|
Polen Tschechoslowakai |
Eine psychoanalytische Bewegung von Bedeutung hat es in Polen nicht gegeben. Aber nicht wenige bekannte PsychoanalytikerInnen stammten aus diesem Land, so Ludwig Jekels, Hermann Nunberg, Helene Deutsch, Eugenia Sokolnicka und Hanna Segal.
Ludwig Jekels, ein Schüler und Freund Sigmund Freuds, führte die psychoanalytische Methode in seinem 1897 gegründeten Sanatorium in Bystra (Schlesien) ein, wo er zusammen mit Hermann Nunberg nervenkranke Patienten analysierte. Jekels übersetzte als Erster die Schriften Freuds ins Polnische und machte 1909 auf einem Kongress in Warschau polnische Neurologen, Psychiater und Psychologen mit der Psychoanalyse bekannt. In der seit 1911 von ihm herausgegebenen Bücherreihe Polska Biblioteka Psychoanalityczna erschienen psychoanalytische Aufsätze in polnischer Sprache. Mitte der 1920er Jahre, nach der Etablierung eines unabhängigen polnischen Staats, belebte sich die psychoanalytische Szene, und es bildeten sich psychoanalytische Arbeitsgruppen in Warschau, Lodz, Krakau, Lemberg und Posen. Der Versuch Eugenia Sokolnickas, 1920 eine polnische psychoanalytische Gesellschaft ins Leben zu rufen, scheiterte allerdings, und die Analysandin Freuds ging ein Jahr später nach Paris.
Als herausragender polnischer Psychoanalytiker der Zwischenkriegszeit gilt Gustaw Bychowski, der bis zu seiner Emigration 1939 an der psychiatrischen Universitätsklinik Warschau tätig war. Er verfasste eine spektakuläre psychoanalytische Studie über den polnischen Dichter Julius Slowacki und veröffentlichte zahlreiche Publikationen zur Psychoanalyse der Psychosen. Zum Warschauer Kreis gehörten auch der Psychiater Maurycy Bornsztajn, der 1930 an der Freien Universität in Warschau die ersten Vorträge einer Vorlesungsreihe zu psychoanalytischen Themen hielt, und Roman Markuszewicz, Autor einer polnischen Geschichte der Psychoanalyse. Weitere polnische Psychoanalytiker dieser Zeit waren Tadeusz Bilikiewicz (Krakau) und Stefan Borowiecki (Posen) sowie Józef Mirski, Jan Kuchta, Adam Wizel, Leopold Wolowicz, Rudolf Kesselring, Norbert Praeger, Tadeusz Jaroszynski, Wladyslaw Matecki und Natalja Zyberlast-Zandowa. Besonderes Interesse fand die Psychoanalye in intellektuellen und pädagogischen Kreisen Polens, angefeindet wurde sie vor allem von der katholischen Kirche.
Der Zweite Weltkrieg setzte der Entwicklung der polnischen psychoanalytischen Bewegung ein Ende. Ihre Repräsentanten verließen das Land oder sie wurden von den Nazis ermordet.(Artikelanfang)
Nach Kriegsende galt die Freudsche Lehre wie in den anderen sozialistischen Ländern auch in Polen als imperialistische bürgerliche Ideologie. Erst Ende der 1950er Jahre gab es bei Ärzten und Psychologen wieder ein größeres Interesse für die Psychoanalyse. Aus Mangel an polnischen Lehranalytikern musste die neue Psychoanalytikergeneration ihre Ausbildung in Prag und in Budapest absolvieren, so Jan Malewski, Zbigniew Sokolik und Michael Lapinski. 1963 gründete Malewski das Ośrodek Psychoterapii in Rasztów, das erste psychoanalytisch orientierte Psychotherapiezentrum in Polen. Malewski und Lapinski emigrierten nach Heidelberg bzw. Australien, während Sobolik in Warschau blieb.
Seit den 1970er Jahren wurde die Psychoanalyse an der Psychiatrischen Universitätsklinik Warschau und am Institut für Psychologie gelehrt und angewendet. Anfang der 1990er waren ca. dreißig Mitglieder in der psychoanalytischen Abteilung der Polnischen Gesellschaft für Psychologie organisiert. Nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers entstanden Anfang der 1990er Jahren das von Katarzyna Walewska geleitete Instytut Psychoanalizy i Psychoterapii (IPP) und die Polskie Towarzystwo Rozwoju Psychoanalizy [Polnische Gesellschaft für die Entwicklung der Psychoanalyse], deren Erste Vorsitzende Elzbieta Bohomolec war. 1997 ging daraus die Polskie Towarzystwo Psychoanalityczne (PTPa) hervor, deren erste Präsidentin von 1997 bis 2001 Anna Czownicka war. Die PTPa ist Mitgliedsgesellschaft der IPV und hat derzeit 42 Mitglieder.
Dass Sigmund Freud 1856 in Freiberg in Mähren, dem heutigen Pribor in der Tschechischen Republik, geboren wurde, hatte keinen Einfluss auf die Geschichte der Psychoanalyse in der Tschechoslowakei. Erst 1936 erschien eine erste tschechische Übersetzung seiner Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Pioniere der Psychoanalyse in der Tschechoslowakei waren der in Uhlíre bei Prag geborene Jaroslaw Stuchlík und der aus Russland stammende Nikolaj Ossipow.
