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Die Psychoanalyse als Therapie konnte sich in China nur schwer behaupten gegen die konfuzianisch, taoistisch und buddhistisch geprägte "Entsprechungsmedizin", die aus der Ahnen- und Dämonenmedizin hervorgegangen war und auf der wechselseitigen Abhängigkeit innerer und äußerer Phänomene beruht. Erste chinesische Übersetzungen der Schriften Sigmund Freuds erschienen in den 1930er Jahren, und am Ende dieses Jahrzehnts tauchten auch die ersten Pioniere der Psychoanalyse in China auf: Bingham Dai (1899-1996) und Adolf Storfer (1888-1944).
Bingham Dai, ein chinesischer Psychiater, der seine psychoanalytische Ausbildung bei Harry Stack Sullivan in New York und Leon Saul in Chicago erhalten hatte, lehrte von 1935 bis 1939 Psychologie und Psychotherapie am Union Medical College in Peking und gründete dort eine psychoanalytische Arbeitsgruppe. Nach der Invasion der japanischen Truppen emigrierte er 1939 in die USA. Adolf Storfer, Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, Geschäftsführer des Internationalen Psychoanalytischen Verlags und Mitredakteur verschiedener psychoanalytischer Zeitschriften, emigrierte nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 nach Shanghai. Dort publizierte er die Gelbe Post, eine deutschsprachige Zeitschrift, die mit Aufsätzen zur asiatischen Kultur und Psychoanalyse das Interesse nicht nur der Emigranten, sondern auch chinesischer Kreise an der Psychoanalyse wecken sollte. Auch er floh vor der japanischen Besatzungsmacht 1941 nach Australien.
Psychiatrische Einrichtungen gab es in China erst seit 1898. Nach dem Ende der Monarchie (1911) wurden in mehreren großen Städten psychiatrische Krankenhäuser eröffnet, darunter das Union Medical College in Peking. 1935 übernahm die österreichische, bei Julius Wagner-Jauregg geschulte Psychiaterin Fanny Halpern die Leitung des Shanghai Mercy Hospital for Nervous Diseases, der ersten modernen psychiatrischen Klinik Chinas. Nach der Proklamierung der Volksrepublik im Jahr 1949 orientierte sich die chinesische Psychologie an der sowjetischen, sprich an den Ideen Pawlows. Zu dieser Zeit gab es in ganz China nur ungefähr fünfzig Psychiater. Da das Unbewusste als nicht existent galt, bestand die Psychotherapie in der Anwendung suggestiver Techniken und dem Appell an die bewusste Einsicht. Während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 musste die Psychologie ganz der politischen Erziehung weichen - eine Situation, die sich erst nach Maos Tod 1976 im Zuge der wirtschaftlichen Modernisierung und wissenschaftlichen Öffnung Chinas änderte.
In den 1980er Jahren waren Psychotherapien in China überwiegend verhaltenstherapeutisch ausgerichtet, wobei unbewusste Konflikte und Übertragungsvorgänge keine Rolle spielen. Nach Meinung einiger Psychoanalytiker entspricht die Lehre Freuds nicht der chinesischen Tradition mit ihrer Familien- bzw. kollektiven Orientierung und dem hohen Stellenwert von Harmonie und Gesichtswahrung. Andere Autoren wie z. B. Man-Lun Ng oder Tomas Plänkers stellen jedoch die Fremdheit des chinesischen Denkens gegenüber der Psychoanalyse in Frage.
Infolge des fachlichen Austauschs mit Psychotherapeuten anderer Länder während der 1980er und 1990er Jahre begannen chinesische Psychiater und Psychologen sich auch für psychoanalytische Ideen zu interessieren. Erste Seminare und Vorlesungen deutscher Psychoanalytiker fanden 1983 in Kanton statt. 1988 wurde in Kunming auf Initiative der deutschen Psychologin Margarete Haaß-Wiesegart das erste Deutsch-Chinesische Symposium für Psychotherapie durchgeführt.
1996 wurde in Hamburg die Deutsch-Chinesische Akademie für Psychotherapie (DCAP) gegründet, die seitdem chinesische Psychiater und Psychologen in psychoanalytischer Therapie, Verhaltenstherapie und systemischer Familientherapie ausbildet. In diesem Rahmen bot eine Gruppe deutscher Psychoanalytiker_innen, darunter Alf Gerlach, Antje Haag und Margarethe Berger, zwischen 1997 und 1999 in Kunming, Peking, Shanghai, Wuhan und Chengdu Ausbildungskurse in psychoanalytischer Therapie an. Weitere Lehrgänge folgten ab 2000 am Shanghai Mental Health Center. Seit 2006 beteiligen sich unter der Leitung von Sverre Varvin auch norwegische Psychoanalytiker an diesen Ausbildungsprogrammen.
1994 begann der in Paris ausgebildete Lacanianer Huo Datong als Psychoanalytiker in Chengdu zu praktizieren, wo er 1999 an der Sichuan-Universität ein psychoanalytisches Zentrum schuf.
Seit 1995 lehrte Teresa Yuan, eine argentinische Psychoanalytikerin chinesischer Herkunft, psychoanalytische Therapie an der Medical University in Peking. Ab 2002 veranstaltete sie Ausbildungsseminare am Anding Psychiatric Hospital in Peking, unterstützt durch Yang Yunping, die Direktorin des Departments Klinische Psychologie.
Mitte der 1990er Jahre wurde auch die International Psychoanalytical Association (IPA) in China aktiv. Eine IPA Asien-Kommission wurde eingerichtet, in der Teresa Yuan von 1997 bis 2001 China vertrat. 2008 wurde das IPA China Allied Centre gegründet, dessen Arbeit durch die Psychoanalysis Study Group of China und das 2006 etablierte IPA China Committee (unter Peter Loewenberg) organisiert wird. Präsidentin des Allied Centre ist Xiao Zeping, die Direktorin des Shanghai Mental Health Centre und des von Yang Huayu gegründeten Chinese Psychoanalytic Committee der China Association for Mental Health. Seit 2008 können chinesische AnalytikerInnen nach IPA-Kriterien ausgebildet werden, nachdem Irmgard Dettbarn, eine Lehranalytikerin der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, ein Jahr zuvor mit der Analyse von neun chinesischen KandidatInnen aus dem deutsch-norwegischen Ausbildungsprogramm begonnen hatte. (Artikelanfang)
Darüber hinaus führt seit 2003 die von der amerikanischen Psychoanalytikerin Elise Snyder gegründete und geleitete China American Psychoanalytic Alliance (CAPA) Ausbildungsanalysen mit chinesischen Psychiatern und Psychologen durch. Neben dem Anding Hospital in Peking und dem Shanghai Mental Health Centre ist die Tongji Medical University in Wuhan ein wichtiges Zentrum für die Entwicklung der Psychoanalyse in China.
2010 fand in Peking der erste Asienkongress der IPA statt. Gemeinsam mit Australien strebt China die Bildung einer 4. Region in der IPA an (neben Europa, Lateinamerika und Nordamerika). Zur Zeit ist eine neue chinesische Übersetzung der Werke Sigmund Freuds in Vorbereitung.