verhältnisse aus Argentinien nach Mexiko, so auch Marie Langer, die 1969 die linksoppositionelle Gruppe Plataforma gegründet hatte und in Mexiko ihren Kampf gegen das psychoanalytische Establishment fortsetzte. Weitere argentinische EmigrantInnen waren Juan Carlos Plá, Ignacio Maldonado, Silvia Bleichmar, Frida Saal, Miguel Matrajk, Armando Bauleo und Néstor Braunstein. Die Argentinier schlossen sich in ihrer Mehrheit der lacanianischen Schule in Mexiko an. Néstor Braunstein gründete 1980 die lacanianische Fundación Mexicana de Psicoanálisis (FMP) und 1982 deren akademisches Organ, das Centro de Investigación y Estudios Psicoanalíticos (CIEP). Eine weitere lacanianische Organisation war die Escuela Lacaniana de Psicoanálisis, die ab 1990 die Zeitschrift Artefacto herausgab. Auf dem Umweg über Argentinien kam auch die kleinianisch-englische Richtung nach Mexiko, wo sie von Celia Díaz de Mathmann und Laura Achard de Demaria vertreten wird.
Die Psychoanalyse in Mexiko hat keine eigene Schule hervorgebracht, sie bildet eine Mischung aus vor allem nordamerikanischen, aber auch französischen, argentinischen und englischen Ansätzen.



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© 2007-2012 Brigitte Nölleke