Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon

Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland

Biografien

Ausbildungsstätten der DPG neben ihrer Arbeitsgruppe am IfP in Berlin - aus der 2000 das Psychoanalytische Institut Berlin (PaIB) hervorging - entstanden unter anderem in Göttingen und in Hannover. Von Göttingen aus leitete Werner Schwidder zwischen 1959 und 1970 die DPG, er war 1954 Mitgründer des Göttinger Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie, das 1994 in Lou Andreas-Salomé-Institut umbenannt wurde. In Hannover gründete Hans Alfken 1951 nach dem Vorbild der Londoner Tavistock-Klinik das Psychotherapeutische Institut mit Erziehungsberatungsstelle für das Land Niedersachsen (Child Guidance Clinic), das später mehrfach seinen Namen wechselte. Hier wirkten Ina Böhlendorf und Ilsabe von Viebahn, die sich beide maßgeblich am Aufbau des 1965 eröffneten Lehrinstituts für Psychoanalyse und Psychotherapie in Hannover beteiligten. (Siehe auch Institute der DPG).

Sigmund-Freud-Institut

Ein von der Kollaboration mit den Machthabern der NS-Zeit unbelasteter Neubeginn der deutschen Psychoanalyse nach 1945 ist vor allem mit den Namen Alexander Mitscherlichs und seiner Frau Margarete Mitscherlich-Nielsen, den AutorInnen des Buchs Die Unfähigkeit zu trauern, verbunden. Alexander Mitscherlich rief 1947 gemeinsam mit Felix Schottlaender und Hans Kunz die Zeitschrift Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen ins Leben. 1949 gründete er die psychoanalytisch orientierte Psychosomatische Klinik in Heidelberg, und 1960 wurde Mitscherlich - nachdem er der DPV beigetreten war - Direktor des im April gleichen Jahres in Frankfurt eröffneten Instituts und Ausbildungszentrums für Psychoanalyse und Psychosomatik, das seit 1964 Sigmund-Freud-Institut (SFI) heißt und das er bis 1976 leitete.
Dieses Institut, das mit Namen wie Tobias Brocher, Clemens de Boor, Hermann Argelander, Alfred Lorenzer, Klaus Horn und Helmut Dahmer verbunden ist, stand durch seine Nähe zu dem wieder errichteten, von Horkheimer und Adorno geführten Frankfurter Institut für Sozialforschung für eine gesellschaftskritische und kulturtheoretische Forschungsrichtung. Das SFI war das größte Ausbildungsinstitut der DPV, bis es 1995 in ein reines Forschungsinstitut umgewandelt wurde. Die Ausbildung findet seitdem in dem 1995 aus einer Arbeitsgruppe niedergelassener Analytiker der DPV entstandenen Frankfurter Psychoanalytischen Institut (FPI) statt.

Entwicklung nach 1968

Auf dem Hintergrund des sich verändernden politischen und kulturellen Klimas zur Zeit der 68er Studentenbewegung nahm das Interesse an der Psychoanalyse deutlich zu. Die studentische Linke interessierte sich besonders für die freudomarxistischen Klassiker Wilhelm Reich, Erich Fromm, Ernst Simmel und Siegfried Bernfeld. Es gelang der Psychoanalyse aber nicht, nachhaltig an deutschen Universitäten Fuß zu fassen. Eine Ausnahme bildet das Institut für Psychoanalyse am Fachbereich Psychologie der Frankfurter Goethe-Universität, das 1972 im Gefolge der Studentenbewegung aus einem Lehrstuhl Alexander Mitscherlichs entstand. Geleitet wurde es zunächst von Mitscherlich, dann ab 1977 von Hermann Argelander und von 1987 bis 2002 von Christa Rohde-Dachser. Als Arbeitsbereich Psychoanalyse des Instituts für Psychologie wird es heute von Tilmann Habermas geleitet.
Der Bedeutungszuwachs, den die Psychoanalyse in den 1980er Jahren durch die Theorie des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan erfuhr, berührte die psychoanalytische Praxis in Deutschland wenig. Die Lacan-Rezeption beschränkte sich vor allem auf philosophische und literaturwissenschaftliche Kreise. Besser stand es mit der Verankerung der Psychoanalyse als Heilmethode: Sie war nach dem Krieg die erste Psychotherapie, die 1967 dank der Studien von Annemarie Dührssen von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt wurde. Mit der Medizinalisierung und der Orientierung am Berufsbild des Facharztes droht jedoch das kulturkritische Potential der Freudschen Lehre in Vergessenheit zu geraten. Dass sich die Selbst- und Narzissmustheorie Heinz Kohuts, die sich auf die inneren Prozesse des Individuums konzentriert, als dominierende Lehrmeinung etablieren konnte, hat Kritikern zufolge diese Entwicklung noch gefördert.
Nachdem die IPV es abgelehnt hatte, den Internationalen Psychoanalytischen Kongress 1981 in Berlin stattfinden zu lassen, setzte Anfang der 1980er Jahre in der deutschen Psychoanalyse eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte während der NS-Zeit ein. Einen Höhepunkt bildete die Begleitausstellung "Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter..." zum 34. Internationalen Psychoanalytischen Kongress, der 1985 in Hamburg erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf deutschem Boden stattfand.

DDR

Was die DDR betrifft, so war die Freud'sche Lehre dort nicht direkt verboten, sie wurde jedoch für antihuman, wissenschaftsfeindlich und gesellschaftspolitisch untragbar erklärt und offiziell weder gelehrt noch praktiziert. Der einzige nach der Teilung in der DDR verbliebene Psychoanalytiker, Alexander Mette, zog der Ausübung seines Berufs eine politische Karriere vor. Größeren Einfluss hatte hier die Neoanalyse Schulz-Henckes. Die von ihm postulierte Rückführung der Psychoanalyse auf "das Beobachtbare" kam der Forderung nach einer materialistisch fundierten, an der Reflextheorie Pawlows orientierten Psychologie ebenso entgegen wie seine Ablehnung der Libidotheorie.

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