Der Psychiater Jaroslaw Stuchlík war während seiner medizinischen Ausbidung in der Schweiz Carl Gustav Jung begegnet und veröffentlichte 1915 seinen ersten psychoanalytischen Beitrag. Zwei Jahre später besuchte er Sigmund Freud in Wien und nahm an den Seminaren und Sitzungen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) teil. Nach der 1918 erfolgten Gründung der Tschechoslowakischen Republik leitete Stuchlík von 1919 bis 1938 die psychiatrische Klinik in Kaschau (Košice) in der Ost-Slowakei. Mehrere seiner Schüler wurden Psychoanalytiker, so Emanuel Windholz, Sándor Lorand und Jan Frank.
Der russische Psychiater Nikolaj Ossipow hatte 1911 die Moskauer Psychoanalytische Gesellschaft gegründet. Nach der Oktoberrevolution emigrierte er 1921 in die Tschechoslowakei, wo er von 1923 bis 1932 an der Karls-Universität in Prag Vorlesungen über Psychoanalyse hielt. Ossipow initiierte eine psychoanalytische Gruppe in Prag, zu deren Mitgliedern u. a. der russische Emigrant Theodor Dosužkov zählte. Stuchlíks Schüler Emanuel Windholz, der slowakisch-jüdischer Herkunft war, erhielt in Berlin seine psychoanalytische Ausbildung und ließ sich 1931 als Psychoanalytiker in Prag nieder. Er übersetzte Arbeiten Sigmund Freuds in Tschechische und gab 1932 das erste tschechische Jahrbuch der Psychoanalyse heraus. Auf Windholz', Ossipows und Stuchlíks Initiative wurde 1931 eine Gedenktafel an Freuds Geburtshaus in Freiberg angebracht.
Nachdem Hitler 1933 in Deutschland die Macht übernommen hatte, wurde Prag mit seiner relativ großen deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe ein wichtiger Zufluchtsort für viele Emigranten aus Deutschland. In der Tschechoslowakei gab es unter Beneš, der 1935 Masaryk ablöste, keine Einschränkungen für Psychoanalytiker in der Ausübung ihres Berufs. Zu den PsychoanalytikerInnen, die 1933 aus Berlin nach Prag kamen und die Prager Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft bildeten, gehörten Franziska (Frances) Deri mit ihren beiden Analysandinnen Elisabeth Gerö-Heymann und Annie Reich, Steff Bornstein, Edit Gyömröi, Hanna Heilborn, Heinrich und Yela Löwenfeld. Später kamen Michalina Endelmann, Otto Fenichel (1935 als Emissär der WPV), Christine Olden und Edith Jacobssohn hinzu. Der bereits in Prag praktizierende Emanuel Windholz setzte seine Ausbildung bei Frances Deri fort.
Im Herbst 1933 begann die Prager Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft (Psychoanalyticka Skupina v ČSR) mit ihrer Ausbildungstätigkeit, Vorsitzende war bis 1935 Franziska Deri. 1934 wurde die Prager Arbeitsgemeinschaft der WPV angegliedert und 1936 auf dem Marienbader Psychoanalytischen Kongress als Gesellschaft für das Studium der Psychoanalyse von der IPV anerkannt. 1935 übernahm der Wiener Freudomarxist Otto Fenichel die Leitung der Prager Arbeitsgemeinschaft und gründete zusätzlich eine Marxistisch-Analytische Arbeitsgemeinschaft.
Zwischen 1938, dem Anschluss Österreichs an Deutschland, und 1939, dem Überfall auf die Tschechoslowakei, verließen die meisten Prager AnalytikerInnen das Land. Zurück blieben nur Steff Bornstein-Windholzowa, die letzte Vorsitzende der Prager Arbeitsgemeinschaft, Otto Brief, Therese Bondy und Theodor Dosužkov, der als einziger die deutsche Besatzungszeit in Prag überlebte. (Artikelanfang)
Dosužkov betrieb 1946 in Prag die Neugründung der Gesellschaft für das Studium der Psychoanalyse, mit damals 23 Mitgliedern, und hielt Vorlesungen über Psychoanalyse an der Karls-Universität. Die stalinistische Machtübernahme im Jahr 1948 beendete die Nachkriegsentwicklung der nun als bürgerlich-dekadent geltenden Psychoanalyse in der ČSSR. 1952 löste sich die Gesellschaft für das Studium der Psychoanalyse auf, ein Teil ihrer Mitglieder, darunter Dosužkov, Otakar Kucera und Ladislav Haas, setzte die psychoanalytische Arbeit in privatem Rahmen fort.
Durch den Prager Frühling belebte sich die psychoanalytische Bewegung der ČSSR in den 1960er Jahren wieder, wurde aber mit dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen 1968 erneut in ihrer Entwicklung behindert, auch wenn die Psychoanalyse selten öffentlich angegriffen wurde. Psychoanalytisch Interessierte organisierten sich in der Psychotherapeutischen Abteilung der J. E. Purkyne Psychiatrie-Gesellschaft und gründeten schließlich 1988 eine eigenständige Fachgruppe für Psychoanalyse. 1990, nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes, wurde in Prag die Česká Psychoanalytická Spolecnost (ČPS) gegründet, die zu der Zeit aus zwanzig Mitgliedern bestand. Ihr erster Präsident war der Dosužkov-Schüler Miroslav Borecký. Seit 1989 erscheint zweimal im Jahr die Zeitschrift Psychanalytický sborník.